Menschen neigen dazu, lieber an allen anderen Schrauben zu drehen, bevor sie sich selbst anpassen oder gar verändern. Das zeigt auch die aktuelle Klimaschutzdiskussion. Geo-Engineering, Solar Engineering, Climate-Engineering – die Liste neuer Branchen, die uns vor der Klimakrise retten sollen, wird länger und länger. Die Vorschläge wirken oft, wegen ihrer schwer vorhersagbaren Auswirkungen, futuristisch und manchmal einfach nur verrückt.

So sollen etwa Milliarden kleiner Spiegel im Weltraum dafür sorgen, dass weniger Wärmeenergie auf die Erde trifft; CO2 soll der Luft direkt entzogen und im Erdboden gespeichert werden; die Meere sollen mit Eisen künstlich ionisiert werden, um für mehr Algenwachstum zu sorgen, was wiederum Kohlendioxid speichern soll.

All diese Ideen sind extrem kostspielig. Vor allem aber würden sie das Weltklima nicht auf das Niveau von vor zehn, 20 oder 50 Jahren zurücksetzen können, sondern neue Klimata schaffen. Das birgt Gefahren.

The Economist

Ihre Befürworter betonen aber stets, dass es sich lediglich um zusätzliche Maßnahmen handle, die neben den bereits existierenden Plänen von Schadstoffreduktion umgesetzt werden müssen. Manche Forscher sagen, dass nicht einmal das reichen würde. Selbst wenn wir das riskante ClimateEngineering und herkömmliche Klimaschutzmaßnahmen wie eine CO2-Bepreisung oder die Energiewende umsetzen, werde sich das nicht ausgehen. Ein Vertreter dieser These ist S. Matthew Liao. Er will direkt beim Menschen, dem größten Treiber des Klimawandels, ansetzen. Liao glaubt nicht an eine baldige Verhaltensänderung. Der Bioethiker und Philosoph von der New York University will deshalb den Menschen direkt verändern. Er ist damit nicht allein. Auf Climate-Engineering soll also Human Engineering folgen.

Genügsamere Menschen

Der Ansatz klingt simpel: Mit bestehenden medizinischen Mitteln soll der Mensch so verändert werden, dass er weniger Ressourcen verbraucht, die Erderwärmung damit eindämmt und notfalls zumindest mit ihren Folgen leben kann. Liao schlägt vier große Lösungsansätze vor: Menschen sollen gegen rotes Fleisch allergisch, kleiner, intelligenter und altruistischer werden. "Die Folgen der Klimakatastrophe sind so groß, dass wir ‚outside the box‘ denken müssen", sagt Liao. Einer seiner Vorschläge geht zum Beispiel so: Wir sollten versuchen, Augen wie Katzen zu bekommen, um nachts besser zu sehen und so den Energieverbrauch in Städten zu reduzieren.

Während des Telefoninterviews mit dem STANDARD wird Liao dabei nicht müde, die "Freiwilligkeit aller etwaigen Eingriffe" zu betonen. Er will jedweden Vergleich mit den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte vermeiden. Nur wer aus freien Stücken dem Klima zuliebe auf das ressourcenintensive rote Fleisch verzichten wolle, selbst aber nicht die Motivation dafür aufbringen könne, würde behandelt werden. Aber wie?

Rindfleisch ist eines der ressourcenintensivsten und klimaschädlichsten Nahrungsmittel.
Foto: REUTERS/Robert Pratta

Der Forscher nimmt Anleihe bei den Lebensmittelintoleranzen: Man könne das Immunsystem so stimulieren, dass es unliebsame Reize – etwa Ausschläge – beim Fleischkonsum triggert, beschreibt Liao seine Idee. Durch den Biss der Amerikanischen Waldlaus könne diese Unverträglichkeit sogar auf natürlichem Wege ausgelöst werden. Dies sei freilich noch zu unberechenbar. Würde weltweit ein Viertel weniger rotes Fleisch konsumiert, entspräche das in etwa einer vergleichbaren CO2-Reduktion – so, als ob wir alle nur mehr lokale Lebensmittel essen würden. Zudem wirke sich verminderter Fleischkonsum positiv auf die Gesundheit aus.

Auch könne man mit bestehenden Medikamenten kognitive Fähigkeiten steigern und so in geburtenstarken Regionen – parallel zur Verbesserung der Schulbildung für Frauen – eine raschere Senkung der Geburtenrate erreichen, glaubt Liao. Er sagt: "Man muss den Menschen Win-win-Situationen bieten, um sie für den Klimaschutz zu begeistern." Selbst wenn diese schlaueren Menschen am Ende doch nicht das Klima schützen wollten, seien sie zumindest schlauer.

Wir sind zu groß und zu schwer und brauchen zu viele Ressourcen, sagen die Vertreter des Human Engineering. Sie wollen der Evolution reinpfuschen.
Illustration: Fatih Aydogdu

Noch skurriler klingt es, wenn der Forscher auf das scheinbare Problem der Körpergröße zu sprechen kommt. Seine These: Der Mensch wurde im Laufe der Evolution zu groß und schwer, größere Körper verbrauchen tendenziell mehr Ressourcen. Auch eine Marsmission brauche kleine Menschen. Warum also nicht die durchschnittliche Körpergröße reduzieren? Den Platz an der Spitze der Nahrungskette werde der Mensch dadurch kaum einbüßen. Schrumpften US-Bürger im Schnitt um 15 Zentimeter, verbrauchten Männer rund 15 Prozent, Frauen 18 Prozent weniger Energie, rechnet Liao vor. Bleibt nur die Frage, wie man Milliarden von Menschen freiwillig zu solch drastischen Maßnahmen bewegen soll?

Gefährliche Praktiken

Allen, die solche Vorhaben als grotesk abtun, hält Liao entgegen, dass groß- und kleinwüchsige Kinder heute schon regelmäßig per Hormontherapie auf eine gesellschaftlich-etablierte Normalgröße irgendwo zwischen 1,50 und zwei Metern getrimmt werden. Bei künstlicher Befruchtung könne man deshalb auf Eier mit kleineren Wachstumsgenen zurückgreifen, glaubt Liao. Eine – von ihm nicht befürwortete – Möglichkeit wäre es auch, die Wachstumsfugen früher zu schließen.

Der Forscher begründet die folgenschweren Eingriffe damit, dass es allen nachkommenden Generationen im Falle eines Nichthandelns sehr viel schlechter gehen werde. An die immer wieder angedeutete Editierung der menschlichen Gene traut sich Liao aber noch nicht heran. Spätestens hier würde es auch "moralisch fragwürdig" und nach derzeitigem Wissensstand "unseriös", argumentiert Andreas Wanninger, Leiter des Departments für Evolutionsbiologie an der Universität Wien.

Die Genschere ist äußerst umstritten.
DER STANDARD

Es sei eine Sache, erwachsene Menschen Gentherapien auszusetzen, um einen bestehenden Gendefekt zu heilen. In die Genetik ungeborener Embryonen einzugreifen, wie in Publikationen angedeutet, habe aber eine völlig andere Dimension. Diese veränderten Gene gelangten dann auch in die Keimbahn und würden so an die nächste Generation weitergegeben werden. Man wisse viel zu wenig über das komplexe Zusammenspiel verschiedener Gene. Ein Eingriff könnte fatale Folgen haben. Menschen könnten "unabsehbare Folgen davontragen", sagt Wanninger. "Wüsste man bereits über sämtliche Funktionen eines Gens Bescheid, dann – und nur dann – könnte man über die ethischen Grenzen einzelner Eingriffe diskutieren", sagt der Evolutionsbiologe zum STANDARD.

Inwieweit die aktuelle Klimaerhitzung die Evolution des Menschen beeinflusst, lässt sich noch nicht seriös abschätzen, sagt Wanninger. Vereinzelt fanden andere Forscher aber bereits heraus, dass bestimmte Vogelarten in den vergangenen vier Jahrzehnten schon kleiner wurden und dafür größere Flügelspannweiten bekamen – ganz ohne Bird-Engineering. (Fabian Sommavilla, 21.2.2020)