Willem Dafoe hat seinen Vollbart geopfert, ausgerechnet! Der Mann, der im vergangenen Jahr in "Der Leuchtturm" den struppigen Seemann gab, rasierte sich erst blank, um dann auf der Berlinale mit einem stolzen Schnauzer aufzutauchen. Das weit über die Mundwinkel hinaushängende Modell Walross darf gut und gern als Statement verstanden werden. Es sind vor allem modebewusste Männer wie Ben Cobb (er ist Co-Chefredakteur beim Londoner "Love Magazin"), die seit einiger Zeit vorführen, dass der Oberlippenbart durchaus eine Alternative zum Vollbart sein kann.

Schauspieler Willem Dafoe während der Berlinale-Präsentation des Films "Siberia".
Foto: AP Photo/Michael Sohn

Allzu lange wurde das Prachtstück oberhalb der Lippe als viriler Pornobalken verunglimpft. Schuld daran waren Männer wie der "Magnum"-Darsteller Tom Selleck oder der Pornodarsteller John Holmes.

Ben Cobb, neuerdings für die Männerbelange des "Love Magazine" zuständig, hält seinem Oberlippenbart schon länger die Treue.

In Wien müsste das Comeback des Schnauzers ohnehin auf allergrößtes Verständnis stoßen. Die Bundeshauptstadt wurde mehr als zwei Jahrzehnte von einem durchaus glaubwürdigen Oberlippenbartträger regiert. Der sozialdemokratische Schnauzer von Michael Häupl überdauerte sogar seine Amtszeit: "Alle Zoologen haben einen Bart getragen. Bei mir hat das so deppert ausgeschaut, das kann man sich gar nicht vorstellen. Deshalb hab ich es beim Schnurrbart belassen", hat ein Kinderreporter vor einigen Jahren aus dem damaligen Bürgermeister herausgekitzelt.

Nicht ohne mein Walross: Altbürgermeister Michael Häupl.
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

In Deutschland kultivierten SPD-Politiker wie Peter Struck und das vorübergehende SPD-Mitglied Günter Grass das struppige Modell Walross, mittlerweile wirkt der Oberlippenbart in der Politik wie ein aus der Zeit gefallener Fremdkörper. Kein Wunder, dort ist er so gut wie ausgestorben. Die glattrasierten, ewigjungen Buberln haben das Ruder übernommen.

Dabei müssten sich die Herrschaften nur einmal die Videos von Justin Bieber, Lil Nas X oder Yung Hurn zu Gemüte führen, um wieder auf den Geschmack zu kommen.

Neuerdings mit Balken im Gesicht: Justin Bieber im Jänner in Los Angeles.
Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/Alberto E.

Nur ein bisschen beeilen müsste Mann sich halt. Das Bekenntnis zum Oberlippenbart ist heute mehr Laune als Markenzeichen. Auch wenn Letzteres durchaus seinen Charme hat. Oder, Herr Häupl? (feld, 27.2.2020)