Zwei Fabriken des Autoherstellers Nissan sind derzeit in China geschlossen. Und bleiben es wahrscheinlich auch länger.

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Peking – Die chinesische Regierung erwartet wegen der Coronavirus-Epidemie einen Einbruch des Außenhandels in den ersten beiden Monaten des Jahres 2020. "Wir erwarten, dass das Import- und Exportwachstum im Jänner und Februar stark zurückgehen wird", erklärte das Handelsministerium. Die Ausfuhren tragen etwa ein Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Exportweltmeisters bei.

Das Bruttoinlandsprodukt Chinas dürfte nach Prognosen im ersten Quartal deutlich langsamer wachsen, nämlich nur um drei Prozent statt den Ende 2019 vorausgesagten sechs Prozent.

Nissan und Honda verlängern Produktionsstopp

Ein Grund für die Wirtschaftsflaute ist, dass in China derzeit wegen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie zahlreiche Fabriken stillstehen. Betroffen ist beispielsweise die Autoindustrie. Honda und Nissan haben bekanntgegeben, ihre Fabrik in Wuhan länger als geplant geschlossen zu halten, nämlich bis 11. Marz. Die japanischen Autobauer entsprechen damit den Aufforderungen der chinesischen Behörden.

Nissan überdenkt in Bezug auf zwei Fabriken ebenfalls, wann der Betrieb wieder aufgenommen werden soll. Hintergrund sei neben entsprechenden Anordnungen der Behörden auch die Lage der Zulieferer. Der Autobauer musste bereits in seiner Heimat die Produktion an einigen Standorten drosseln, weil Bauteile aus China fehlten. Auch Daimler hat in seinem Geschäftsbericht vor den Auswirkungen des Coronavirus auf das eigene Geschäft gewarnt.

Der oberösterreichische Faserhersteller Lenzing hat indessen seine Produktion in China am Freitag wieder hochgefahren. Vor zehn Tagen hatte das Unternehmen zwei der drei Anlagen in seinem chinesischen Werk in Nanjing wegen Lieferengpässen bei Rohstoffen und eines Rückgangs der Nachfrage heruntergefahren. Zu den Lieferengpässen war es aufgrund intensiver Transportkontrollen im Zuge der Coronavirus-Epidemie gekommen.

Regierung will helfen

Die chinesische Regierung will den Unternehmen jetzt unter die Arme greifen und prüft deshalb, welche steuerlichen, finanziellen und versicherungstechnischen Maßnahmen dafür geeignet sind. Die Unternehmen selbst wollen indessen kurzfristig mehr als zehn Milliarden Dollar (9,3 Milliarden Euro) bei Investoren einsammeln, um die Belastungen abzufedern. Die Regierung hatte zuvor entsprechende Regelungen gelockert, chinesische Unternehmen dürfen nun 30 statt 20 Prozent ihres Grundkapitals über eine Privatplatzierung verkaufen.

Nicht nur die Industrie, sondern auch die Dienstleister leiden unter der Epidemie. Besonders der Tourismus- und Verkehrssektor sei von dem Ausbruch betroffen, heißt es von den chinesischen Behörden.

Die Sorge wegen der von China ausgehenden Krise belastet auch den Ölpreis. Dieser ist am Freitag nach den Anstiegen der vergangenen Tage wieder leicht gesunken. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostet derzeit 58,72 US-Dollar (54,42 Euro). Das waren 59 Cent weniger als am Vortag. Der Preis für US-Rohöl der Sorte WTI fiel um 49 Cent auf 53,39 Dollar.

IfW-Chef: Wendepunkt zur Deglobalisierung

Der Präsident des deutschen Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr, sieht durch das Coronavirus einen Wendepunkt in der Weltwirtschaft in Richtung Deglobalisierung gekommen. "Uns droht ein Lehman-Moment", so der österreichische Ökonom im deutschen "Handelsblatt" (Freitagsausgabe). Den Trend weg von der Globalisierung sehe man schon länger, das Virus werde ihn beschleunigen.

Die jetzigen Entwicklungen in China zeigten plötzlich, wie fragil das System der Weltwirtschaft sei. Wie bei der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 sei das Selbstverständliche "plötzlich nicht mehr selbstverständlich": Stabile Lieferketten seien keine Selbstverständlichkeit mehr, und China liefere nicht immer ganz selbstverständlich tolle Wachstumsraten. "Allein das Bewusstsein für eine neue Fragilität kann einschneidende Effekte haben."

Zu den Auswirkungen des Coronavirus meint Felbermayr, den von der chinesischen Regierung veröffentlichten Zahlen könne man nicht trauen, sowohl zum Ausmaß der Epidemie als auch zu den Produktionsausfällen. "Die Epidemie ist gegenwärtig die größte Bedrohung für die Weltwirtschaft, sowohl was den Handel als auch das Wachstum angeht", sagt er.

Neuinfektionen in Südkorea sprunghaft gestiegen

Die Zahl der weltweiten mit dem Sars-CoV-2-Erreger infizierten Menschen stieg laut dem aktuellsten Bericht der Weltgesundheitsorganisation vom 20. Februar auf 75.748 Fälle an. In China sind demnach derzeit 74.675 Personen infiziert und 2.121 Menschen an dem Virus verstorben. Allein am Freitag starben 118 Chinesen an den Folgen des Virus. Außerhalb Chinas sind 1.073 Menschen in 26 Ländern infiziert und bisher acht Menschen verstorben.

Am stärksten gestiegen sind die Neuinfektionszahlen zuletzt in Südkorea. Im Lauf des Freitags kamen laut Behörden 100 neue Fälle dazu, nachdem die Zahl bereits am Donnerstag sprunghaft angestiegen war. Der sprunghafte Anstieg ging offenbar von einer 61-jährigen Frau aus, die in Gottesdiensten den Erreger an andere Südkoreaner weitergegeben hat. Die Regierung hat nun die 9.000 Mitglieder der Shincheonji Church of Jesus gebeten, sich freiwillig in Quarantäne zu begeben. (red, APA, 21.2.2020)