Die äthiopischen "Völker des Südens" schmücken ihre Körper gerne. Immer öfter auch, weil es dafür kleine Fotohonorare gibt.

Foto: Sascha Aumüller

Im Jahr 1969 veröffentlichte die "Sunday Times" einen schockierenden Bericht des britischen Reiseschriftstellers Norman Lewis über die Massaker und Landenteignungen an indigenen Gruppen im brasilianischen Amazonasgebiet. Der Artikel führte unmittelbar danach zur Gründung der Menschenrechtsorganisation Survival International in London.

Heute ist Survival International nach eigenen Angaben in über hundert Ländern aktiv und bearbeitet aktuell rund 90 Fälle in 35 Staaten. Die Organisation betreibt keine Entwicklungshilfe im klassischen Sinn, sondern Lobbyarbeit für indigene Völker.

Mit der Zunahme touristischer Aktivitäten selbst in entlegensten Gebieten ist Survival International auch zu einer wichtigen Informationsquelle für verantwortungsbewusste Reisende geworden.

Herausforderungen

Die Organisation hat eine Art Leitfaden für respektvolles Reisen zu indigenen Völkern erstellt, der aus einfachen Verhaltensregeln besteht: Man tue etwa gut daran, sich vor Reiseantritt sorgfältig über unseriöse Tourenanbieter zu informieren, die de facto "Menschensafaris" anbieten. Besser halte man sich an Firmen, die eng mit indigenen Gemeinden zusammenarbeiten und die Einnahmen fair mit diesen teilen. So weit, so klar.

Im äthiopischen Omo-Tal leben rund 200.000 Menschen, die sich 16 verschiedenen Ethnien zugehörig fühlen. Wer sich dort aufhält, bekommt ausreichend Möglichkeiten, solche Leitfäden auf ihren praktischen Nutzen zu überprüfen. Vor allem die "Don’ts", die Survival International in drei Punkten formuliert, bieten gewisse Herausforderungen, wie wir auf einer Reise in das Tal erfahren durften.

1. Mache keine Fotos von indigenen Völkern, solange du nicht sicher bist, dass sie damit einverstanden sind.

"Foto, Foto", rufen gut zwei Dutzend Burschen, sobald wir die Autotür halb geöffnet und noch nicht einmal einen Fuß auf Mursi-Boden gesetzt haben. Das wäre also geklärt. Aus Interesse fragen wir dennoch bei unserem Guide Naty nach, ob wir denn nun fotografieren müssen.

Vor unserer Reise haben wir uns bewusst gegen einen Tourenanbieter und für einen lokalen Guide entschieden, der uns von Angehörigen der Botschaft empfohlen wurde. "Es ist der einzige Grund, warum ihr hier seid. Die Mursi bestehen darauf, dass sie fotografiert werden", meint Naty.

Fotos sind die einzige Einnahmequelle der Mursi.
Foto: Getty Images

Tatsächlich ist es den rund 7500 teilweise noch nomadisch lebenden Hirten ernst mit den Fotos. Sie sind die einzige Einnahmequelle der Mursi. Dass Geld nun überhaupt eine Rolle für sie spielt, liegt an deren permanenter Vertreibung, etwa durch wachsende Zuckerplantagen. Güter oder nachgefragte Artefakte haben sie nicht zu verkaufen, also inszenieren sie sich mit großer Würde, Professionalität und einem bemerkenswerten Geschäftssinn als Besuchte, die man gegen eine kleine Gebühr fotografieren soll.

Die Objektive sind zumeist auf die großen Lippenteller der Frauen gerichtet. Wobei der britische Ethnologe David Turton eine interessante Beobachtung gemacht hat: Seit die Mursi in den Fotos eine Einnahmequelle sehen, übertreffen sich die Frauen gegenseitig in der Größe ihrer Lippenteller – um wahrscheinlicher ins Bild zu kommen. Die Mursi teilen ihre Einnahmen nämlich nicht untereinander auf – wer aufs Bild kommt, behält die Gage.

Ob man die Mursi nun besucht oder nicht, ist keine leichte Entscheidung. "Ani challi", also "Hallo" auf Mursi, zu sagen, ohne zu knipsen, scheint für sie nicht akzeptabel. Wer in gutem Glauben – oder für gute Fotos – gerne ein paar äthiopische Birr lockermacht, sollte aber wissen: Nicht selten kaufen Mursi davon Waffen, was die Konflikte mit Nachbarn verschärft.

2. Besuche keine Gebiete, in denen indigene Gemeinden von ihrem angestammten Land vertrieben wurden.

Bei den "Völkern des Südens", wie die Menschen des Omo-Tals in der äthiopischen Verfassung genannt werden, handelt es sich praktisch nur um solche Gebiete. Was Survival International hier anspricht, ist aber ein Unrecht, das eher in anderen Staaten Afrikas geschieht: Reisende, die in manchen Nationalparks auf Safari gehen, müssen damit rechnen, dass sie ein Naturschutzmodell unterstützen, das Menschen ausschließt. Viele Indigene werden für Schutzgebiete illegal aus angestammten Gebieten vertrieben.

Foto: Getty Images

Zuvor vertriebene Äthiopier zu meiden und nicht in ihrem neuen Lebensumfeld zu besuchen, nähme sich dagegen grotesk aus. So hat sich etwa die Lebensweise der Ari, mit rund 280.000 Angehörigen die größte ethnische Gruppe im Süden, durch die Ortswechsel am deutlichsten verändert.

Sie waren immer schon Bauern, mit dem Bau permanenter Siedlungen sind ihre Landwirtschaften aber diverser geworden. "Dreht doch einfach eine Runde über den Dorfplatz, wenn ihr plaudern wollt", rät Naty in einem Ari-Dorf bei Jinka.

Dort hat man dann innert kürzester Zeit gute Gespräche über die Qualitätsmerkmale von Kardamom oder die Freude einer bevorstehenden Geburt geführt und Danke sagen gelernt – auf Ari: "Beri imane".

3. Behandle indigene Völker nicht, als wären sie rückständig, dumm oder primitiv.

Klingt nachvollziehbar, dass derlei nicht vorhat, wer andere Kulturen kennenlernen will. Wie leicht wertende Urteile gefällt sind, sei aber am Beispiel der Volksgruppe der Hamar erklärt. Mit "Ya hati ne?" – "Wie geht’s?" – begrüßt Naty eine Hamar-Frau in einem Dorf bei Omorate. Sie sieht gequält aus, verschwindet, ohne den Gruß zu erwidern, hinter einem Viehgatter.

Abiy Ahmed, den für den Frieden mit Eritrea nobelpreisdekorierten Präsidenten Äthiopiens, quält auch etwas: die von den Hamar praktizierte weibliche Genitalverstümmelung. Der Präsident tritt vehement gegen die rückständige Praxis auf. Gleichzeitig sorgt er weiter für die Vertreibung aller "Völker des Südens" durch den Ausbau von Monokulturen.

Derlei Widersprüche sind in Äthiopien und besonders im Omo-Tal die Regel, jeder Fortschritt birgt mögliche Rückschritte. Auch der Reisende verlässt es mit mehr als drei Punkten auf der Agenda zur Völkerverständigung. (Sascha Aumüller, RONDO, 28.2.2020)

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