Das Volksbegehren "Ethik für alle" läuft und fordert ein Pflichtfach ab der ersten Schulstufe.

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Susanne Wiesinger, ehemalige Ombudsfrau für Wertefragen und nun wieder Lehrerin in Wien, setzt in einen Ethikunterricht für alle Kinder schon ab der Volksschule große Hoffnungen. Wenngleich nicht alle Probleme dadurch zu lösen seien.

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Szenen aus dem Schulalltag, geschildert von Susanne Wiesinger, der ehemaligen Ombudsfrau für Wertefragen im Bildungsministerium: "Wer ist Christ? Wer ist Muslim? Oder am allerschlimmsten: Wer hat gar keine Religion?", lauteten Fragen der Schüler, erzählte sie am Mittwoch. Ein anderes häufiges Thema sei: "Wer kommt in die Hölle und wer ins Paradies?" Oder Homosexualität. "Bei uns gibt es keine Schwulen, bei uns im Islam ist das eine Todsünde." Oder: Darf eine Frau verstoßen werden? Sätze wie diese hörten sie und Lehrerkollegen immer wieder, sagte Wiesinger mit Blick auf ihre Schulbesuche in ganz Österreich.

"Religionen spalten"

Es sind für sie Szenen, die die Notwendigkeit eines Ethikunterrichts für alle Kinder schon ab der Volksschule unterstreichen. "Das wird natürlich nicht alle Probleme lösen, aber es wäre ein wichtiger Beitrag dazu", sagte Wiesinger. Denn in der täglichen Praxis habe sich gezeigt, "dass Religionen spalten und nicht zusammenführen." Eine "ethisch-moralische Erziehung des 21. Jahrhunderts" brauche dringend einen gemeinsamen Ort, an dem die Kinder über Fragen wie Ethik und Moral miteinander diskutieren könnten.

Türkis-Grün will jedoch – DER STANDARD berichtete – ab 2021 Ethikunterricht erst ab der neunten Schulstufe und nur für Schüler, die vom Religionsunterricht abgemeldet oder konfessionslos sind.

"Grüne Komplizenschaft"

Dagegen ist auch das Volksbegehren "Ethik für alle". Mitinitiator Eytan Reif sprach von "grüner Komplizenschaft" für Ethikunterricht "in seiner diskriminierenden Form", den die ÖVP und vor allem die katholische Kirche wollten. Er betonte, dass das Volksbegehren "kein Berufsverbot für Religionslehrer" fordere. Sie sollten sich nur so wie in Bayern entscheiden müssen, ob sie in einem Semester Religion oder Ethik lehren wollen.

Die Eintragungswoche des Volksbegehrens, das derzeit knapp 22.000 Unterstützungserklärungen verzeichnet, soll nach derzeitigen Plänen übrigens im Herbst stattfinden.

Kein Verständnis für die Ethikpflicht nur für die, die nicht in Religion gehen, hat auch Neos-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre. Sie will ein Pflichtfach "Ethik und Religionen" für alle – "und das so früh wie möglich". (Lisa Nimmervoll, 27.2.2020)