Schwer zu glauben, was da an der Kurstafel zu sehen ist.

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In dieser Woche hat die Angst vor dem Coronavirus die Weltbörsen voll erfasst: Am Donnerstag verzeichnete der New Yorker Dow-Jones-Index den größten Punkteverlust, der jemals verbucht wurde. Um beinahe 1200 Punkte oder 4,4 Prozent sackte das Börsenbarometer ab, nachdem sich das neue Virus weltweit weiter ausgebreitet hatte.

Am Freitag setzte sich dieser Trend fort und die Börsen schlossen abermals mit Verlusten. Der Dow Jones sackte um 1,4 Prozent auf 25.409 Zähler ab. Die Wall Street verbuchte damit die schwächste Handelswoche seit der Finanzkrise im Jahr 2008 mit einem Abschlag beim Dow in Höhe von mehr als zwölf Prozent.

Große Verluste auch in Europa

Sehr ähnlich sah die Situation in Europa aus. Der deutsche Leitindex Dax rasselte neuerlich knapp vier Prozent nach unten. Die Frankfurter Börse hat somit in dieser Woche mehr als zwölf Prozent eingebüßt. Besonders hart erwischt wurden Reiseunternehmen, vor allem die Fluglinien. Lufthansa beispielsweise verlor in den letzten fünf Tagen 21 Prozent an Wert. Auch europäische Bankenkurse rasselten in den Keller. Weitere Sektoren, die aus Sicht der Börsianer besonders von Coronavirus betroffen sind: Versicherungen und Nahrungsmittelbetriebe.

Die Warnungen von Ökonomen vor den Folgen des Virus werden lauter: Philip Lane, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), sieht ein großes Risiko für die Konjunktur, sollte die Atemwegserkrankung länger anhalten. David Folkerts-Landau, Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, sagte sogar eine Rezession voraus.

Rezessionsängste

Wie berechtigt sind diese Rezessionsängste? Seriöse Voraussagen lassen sich kaum treffen, da viel davon abhängt, ob aus den regional beschränkten Corona-Epidemien tatsächlich eine globale Pandemie wird. "Kommt es zu einer Pandemie, wären die weltwirtschaftlichen Folgen erheblich. Dann würde 2020 kein gutes Jahr werden", sagt dazu Stefan Helmcke, Leiter der Österreich-Filiale von McKinsey. Für die Unternehmensberatung ist das Szenario, dass sich die Nachfrage bis Ende des Halbjahres stark abschwächt, momentan noch am wahrscheinlichsten.

Auch in Japan wurden die Börsen vom Virus angesteckt.
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Im zweiten Halbjahr könnte es demnach zu einer Erholung kommen. "Aber das ist jetzt alles noch sehr vage", so Helmcke. Eine realistische Einschätzung der Lage wird auch dadurch erschwert, dass die verschiedenen Branchen unterschiedlich stark vom Virus erfasst werden: "Die Sektoren Tourismus und Luftfahrt sind stark betroffen und könnten am längsten brauchen, um wieder in die Spur zu kommen. Bei Konsumgütern und Elektronik dürfte es schneller gehen", prognostiziert McKinsey.

Sorgen schon vor Covid-19

Für eine Rezession spricht auch, dass die Sorgen um die Weltwirtschaft – etwa aufgrund des Handelsstreits – schon länger bestehen. Zudem muss man in Europa Produktionszuwächse – also "echtes" Wirtschaftswachstum – schon lange mit der Lupe suchen. Ein weiteres Risiko stellt die Covid-19-Erkrankung in Afrika dar. "Das wurde bisher oft übersehen", sagt dazu Experte Stefan Helmcke: "In Afrika könnte ein Infektionskreislauf entstehen, weil dort viele chinesische Firmen mit chinesischen Arbeitern aktiv sind." Ein solcher Infektionskreislauf hätte entsprechende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. In Nigeria wurde am Freitag der erste Corona-Fall südlich der Sahara bestätigt.

Ölnotierungen sacken ab

Neben den Unternehmensaktien traf es in der letzten Woche auch den Ölpreis: Der Kurs für das Nordseeöl Brent fiel auf 51 Dollar pro Fass und damit auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren. Weltweit wurden diese Woche rund vier Billionen Dollar an Börsenwert vernichtet. "Die Börse preist gerade einen Tsunami an Gewinnwarnungen aus den Unternehmen ein", erklärt Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets.

Coronavirus lange ignoriert

Dabei hatten die Finanzmärkte den Ausbruch des Coronavirus zuvor lange ignoriert. Investoren gingen von einem Szenario aus, das jenem der Ausbrüche der Lungenkrankheit Sars im Jahr 2003 ähnelt. Damals blieben die Auswirkungen lokal beschränkt und trafen die Weltwirtschaft kaum. Diese Erwartung lässt sich nun nicht mehr aufrechterhalten, da das Coronavirus am Rande einer Pandemie mit weltweiten Auswirkungen steht. In etlichen Branchen sind die Lieferketten unterbrochen, in anderen geht die Nachfrage den Bach hinunter.

Dementsprechend wird erwartet, dass sich die Notenbanken mit noch lockererer Geldpolitik gegen Konjunkturrisiken stemmen werden: Bei der EZB gehen Investoren bereits von einer weiteren Senkung des Strafzinses für Banken von minus 0,5 auf minus 0,6 Prozent aus. Davon profitieren Staatsanleihen von als sicher geltenden Emittenten, etwa den USA oder Deutschland. Ebenso der Goldpreis, obwohl dieser zuletzt eine kleine Verschnaufpause nach den zuvor starken Kursanstiegen eingelegt hat. Die heilsame Wirkung auf die Realwirtschaft ist hingegen fraglich: Zersprengte Lieferketten werden Liquiditätsspritzen wohl kaum kitten können. (Tobias Kachelmeier, Alexander Hahn, 29.2.2020)