John Lewis, Bürgerrechtler und Kongressabgeordneter.

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Als Ärzte im Dezember die niederschmetternde Diagnose stellten, Bauchspeicheldrüsenkrebs im vierten Stadium, ließ John Lewis eine schriftliche Erklärung verbreiten. Er mache sich keine Illusionen, war darin zu lesen, doch nach der Meinung der Mediziner habe er angesichts fortgeschrittener Behandlungsmöglichkeiten eine faire Chance, wenn er kämpfe. "Ich habe beschlossen, etwas zu tun, worin ich mich auskenne, etwas, was ich schon immer getan habe: Ich werde dagegen kämpfen." Am Freitag, acht Wochen nach Bekanntwerden der Diagnose, wurde der Kongressabgeordnete aus Georgia 80 Jahre alt.

Lewis ist nicht einfach Kongressabgeordneter, er ist viel, viel mehr. Moralisches Gewissen, Symbolfigur des zivilen Ungehorsams, ein Denkmal der Bürgerrechtsbewegung. Vor ein paar Jahren – im Auditorium des Nationalarchivs in Washington erzählte er noch einmal vom Bloody Sunday – konnte man spüren, welche Wirkung von diesem mal stoisch beherrschten, mal augenzwinkernd humorvollen Mann ausgeht. Die Leute hingen förmlich an seinen Lippen, während Lewis schilderte, wie er sich fühlte, als er an jenem 7. März 1965, der als Blutiger Sonntag in die Annalen eingehen sollte, mit Gleichgesinnten über die Edmund Pettus Bridge in Selma lief. In Richtung Ortsausgang, in der Absicht, nach Montgomery, in die Hauptstadt Alabamas, zu marschieren, um die Gleichberechtigung schwarzer Amerikaner an den Wahlurnen zu fordern.

Schädelbruch

Weit kamen sie an dem Tag nicht, denn am Ende der Brücke warteten 150 Polizisten, die meisten State Trooper, Beamte des Bundesstaats. Während der Gestank von Tränengas die Luft erfüllte, knüppelten die Trooper mit Schlagstöcken auf die 600 Bürgerrechtler ein. Lewis wurde so hart am Kopf getroffen, dass er eine Schädelfraktur erlitt. Und doch musste das Publikum seinerzeit im Nationalarchiv an manchen Stellen auch lachen. "John, kannst du schwimmen?", zitierte der Zeitzeuge einen, neben dem er, an der Spitze des Zuges, den Alabama River überquerte. "Nein, und du?" "Nun ja, ein bisschen." "Ich wünsch dir Glück, ich sehe ziemlich viel Wasser da unten."

Aufgewachsen in der Hütte eines Sharecroppers, schloss er sich schon als Teenager der Bürgerrechtsbewegung an. Es begann mit den Lunch-Counter-Protesten, bei denen sich junge Afroamerikaner in Imbisslokalen, zu denen Afroamerikaner damals noch keinen Zutritt hatten, mittags dennoch an die Theke setzten. Im November 1960, einen Tag nach der Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten, demonstrierte Lewis im "Krystal Diner" in Nashville, wo ihm eine Kellnerin Scheuerpulver über den Rücken schüttete und der Manager ein Insektizid versprühte, um ihn und seine Gefährten zu vertreiben.

Freedom Riders

Mit den "Freedom Riders", Schwarzen und Weißen, die nebeneinander in Überlandbussen saßen, nicht getrennt, wie es die Gesetze der Segregation vorschrieben, fuhr er quer durch den Süden. In Rock Hill, South Carolina, wurde er von einem Mob schlimm verprügelt. Es dauerte 48 Jahre, bis einer, der damals auf ihn einschlug, ein Rentner namens Elwin Wilson, einer Zeitung sagte, dass er sich schäme und um Verzeihung bitte. Wilsons Geste, erwiderte Lewis auf die für ihn typische Art, mache einmal mehr deutlich, wie viel Kraft in der Versöhnung liege.

Seit 1987 vertritt er im amerikanischen Abgeordnetenhaus den fünften Kongressbezirk Georgias, praktisch deckungsgleich mit der Metropole Atlanta, wo er bis heute 16-mal in Folge wiedergewählt wurde. Es kommt nicht oft vor, dass er ins Scheinwerferlicht tritt, doch wenn er es tut, erregt er Aufsehen. Als Barack Obama und Hillary Clinton 2008 um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten kämpften, als der Außenseiter der Favoritin erst Paroli bot und sie dann überflügelte, ließ sich auch Lewis mitreißen von der Welle der Euphorie. Ursprünglich hatte er Clinton unterstützt, ehe er zwei Monate nach dem Start der Vorwahlen die Seiten wechselte.

Aufbruchstimmung

"Es passiert etwas in Amerika, etwas, was manche von uns nicht kommen sahen", kommentierte er den Sinneswandel. Es war ein Satz, der sich festhakte, brachte er die Aufbruchstimmung jener Zeit doch ziemlich genau auf den Punkt. Im Jänner 2017, zwei Monate nach dem Wahlsieg Donald Trumps, wirbelte er erneut Staub auf, nur dass er diesmal den Frust der Unterlegenen in zwei Sätzen bündelte. Er sehe in dem Mann keinen legitimen Präsidenten, sagte Lewis. Russland habe bei seiner Wahl mitgeholfen. Darauf Trump in einem Tweet: "Der Kongressabgeordnete Lewis sollte lieber mehr Zeit darauf verwenden, seinem Wahldistrikt zu helfen." (Frank Herrmann aus Washington, 21.2.2020)