Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft, und es ist schuld an schon viel zu vielen Verbrechen." So reagierte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag, bevor sie zum EU-Gipfel nach Brüssel flog, auf den Anschlag im hessischen Hanau. Sie sagte auch: "Wir stellen uns denen, die versuchen, in Deutschland zu spalten, mit aller Kraft und Entschlossenheit entgegen."

Die schrecklichen Geschehnisse hatten sich am Mittwochabend ab 22 Uhr in der Kleinstadt (100.000 Einwohner), 20 Kilometer östlich von Frankfurt ereignet. In und vor zwei Shisha-Bars hatte der Deutsche Tobias R. neun Menschen erschossen. Sie waren zwischen 21 und 44 Jahre alt und hatten alle einen Migrationshintergrund.

Die Polizei sicherte nach dem Anschlag im hessischen Hanau, südöstlich von Frankfurt am Main, die ganze Nacht über Spuren.
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Banklehre und BWL-Studium

Als die Polizei die Wohnung des 43-jährigen Sportschützen stürmte, fand sie dessen Leiche und die seiner Mutter. Wenig später übernahm Generalbundesanwalt Peter Frank die Ermittlungen "aufgrund des Verdachts auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund". R. erklärt auf seiner mittlerweile nicht mehr erreichbaren Website, dass er eine Banklehre und später ein BWL-Studium im bayerischen Bayreuth absolviert habe. Er gab auch bekannt, dass er noch nie eine Freundin gehabt habe. Weder der Polizei noch dem Verfassungsschutz war er bisher aufgefallen.

Die Tat erinnert an die Anschläge von Christchurch und Halle. In Neuseeland hatte ein aus Australien stammender Rechtsextremist im März 2019 bei einem Terroranschlag auf zwei Moscheen 51 Menschen getötet. Zwei Menschen starben im Oktober im sachsen-anhaltinischen Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Sie wurden von einem deutschen Neonazi erschossen.

Bekennerschreiben im Netz

Anders als die beiden Attentäter streamte Tobias R. die Taten nicht. Er hinterließ aber ebenfalls eine Art Bekennerschreiben, das er ins Netz stellte. Auf 24 Seiten schildert er sein wirres Weltbild, eine Mischung aus Ausländerhass, Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn.

So wähnte sich der 43-Jährige von Geheimdiensten verfolgt, den ersten Verdacht habe er schon als Baby gehabt. Die Dienste hätten die Fähigkeit, sich in Gehirne "einzuklinken" und diese durch "Fernsteuerung" zu kontrollieren. Als "Beleg" führt er an, dass er sich über Serien auf Basis von Hollywoodfilmen und eine Strategie für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Gedanken gemacht habe, die dann später genau umgesetzt wurden.

Zudem sei die Existenz "gewisser Volksgruppen" ein Fehler, es müssten rund 20 Völker – darunter Algerien, Tunesien, die Türkei, Iran, Irak, Indien, Pakistan – "komplett vernichtet werden". Über Zuwanderer schreibt er: "Diese Menschen sind äußerlich instinktiv abzulehnen und haben sich zudem in ihrer Historie nicht als leistungsfähig erwiesen." Außerdem postete R. ein Video, in dem er die Amerikaner auffordert, aufzuwachen. Denn in den USA würden in unterirdischen Militäreinrichtungen Kinder misshandelt und getötet.

Tausende Menschen versammeln sich bei der Gedenkrede des deutschen Präsidenten Frank-Walter Steinmeier.
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Wirre Gedanken, abstruse Theorien

Generalbundesanwalt Frank erklärte, das Manifest würde neben "wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien eine zutiefst rassistische Gesinnung aufweisen". Peter Neumann, Terrorexperte am Londoner King’s College, betonte: "Das Muster ist klar und keinesfalls neu: Einzeltäter, diffuse, aber überwiegend rechtsextreme Ansichten, mit einer Do-it-yourself-Ideologie, die er sich aus Versatzstücken im Internet zusammengebastelt hat."

Medien berichten, dass mehrere Opfer kurdischer Abstammung seien. Die Konföderation der Gemeinschaften Kurdistans in Deutschland erklärte: "Wütend sind wir, weil die politischen Verantwortlichen in diesem Land sich rechten Netzwerken und Rechtsterrorismus nicht entschieden entgegenstellen."

Ermittler untersuchen nun, ob es Mitwisser oder Unterstützer gab. Man werde das Umfeld von R. im In- und Ausland abklären, erklärte Frank. In seinem Text erwähnt R., dass er Kontakt mit einem Niederösterreicher hatte, den er wegen seiner Angst vor Geheimdiensten kontaktiert hatte. Der Mann aus dem Bezirk Neunkirchen bestätigte den Mailaustausch den Niederösterreichischen Nachrichten. Er habe R. jedoch klargemacht, dass er ihm nicht helfen könne.

Mahnwachen in Hanau und Berlin

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Bürger zur gegenseitigen Rücksichtnahme und zum Zusammenhalt aufgerufen. "Heute ist die Stunde, in der wir zeigen müssen: Wir stehen als Gesellschaft zusammen, wir lassen uns nicht einschüchtern, wir laufen nicht auseinander", sagte er am Donnerstagabend bei einer Trauerfeier in Hanau. Steinmeier nannte den Anschlag eine "Terrortat". Denn das heißt doch Terror: durch Gewalt und Tod Schrecken zu verbreiten, Angst zu machen, uns auseinander zu treiben."

Auch vor dem Brandenburger Tor in Berlin treffen sich viele Menschen zu einer Mahnwache.
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Mehrere Hundert Menschen, darunter etliche prominente Politiker, haben am Donnerstagabend auch in Berlin am Brandenburger Tor der Opfer gedacht. Sie bildeten eine große Menschenkette rund um das Tor. Einige hielten Kerzen in den Händen und legten Blumen an dem Bauwerk ab. Vereinzelt waren Europaflaggen zu sehen. Auf einem Schild stand zu lesen: "Wir trauern um die Opfer von Hanau, Halle, Kassel, Mölln etc. Stoppt Hass und Hetze in den asozialen Medien." (Birgit Baumann aus Berlin, 20.2.2020)