Jahrzehntelang gab es im offiziellen Karneval in Rio de Janeiro eine Übereinkunft: Er darf schrill, bunt und laut, aber nicht politisch sein. Doch seit dem Amtsantritt von Brasiliens ultrarechtem Präsidenten Jair Bolsonaro gehört diese stille Abmachung der Vergangenheit an. Die Sambaschulen zeigen Themen, die zu ihrem Alltag gehören: Polizeigewalt in den Armenvierteln, Rassismus und Homophobie.

Diese unverhüllte Kritik der Karnevalisten an den Regierenden ist neu und zeigt, wie zerrissen Brasiliens Gesellschaft ist. Denn Karneval hieß bis jetzt, einmal im Jahr übertönen die Sambarhythmen und die Farbenpracht der Kostüme die traurige Realität des Alltags.

Schon im Vorfeld der prächtigen Parade in Rios Sambodrom hat die Sambaschule Mangueira, Gewinner des Wettbewerbs im Vorjahr, für Furore gesorgt. Sie zeigt die wohl politischste Show ihrer rund 170-jährigen Geschichte. "Wir ehren Jesus Christus für seinen Kampf für Gleichheit und Brüderlichkeit", sagt deren künstlerischer Leiter Manu da Cuíca. Die Show erzählt die Rückkehr von Jesus in die Armenviertel von Rio.

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Dabei thronte in mehr als vier Metern Höhe Jesus am Kreuz: mit dem Gesicht eines Schwarzen, dem Blut der Ureinwohner und dem Körper einer Frau. Sein Körper ist mit Einschusslöchern übersät, die die ausufernde Polizeigewalt in den Favelas symbolisieren. Vor dem Allegorienwagen laufen schwarz gekleidete Polizisten, die mit Schlagstöcken auf die Bewohner der Armenviertel eindreschen und sie mit erhobenen Händen an eine Wand stellen – auch dies ist eine Szene des Alltags in den Favelas.

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Die Sambakönigin von Mangueira, die tanzend das Defilee im knappen Paillettenkostüm anführt, hat einen Dornenkranz im Haar, und ihr Gesicht ist blutverschmiert. Damit will Mangueira auf die Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. Auf einem anderen Wagen ist Maria Magdalena in die Regenbogenfahne gehüllt und trägt ein Schild mit der Aufschrift: "Wer wirft den ersten Stein?" Auch dies ist eine direkte Reaktion auf die homophoben Äußerungen von Präsident Bolsonaro, der öffentlich bekundete, lieber einen toten als einen schwulen Sohn haben zu wollen. Die Show zeige das Überleben in den Favelas, in denen Polizeigewalt noch nie so viele Bewohner wie in diesem Jahr getötet hat, erklärt Manu da Cuíca in einem Interview.

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Die untypische Show von Mangueira vor fast 90.000 Zuschauern in dem 700 Meter langen Sambodrom wurde mit tosendem Beifall bedacht. Doch für die konservative Kaste der Karnevalisten ist dies zu viel offene Gesellschaftskritik. Der katholische Blogger Frederico Viotti ruft in den sozialen Medien zum Boykott von Mangueira auf: "Nein zu diesem kulturellen Marxismus, Nein zur Blasphemie", schreibt er und findet zahlreiche Unterstützer.

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Der Samba-Chronist Aydano André Motta erklärt, dass der Karneval in Brasilien schon immer ein religiöses Fest gewesen sei. Die Sambaschulen sind in den vornehmlich von ehemaligen schwarzen Sklaven bewohnten Armenvierteln entstanden. Dabei kreierten sie einen Mix aus traditionellen Religionen wie Umbanda und Candomblé und dem Katholizismus.

Auch andere berühmte Sambaschulen wie Salgueira und Portela sparten in diesem Jahr nicht mit sozialer Kritik. Es geht um die Gier nach Bodenschätzen, die die Natur zerstört, um Fake-News und falsche Versprechen der Politik, um Rassismus und Gewalt gegen Frauen.

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Rios streng evangelikaler Bürgermeister Marcelo Crivella, der Karneval ohnehin für Teufelszeug hält, sieht sich in seiner Ablehnung bestätigt, zumal er in diesem Jahr den Sambaschulen jegliche Subventionen strich. "Keinen Centavo" würde es für Veranstaltungen geben, die Eintritt verlangten, begründete Crivella, der evangelikaler Pastor ist. Auf den ersten Blick klingt seine Entscheidung logisch, denn Rio befindet sich seit Jahren im Finanznotstand. Doch für die Sambaschulen geht es nicht nur um die eine prunkvolle Parade im Sambodrom. In den Armenvierteln geben sie hunderten Menschen Jobs, bieten Nachhilfe und medizinische Versorgung für Kinder an und holen Jugendliche aus den Fängen der Drogengangs. Sie sind zugleich Sozialunternehmen und kultureller Treffpunkt.

Mehr als eine Million Menschen beim Straßenkarneval

Seit jeher politisch war dagegen der Straßenkarneval, der immer populärer wird. Er kommt ohne teure Kostüme und Prunkwagen aus. Viele der sogenannten Blocos sind aus dem Widerstand gegen die Militärdiktatur (1964–1985) entstanden, wie Motta erklärt. Rund 200 solcher Umzüge gab es in diesem Jahr in Rio – so viele wie noch nie.

Mehr als eine Million Karnevalisten aus dem In- und Ausland feierten auf den Straßen der Metropole am Zuckerhut. Damit bleibt der Karneval von Rio das größte Volksfest des Kontinents. (Susann Kreutzmann aus São Paulo, 25.2.2020)