Das Coronavirus hält Europa mit seiner erst zögerlichen, jetzt deutlich beschleunigten Ausbreitung in Atem. Tag für Tag werden in den Karten der Gesundheitsbehörden mit großer Gewissenhaftigkeit die dunkelroten Einträge erneuert. Und siehe da, die roten Punkte schwellen zu ehrfurchtgebietenden Kreisflächen an.

Was im konkreten Einzelfall mit Niesen und erhöhter Temperatur beginnt, lässt im globalen Maßstab die Befürchtung sieden, wir seien mit der Bekämpfung einer Epidemie im Handumdrehen überfordert. Keimt doch gemeinsam mit dem Virus der Verdacht, die neuartige Krankheit könne den Regierenden und deren Verwaltungsapparaten schlagartig über den Kopf wachsen.

Mit der Ausforschung und Isolation von Corona-Infizierten ist das behördliche Walten tatsächlich nur unzureichend beschrieben. Regierungshandeln bemisst sich in liberalen Demokratien an Kriterien, die es auch deshalb verdienen, moralisch genannt zu werden, weil sie zweckmäßig sind.

Das Coronavirus hält Europa in Atem.
Foto: REUTERS/Antonio Parrinello

Ein solches dienliches Gut stellt die Auskunftspflicht der handelnden Behörden gegenüber der Öffentlichkeit dar. Es ist zum Beispiel gut vorstellbar, dass die Einhegung von Infektionsgefahren es als notwendig erscheinen lassen wird, die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Dann wird die staatliche Lenkung gut daran tun, den Konsens mit den Regierten herzustellen. Wer rasch hilft, wird weitgehend auf die Zustimmung derer hoffen dürfen, die spüren, hier sei nach den Maßgaben von Immunologie und/oder Prävention nichts als Vernunft am Werk.

Brutklima des spätmodernen Technokratismus

In den Wochen einer solchen epidemischen Gefahrenverbreitung bleibt jedoch auch das Dilemma von komplexen, auf die Abwehr von Krisen getrimmten Gesellschaften mit Händen greifbar. Staatliche und supranationale Apparate wie die Weltgesundheitsorganisation WHO sammeln, meist synchron, Unmengen von Herrschaftswissen. Dessen Gebrauch steht kaum im Ermessen von uns einzelnen Staatsbürgern. Schon weil der einfache Kranführer für sein segensreiches Wirken einen Befähigungsnachweis braucht, den der normale Staatsbürger in der Regel nicht vorweisen kann.

So alt wie die Industriegesellschaft ist daher die Kritik an ihrer Undurchschaubarkeit. Wie eine Giftwolke legt sich der Schleier des Verdachts über unsere Bürokratien und Herrschaftsagenturen, die großenteils ineinandergreifen wie feingezackte Rädchen. Hinter einer Wand aus Regierungsverlautbarungen hören feinnervige Menschen oft genug nur das Gras wachsen.

Wir Kinder der Spätmoderne wurden unserer Leben ein Stück weit enteignet. Längst zerfällt die Gesellschaft in so viele Experten, wie sie Mitglieder zählt. Nur dass sich die Segmente des gehorteten Wissens immer seltener überschneiden. Wer’s nicht glaubt, weil er zum Beispiel das Coronavirus nicht visuell ausmachen kann, wird darum auch nicht selig.

Im Brutklima des spätmodernen Technokratismus gedeihen umso leichter alle möglichen, auch noch so abstrusen Verschwörungstheorien. Das Netz mit seiner impliziten Aufforderung zur Enthemmung lässt solche Ausbeutungs- und Unterworfenenfantasien umso leichter ins Kraut schießen. Umso wichtiger erscheint darum vonseiten der Regierenden und zuständigen Minister ein Krisenmanagement, das ganz im Zeichen von nüchterner Rationalität, von Augenmaß und minutiöser Planung steht. Damit die Erregungsfieberkurve wieder auf ein erträgliches Maß fällt. (Ronald Pohl, 28.2.2020)