Frankfurt – Das etwas Öde an Laubwäldern im Winter ist, dass sie karg sind. Früher hieß die Commerzbank-Arena im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen-Süd Waldstadion. Manchmal, je nach Perspektive "legendäres Waldstadion". Jeweils liegt die Betonung auf Wald. Das Heimstadion der Frankfurter Eintracht ist umgeben vom Stadtwald, der sich im Februar braun und karg um das Stadion wölbt. Frankfurt ist grau an diesem Donnerstag, ein Wind fegt, am frühen Abend trafen einander Österreichs Serienmeister Salzburg und die Eintracht zum Hinspiel in der Runde der letzten 32 zur Europa League. Dass die organisierten Eintracht-Fans schon vor dem Spiel grantig waren, lag nicht am Wetter und nicht am Gegner – sondern an der Uefa, dem europäischen Fußballverband.

Schwarz-Weiß dominierte trotz Salzburger Auswärtsrekords in Frankfurt.
Foto: REUTERS/Ralph Orlowski

Choreo abgesagt

Die Nordwest-Kurve plante eine Choreographie mit Wunderkerzen. Der Verein ging d’accord, die Uefa hatte etwas dagegen. Also wurde die Choreo abgesagt. Trotzdem präsentiert sich der Anhang imposant. Es ist richtig laut in Frankfurt. Vor dem Spiel werden schwarz-weiße Balkenschals in die Frankfurter Nacht gehoben. Zwei Transparente vor der Eintracht-Kurve zeigen Subtiles: "Fuck Uefa! Fuck RB!" Aus Salzburg waren mehr als 3000 Fans mitgekommen – Auswärtsrekord, wurde vom Klub vermeldet.

Schweigeminute

Kurz vor Anpfiff wird eine Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags in Hanau abgehalten. Einige können oder wollen sie nicht einhalten, die Antwort kommt prompt: "Nazis raus", schallt es durch die Commerzbank-Arena.

Ilsanker statt Hinteregger

Bei Salzburg ist Patrick Farkas fit, beackerte die rechte Abwehrseite. Die Gäste starten ambitioniert, ein erster Angriff wird verstolpert (3.). Bei den Gastgebern fehlt Österreichs Teamverteidiger Martin Hinteregger gesperrt, Landsmann Stefan Ilsanker vertritt ihn in der Innenverteidigung. Salzburg ist in den ersten Minuten aktiver, ohne große Szenen im Strafraum vorzufinden. 11. Minute Frankfurt wacht plötzlich auf: Silva mit einem Solo über die linke Seite, sein Schuss wird gerade noch geblockt. Salzburg bekommt den Ball aber nicht aus der Gefährlichkeit. Die Eintracht bleibt dran, der Japaner Daichi Kamada kommt im Strafraum zum Schuss: Goalie Cican Stankovic ist chancenlos – 1:0 für die Eintracht.

Die Partie plätschert dann ein wenig dahin, Salzburgs Kreativposten im Mittelfeld, Zlatko Junuzovic und Masaya Okugawa, tun sich schwer gegen die Robustheit der Gastgeber.

Ein frustrierender Abend für Enock Mwepu und seine Teamkollegen.
Foto: EPA/ARMANDO BABANI

Weitere Chancen

Frankfurt ist dem 2:0 näher, als Salzburg dem Ausgleich, Maximilian Wöber muss immer wieder rettend abräumen. Salzburg zeigt, dass es noch da ist (28.). Aus zwei Eckbällen wird es noch nicht richtig gefährlich, dann aber vergeigt Frankfurt den Konter, Stürmer Hee-Chan Hwang bekommt den Ball in aussichtsreicher Position nicht aufs Tor. Konkreter wird noch einmal die Eintracht: Djibril Sow stellt mit einem Ableger Filip Kostic völlig frei, der verzieht (33.). Auf der Gegenseite wird ein Schuss von Enock Mwepu geblockt. Salzburgs beste Möglichkeit bis dato. Kurz vor der Pause geht es Ilsanker überforsch im Strafraum gegen Junuzovic an, kein Pfiff, kein Elfer.

Kamada erzielte einen Hattrick, hier sein 2:0.
Foto: Arne Dedert/dpa via AP

Hängende Köpfe

Und dann scheppert es doch noch im Tor der Salzburger: Frankfurt spielt schnell und mit Risiko in die Spitze, Kamada ist völlig frei, zieht aufs Tor, verschafft sich mit einem Haken Platz und Zeit und stellt auf 2:0 (43.). Salzburgs Köpfe schleichen eher hängend in die Pause. Es musste eine klare Steigerung her.

Musste ungewöhnlich oft hinter sich greifen: Cican Stankovic.
Foto: AP/ Arne Dedert

Salzburg kommt etwas mutiger aus der Pause, die Eintracht aber zeigt sich gnadenlos. Oder besser Kamada: Wieder steht der Offensivmann frei im Salzburger Sechzehner und köpft trocken sein drittes Tor des Abends (53). Und sie hatten noch nicht genug. Ein paar Minuten später sticht Silva mit Tempo an den Ball, Salzburg kommt nicht in den Zweikampf. Pass auf Kostic: 4:0 (56.).

Resultatskosmetik

Die 47.000 im Stadion haben ihren Spaß, der Spannungsbogen ist damit endgültig dahin. Österreichs Serienmeister watet in eigener Verunsicherung. Das ist ungewohnt, sehr sogar. Für das Team von Jesse Marsch geht es in den verbleibenden Minuten vor allem darum, ein schlimmeres Debakel zu verhindern. Das gelingt, auch weil der eingewechselte Goncalo Paciencia die große Chance zum 5:0 vergibt (74.). Und dann noch unerwartet Zählbares für die Gäste: Sow legt Ulmer im Strafraum, Hwang verwandelt den Elfer zum 1:4-Endstand (85.). Beim Rückspiel am Donnerstag müssen Wunder bedient werden. Mit einer Leistung wie in Frankfurt werden sie ausbleiben. (Andreas Hagenauer aus Frankfurt, 20.2.2020)

Technische Daten:

Fußball-Europa-League, Sechzehntelfinale, Hinspiel:

Eintracht Frankfurt – Red Bull Salzburg 4:1 (2:0)
Commerzbank-Arena, 47.000 Zuschauer (ausverkauft), SR Palabiyik (TUR).
Rückspiel am kommenden Donnerstag (27. Februar, 21.00 Uhr) in Salzburg.

Tore:
1:0 (12.) Kamada
2:0 (43.) Kamada
3:0 (53.) Kamada
4:0 (56.) Kostic
4:1 (85.) Hwang (Elfmeter)

Frankfurt: Trapp – Toure, Ilsanker (86. Durm), Abraham, Ndicka – Hasebe – Kamada (81. Da Costa), Sow, Rode, Kostic – Silva (77. Paciencia)

Salzburg: Stankovic – Farkas, Onguene, Wöber, Ulmer – Mwepu, Junuzovic, Okugawa (46. Adeyemi), Szoboszlai (75. Camara) – Daka (46. Koita), Hwang

Gelbe Karten: Sow bzw. Adeyemi