Seemänner mit weißem Rauschebart, die auf wackligen Nussschalen ihre Angel auswerfen – das Bild von der Fischerei ist ebenso romantisiert wie das vom ökologischen Bauernhof, wo alle in Eintracht mit der Natur leben. Die Wirklichkeit sieht da wie dort anders aus: Die Meere sind überfischt, und die Fischerei stößt an ihre natürlichen Grenzen.

Während das Meer immer weniger Fische hergibt, kommt immer mehr Fisch aus Aquakulturen. Im letzten Jahr waren es 86,5 Millionen Tonnen, schätzt die Welternährungsorganisation. Das klingt zunächst gut – schließlich schont das Wildbestände. Oft haben Aquakulturen aber katastrophale Auswirkungen auf die Umwelt. Denn die Zuchtfische in den gigantischen Netzen im Meer werden oft mit Beutefischen gefüttert. Es sind Fische, die wiederum aus dem Ozean stammen. Obwohl das sogenannte Fish-in-Fish-out-Verhältnis in den vergangenen Jahrzehnten verbessert werden konnte, wird immer noch ein Drittel der weltweit gefangenen Fische an andere Fische verfüttert. Beliebte Arten wie der Lachs fressen etwa das Doppelte ihres Körpergewichts an Beutefisch.

Meist wenig nachhaltig: Eine offene Aquakultur in Madagaskar.
Foto: Reuters/Baz Ratner

Fische fressen Fisch weg

Weil der immer teurer wird, bekommen Fische immer mehr pflanzliches Futter vorgesetzt. Das wiederum besteht oft aus den ökologisch problematischen brasilianischen Sojabohnen. Werden Jagdfische wie der Lachs vegetarisch zwangsernährt, sinkt außerdem ihr Gehalt an Omega-3-Fettsäuren – jenem Bestandteil, der Fisch so gesund macht. Immer öfter werden Fische deshalb testweise mit Insekten gefüttert, die anspruchslos in der Aufzucht sind.

Blue Planet Ecosystems schwebt etwas ganz anderes vor. Aus einer kleinen Halle im 23. Wiener Bezirk heraus, inmitten grauer Gebäude, Autowerkstätten und Baustofffirmen, will das Start-up die weltweite Fischzucht revolutionieren. Das Unternehmen hat sich in eine ehemalige Stuckfabrik eingemietet. Bis vor kurzem war die ganze Halle noch mit einer feinen Schicht Gipsstaub überzogen. Als der Gründer Paul Schmitzberger mit seinem Team aus San Francisco hierher übersiedelte, musste erst einmal geputzt werden – natürlich selbst, "wie man das in einem Start-up eben so macht", sagt der Gründer und lacht.

Eine biologische Maschine

Schmitzberger hat eigentlich Energietechnik studiert und begeisterte sich für erneuerbaren Strom aus Sonne und Wind. Parallel studierte er BWL und VWL – "eine frustrierende Kombination", wie er sagt. Denn nachhaltige Energieerzeugung sei zwar technisch spannend, ökonomisch aber immer herausfordernd.

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Er überlegte deshalb, wie man Sonnenenergie nicht in Kilowattstunden Strom umwandeln könnte, sondern in etwas, das einen wesentlich höheren Marktwert hat: Kalorien. Die "biologische Maschine", die bei der Umwandlung den höchsten Wirkungsgrad hat, sind Mikroalgen – ein Bereich, in dem intensiv geforscht wird. Meistens fokussiert diese Forschung aber auf Biokraftstoffe oder Rohstoffe für die Pharma- oder Nahrungsergänzungsmittel-Industrie, Stichwort "Superfood".

Bisher existiert von der autonomen Fischfabrik nur ein Prototyp.
Foto: Blue Planet Ecosystems

Algen als Futter

"Warum überführen wir die Algen nicht in den nächsten Schritt, so wie es in der Natur passiert?", fragte sich Schmitzberger. In den Weltmeeren ist es tierisches Plankton, das sich von Algen ernährt. Und von diesem wiederum ernähren sich viele andere Meereslebewesen, darunter Garnelen und Fische.

Das Gedankenexperiment steht inzwischen als Prototyp in der Halle im 23. Bezirk: Drei riesige Tanks sind dort übereinander montiert, mit Röhren verbunden und von Computern überwacht. Im obersten wachsen Mikroalgen, die nichts anderes als Sonnenlicht und CO2 aus der Luft benötigen. Das grün gefärbte Wasser fließt in den nächsten Tank, der von Zooplankton bevölkert wird. Ganz unten werden die kleinen Tierchen schließlich von Shrimps gefressen.

Ökosystem im Schiffscontainer

"We turn sunlight into seafood" lautet der Slogan des 2018 gegründeten Start-ups. Denn außer Sonnenlicht und einigen wenige Spurenelementen ist das System vollkommen autark, der Strom für Pumpen, Heizung und Elektronik soll aus Solarenergie kommen. Nur den Fisch muss regelmäßig jemand rausholen.

Künstliche Intelligenz soll dafür sorgen, dass sich Algen, Plankton und Shrimps wohlfühlen. Eine Kamera im Tank erkennt mittels Computer-Vision, ob ein Fisch krank ist, ein selbstlernendes System stimmt Temperatur, pH-Wert und Sauerstoff auf die Bedürfnisse der Lebewesen ab. Parasiten und Giftstoffe sollen keine Chance haben, Antibiotika überflüssig werden.

Im ersten Schritt wird pflanzliches Plankton mithilfe von Licht und CO2 erzeugt.
Foto: Blue Planet Ecosystems

Das gesamte System soll gegenüber klassischen Aquakulturen konkurrenzfähig sein, aber in einem Standard-Schiffscontainer Platz finden. Normale Fischfarmen, die in maßgefertigten Gebäuden untergebracht sind, muss man neu planen. Das kostet Zeit und Geld. Einen Container kann man hingegen vergleichsweise günstig überall auf der Welt hinbefördern. Wobei Schmitzberger als Standort vor allem Wüsten vorschweben, in denen es genug Platz und Sonne gibt.

Im Juni soll die erste Fuhre Fisch fertig sein. Mit den Fangflotten und Riesenfarmen wird er anfangs nicht mithalten können, langfristig ist das aber durchaus das Ziel. Fürs Erste will sich Blue Planet Ecosystems aber auf drei Märkte konzentrieren: umweltbewusste Europäer, auf Gesundheit bedachte Kalifornier und südostasiatische Staaten wie Singapur, die Lebensmittel künftig autonomer produzieren wollen.

Konkurrenz aus dem Labor

Aber ist es noch zeitgemäß, Tiere einzusperren, um sie zu mästen und zu töten? Immerhin gibt es immer mehr täuschend echte Fleischersatzprodukte aus Pflanzenprotein, und auch Laborfleisch wird demnächst industriell herstellbar sein. Das Start-up Shiok Meats aus Singapur will etwa bis Ende des Jahres Garnelenfleisch tierleidfrei im Labor züchten und bald konkurrenzfähig gegenüber echtem Fisch sein.

Laborfleisch und -fisch sieht Schmitzberger positiv, dieses löse das Grundproblem aber nicht. Die tierischen Zellen wachsen nicht von selbst, sondern müssen mit pflanzlichen Proteinen gefüttert werden. Dafür wäre wiederum Ackerbau notwendig. Das gehe sich aber mit dem wachsenden Bedarf an tierischen Proteinen nicht aus.

Im vergangenen Jahr hat das Start-up über den Biotech-Accelerator Indie Bio in San Francisco jedenfalls eine Million Euro Risikokapital geangelt. Warum das Team doch wieder nach Wien gekommen ist? "San Francisco ist toll, um ein Start-up zu gründen, Leute kennenzulernen und Geld einzusammeln", sagt Schmitzberger. In Österreich herrschten zwar keine idealen Bedingungen für Start-ups, aber: "Ich zahle lieber 50 Prozent Steuern und muss dafür nicht mit dem Uber ins Krankenhaus fahren." (Philip Pramer, 24.2.2020)