Verbirgt sich hinter den Wänden von Tutanchamuns Grabkammer eine weitere Gruft? Forscher streiten seit mehreren Jahren über diese Frage. Neue Bodenradaraufnahmen nähren den Verdacht.
Foto: Reuters / MOHAMED ABD EL GHANY

Vor viereinhalb Jahren versetzte der britische Archäologe Nicholas Reeves die Fachwelt in helle Aufregung. Er behauptete, dass sich hinter den Wänden der 1922 entdeckten Grabkammer des Pharao Tutanchamun noch weitere Räume befänden. Seiner Meinung nach sei das Grab gar nicht für einen König angelegt worden, sondern für Nofretete, Tutanchamuns Stiefmutter. Die mächtige Königin läge noch immer ungestört in ihrer eigentlichen Grabkammer, versteckt und zugemauert.

Reeves hatte seine Hypothese formuliert, nachdem er auf hochaufgelösten Aufnahmen der Wände des berühmten Grabs mit der Kennziffer KV62 feine Linien entdeckt hatte. Diese verliefen ausgerechnet an jenen Stellen, an denen gemäß der üblichen ägyptischen Grabanordnung weitere Kammern hätten liegen müssten.

Hirokatsu Watanabe durchleuchtet den Untergrund in der Nähe des Grabs von Tutanchamun.
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Die Behauptungen des Fachmanns führten prompt zu Untersuchungen vor Ort. Erste vielversprechende Radaraufnahmen des japanischen Experten Hirokatsu Watanabe deuteten tatsächlich auf zwei weitere Kammern hin. Doch kurz nach dem Hype um die möglichen neuen Kammern kehrte wieder Ernüchterung ein. Ein US-Forscherteam von National Geographic, das im März 2016 Messungen durchführte, blieb ebenso erfolglos wie italienische Wissenschafter um Franco Porcelli, die im Februar 2018 Untersuchungen durchführten.

Mamdouh Eldamaty stellt 2016 die Ergebnisse der ersten Bodenscans vor.
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In Ägypten jedoch gaben einige die Hoffnung nicht auf – wie der frühere Minister für Altertumskunde Mamdouh Eldamaty, der nun anscheinend dafür belohnt wurde. Radaraufnahmen der britischen Firma Terravision Exploration hatten den Verdacht genährt, dass da doch etwas sein könnte. Also wagte sich Eldamaty, der seit seinem Rücktritt als Minister im Jahr 2016 an der Ain-Schams-Universität in Kairo lehrt und forscht, mit Terravision noch einmal an die Sache heran.

Bodenscans von oben

Doch statt vom Inneren der Grabkammer Tutanchamuns mittels Bodenradar zu suchen, wie das die beiden erfolglosen Teams getan haben, wurde das Areal nun wieder von der Erdoberfläche aus nach etwaigen Hohlräumen abgescannt. Wie es scheint, wurde man tatsächlich fündig, wie das Fachblatt "Nature" in seiner Onlineausgabe berichtet

Die berühmte Büste ihres Kopfes steht in Berlin. Wo aber steckt ihr Grab?
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Überraschend ist freilich der Ort der entdeckten Hohlräume: Waren Forscher wie Reeves davon ausgegangen, dass sich die verborgenen Kammern im Norden der Gruft von Tutanchamun befinden müssten, wurde man im Osten der Grabkammer fündig. Laut Bodenradar würden sich dort in gleicher Tiefe weitere unterirdische Hohlräume befinden, die rund zwei Meter hoch und zehn Meter lang sein dürften.

Dass man im Norden des Grabs nichts fand, könnte damit zu tun haben, dass dort die Klimaanlagen für das Grab stehen und Messungen daher schwierig sind. Eldamaty berichtete seinen Fund Anfang des Monats dem Obersten Rat für Altertümer, der obersten Denkmalbehörde Ägyptens.

Enthusiastische Reaktionen

Internationale Experten, die von "Nature" zum Fund befragt wurden, zeigten sich schon einmal recht enthusiastisch. Dass Reeves begeistert darauf reagierte, nimmt nicht weiter wunder. Ray Johnson, Ägyptologe am orientalischen Institut der Universität Chicago, hält den Fund für extrem aufregend. Und auch sein Kollege Aidan Dodson (Uni Bristol), der nicht an die Hypothese vom Grab Nofretetes glaubt, geht davon aus, dass es ein zweites Grab unmittelbar neben dem von Tunanchamun geben dürfte.

Um das Rätsel zu lösen, will Eldamaty im nächsten Schritt ein neues Projekt einreichen, um auch den Norden der Grabkammer zu untersuchen – mit einer anderen Bodenradarantenne, damit man die Klimaanlagen nicht abbauen muss. (tasch, 21.2.2020)