Etwas ist faul im Staate Lesotho. Premierminister Thomas Thabane kündigte am Donnerstag seinen Rücktritt für Ende Juli an. Als Grund gab der 80-Jährige bei einer Ansprache im staatlichen Radio sein hohes Alter an. Dies wäre kein besonders ungewöhnlicher Vorgang, der Regierungschef hat bei seiner Bekanntgabe jedoch auf ein winziges Detail vergessen: Zuvor hatte Lesothos Vizepolizeichef Paseka Mokete erklärt, dass die Anklage im Mordfall um Thabanes zweite Frau Lipolelo auf den Premier ausgedehnt wird und er am heutigen Freitag vor Gericht erscheinen müsse. Diese Anhörung am Freitag Vormittag schwänzte der Regierungschef, stattdessen hielt er sich in Südafrika auf.

Die 58-jährige Lipolelo Thabane war am 14. Juni 2017 in Ha 'Masana, einem Vorort der Hauptstadt Maseru, auf dem Heimweg in der Einfahrt ihres Hauses im Auto erschossen worden – nur zwei Tage vor dem neuerlichen Amtsantritt des Premiers, der schon von 2012 bis 2015 regiert hatte.

Mordanklage gegen Frau des Premiers

Thabanes dritte Frau Maesaiah war wegen des Mordes bereits im Jänner per Haftbefehl gesucht worden. Die 42-Jährige stellte sich vor zwei Wochen, ihr Prozess startet nun im März. Bis dahin ist sie auf Kaution frei.

Damit steht der rätselhafte Kriminalfall, der das politisch ohnedies instabile kleine Gebirgskönigreich massiv belastete, vor einer Lösung. Der Machtkampf in Thabanes Partei All Basotho Convention (ABC) dürfte nun in eine neue Runde gehen.

Die Neuentwicklung des Mordfalles beherrscht die Schlagzeilen in dem kleinen Königreich.
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Lipolelo und Thomas Thabane waren seit 1987 verheiratet. Zur gemeinsamen Tochter, Mabatsoeneng Hlaele, adoptierte Lipolelo die vier Kinder Thabanes aus der ersten Ehe mit Yayi. Fünf Jahre lang, seit 2012, lebte das Paar getrennt.

In einem schmutzigen Scheidungskrieg ließ sich Lipolelo während der ersten Amtszeit Thabanes ihre Rolle als First Lady gerichtlich bestätigen – schließlich war die Scheidung zwar eingereicht, aber noch nicht rechtskräftig. Die Ermordung Lipolelo Thabanes bedeutete, dass nichts mehr dem jungen Glück des Premiers im Wege stand: Nun konnte er mit seiner neuen Frau ins State House einziehen. Etwas mehr als zwei Monate später heiratete er Maesaiah.

Thomas Thabane mit seiner dritten Frau Maesaiah und König Letsie III. bei seiner Angelobung am 16. Juni 2017. Zwei Tage zuvor wurde seine zweite Frau Lipolelo ermordet.
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Der unaufgeklärte Mord überschattet seither die Politik in Lesotho. Zahlreiche Theorien zu den Hintergründen machten die Runde. Aus Thabanes ABC-Partei wurden Vermutungen geäußert, mit dem Mord solle die politische Neuordnung nach den Parlamentswahlen torpediert werden. Die Opposition hingegen beklagte, dass die Regierung die Ermittlungen behindere. Der Chef der Sozialistischen Revolutionspartei, Teboho Mojapela, wurde mehrfach von der Polizei einvernommen und berichtete von Morddrohungen gegen ihn.

"Die Nummer dieses Telefons ist die Ihre"

Seit vergangenem Herbst nahmen die Ermittlungen jedoch wieder Fahrt auf. Erst erklärte Mabatsoeneng Hlaele im November, sie wisse, dass Maesaiah den Mord an ihrer Mutter in Auftrag gegeben habe. Dann schickte Polizeichef Holomo Molibeli dem Premier am Tag vor Weihnachten einen Brief mit Fragen zu dem Mordfall. Unter anderem forderte Molibeli Informationen zu einem verdächtigen Telefonat am Tag des Mordes. "Die Untersuchungen zeigen, dass es vom Tatort aus eine telefonische Kommunikation mit einem weiteren Mobiltelefon gab", schrieb Molibeli. "Die Nummer dieses Telefons ist die Ihre."

Tom Thabane im Wahlkampf zur Parlamentswahl im März 2015, wo er die Mehrheit und sein Amt verlor.
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Der Inhalt des Briefes wurde bekannt, nachdem Thabane den Polizeichef Anfang Jänner feuern wollte, woraufhin dieser vor Gericht ging. Molibeli sei für eine Welle der Polizeigewalt gegen Bürger verantwortlich, wurde als Grund für den Rauswurf angegeben. Der Polizeichef hingegen warf dem Premier vor, ihn wegen der Ermittlungen gegen seine Frau loswerden zu wollen. Das Gericht gab Molibeli recht.

Die Polizei wirft Maesaiah Thabane vor, acht Mörder auf ihre Vorgängerin angesetzt zu haben. Nachdem sie auf eine Vorladung der Polizei nicht reagiert hatte, wurde ein Haftbefehl verhängt. Nachdem sie drei Wochen lang untergetaucht war, stellte sie sich Anfang Februar, wurde jedoch auf Kaution in einer lächerlich geringen Höhe von 1.000 lesothischen maLoti (umgerechnet etwa 61 Euro) wieder freigelassen.

Am Dienstag dieser Woche musste sie zu einer Anhörung vor Gericht erscheinen, dabei wurde der Beginn des Prozesses für den 17. März angesetzt. Die Anklage lautet auf Mord und Mordversuch: im Auto Lipolelo Thabanes saß auch ihre Freundin Thato Sibolla. Diese wurde bei dem Anschlag verletzt. Da ihr die lesothischen Behörden beschieden, ihr keinen Schutz garantieren zu können, hält sie sich in Südafrika auf.

Sie kritisierte, dass die First Lady auf Kaution freigelassen wurde. "Es würde sich seltsam anfühlen, von dem Staat Schutz zu erhalten, der vom Ehemann der Mordverdächtigen geführt wird, die gegen eine fast kostenlose Kaution freigeht und weiterhin Zugang zu allen staatlichen Mitteln hat".

Thato Sibolla saß mit Lipolelo Thabane im Auto und wurde bei dem Mordanschlag verletzt. Damit ist sie die Kronzeugin in dem Fall.
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Thabanes eigene ABC-Partei hatte nach dem Aufkommen der Affäre den Regierungschef zum Rücktritt aufgefordert. Dieser kündigte daraufhin seinen bevorstehenden Rückzug an, ohne dabei konkret zu werden. Am Donnerstag erklärte der ABC-Sprecher Montoeli Masoetsa, das höchste Parteigremium, das Nationale Executive Committee (NEC), verlange, dass Thabane noch am selben Tag seinen Rücktritt erkläre.

Thomas Thabane holte sich 2017 das Premiersamt zurück.
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"Fleißig gedient"

"Ich habe meinem Land fleißig gedient", erklärte der Premier darauf im staatlichen Radio: "Ich habe für ein friedliches und stabiles Lesotho gearbeitet. In meinem Alter habe ich den größten Teil meiner Energie verloren. Ich trete Ende Juli als Premierminister zurück." Dass Thabane tatsächlich noch bis Juli Premier bleibt, darf bezweifelt werden.

"Der Premierminister wird wegen Mordes angeklagt", verkündete Vizepolizeichef Mokete am Donnerstag. Die Anklageschrift sei vorbereitet. Am Freitag wollte sich das Gericht mit Thabane befassen, wartete jedoch vergeblich. "Er ist nicht aus dem Land geflüchtet, er ist nach Südafrika gefahren, um einen Arzt aufzusuchen", erklärte sein Sohn Potlako Thabane.

Am Freitag blieb die Anklagebank im Gerichtssaal leer. Thomas Thabane weilte lieber in Südafrika, um einen Arzt zu besuchen.
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Die zerstrittene ABC-Partei sucht nun Ersatz für den Premier, doch sie ist durch den monatelangen Machtkampf um die Nachfolge in mehrere Lager zersplittert. Der ABC-Generalsekretär Lebohang Hlaele erklärte am Dienstag seine Unterstützung für den Vorsitzenden Samuel Rapapa. Hlaele, der Ehemann von Thomas Thabanes Tochter Mabatsoeneng, gehört zum Flügel des Vizeparteichefs Nqosa Mahao. Dieser kann jedoch nicht das Premiersamt übernehmen, da dies verfassungsgemäß Mitgliedern der Nationalversammlung vorbehalten ist.

Hlaele unterstützte Mahao im Februar gegen den Willen seines Schwiegervaters bei dessen Wahl zum Vizeparteichef, er selbst wurde zum Generalsekretär gewählt. Daraufhin wurde der Premiersschwiegersohn gemeinsam mit Mahao und Rapapa von seinen Regierungs- und Parteiämtern gefeuert – mit von Thabane unterzeichneten Briefen.

Maesaiah Thabane bei ihrer Gerichtsanhörung am Dienstag.
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Im Juni entschied das Höchstgericht, dass das gesamte geschasste NEC seine Ämter zurückerhält. Später wurde ein Telefonat Mabatsoenengs mit ihrem Bruder Potlako Thabane geleakt, in dem die beiden vermuten, ihr Vater sei von Samonyane Ntsekele, dem damaligen Generalsekretär der ABC, hereingelegt worden und hätte nicht gewusst, was er unterschreibt. Zum Zeitpunkt der Entlassungen war Thabane gar nicht in Lesotho, sondern in Johannesburg. Ntsekele wolle selbst das Premiersamt, sagte Potlako in dem Gespräch. Mabatsoeneng sagte, Ntsekele sei der "De-facto-Premier, und unser Vater lässt ihn gewähren".

Potlako Thabane vermutete einen parteiinternen Putsch gegen seinen Vater.
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Schon im Frühjahr wurde über die Rolle spekuliert, die die First Lady Maesaiah in dem Ränkespiel um die Macht in der Partei einnahm. Mabatsoeneng sagte in dem geleakten Gespräch auch, sie erhalte Morddrohungen per Telefon. Diese habe sie nicht der Polizei gemeldet, sondern private Ermittlungen beauftragt. "Wenn mein Ermittler genügend Informationen gesammelt hat, werde ich sie der Polizei übergeben." Sie habe eine geliebte Person unter extrem verdächtigen Umständen verloren, erklärte die Tochter der ermordeten Lipolelo weiter. "Bis heute gibt es keinen Hinweis, was passiert ist, und die Polizei hat Schwierigkeiten, die Details zu verknüpfen. Ich will nicht, dass meine Kinder dasselbe durchmachen wie ich." (Michael Vosatka, 21.2.2020)