Im Gastkommentar spricht sich der US-Ökonom Jeffrey D. Sachs für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders aus und kritisiert die "Ahnungslosigkeit" der Wall Street.

Kommende Woche wird klarer werden, welcher Demokrat Trump im November herausfordern wird. Sanders geht jedenfalls als Führender in diesen Super Tuesday.
Foto: AP / Matt Rourke

Der Narzissmus und die blauäugige Ahnungslosigkeit der Wall-Street-Elite ist erstaunlich. Sie sitzen in ihren Sesseln der Macht, genießen Steuerkürzungen, leichtes Geld und steigende Aktienmärkte – und sind sich sicher, dass in dieser besten aller möglichen Welten alles zum Besten steht. Wer sie kritisiert, muss ein Idiot oder Teufel sein.

Als ich in ihrer Gegenwart meine Unterstützung für den US-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders erwähnte, hörte man sie nach Luft schnappen, als hätte ich Luzifers Namen beschworen. Sie sind davon überzeugt, dass Sanders unwählbar ist oder dass er, wenn er trotzdem gewählt wird, den Zusammenbruch der Republik auslöst. Dieselbe Einstellung lässt sich – in unterschiedlichem Maße – sogar in den liberalen Medien wie der "New York Times" und der "Washington Post" finden.

Mehr Fairness

Diese Abscheu ist zwar aufschlussreich, aber auch absurd. In Europa wäre Sanders ein gemäßigter Sozialdemokrat. Er will dem amerikanischen Leben etwas Fairness zurückgeben: ein universelles, öffentlich finanziertes Gesundheitssystem; Löhne über dem Armutsniveau für Vollzeitarbeiter, grundlegende Sozialleistungen wie Elternzeiten und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall; eine Hochschulausbildung, die junge Erwachsene nicht für den Rest ihres Lebens in die Schuldenfalle treibt; und eine Politik, die von der öffentlichen Meinung bestimmt wird und nicht von der Lobbyarbeit der Konzerne.

Für all diese Programmpunkte gibt es in der amerikanischen Öffentlichkeit große Mehrheiten. Die Bürger wollen, dass die Regierung Gesundheitsleistungen für alle einführt. Sie wollen höhere Steuern für die Reichen. Sie wollen einen Wandel hin zu erneuerbaren Energien. Und sie wollen den Einfluss des großen Geldes auf die Politik einschränken. All dies sind zentrale Positionen von Sanders, die in Europa zum Alltag gehören. Und trotzdem wundern sich die Wall-Street-Elite und ihre Lieblingsexperten jedes Mal, wenn Sanders eine Vorwahl gewinnt, darüber, dass ein "Extremist" wie er überhaupt Stimmen bekommt.

Gefühlter Reichtum

Einen guten Einblick in die Ahnungslosigkeit der Wall Street bekommt man durch ein aktuelles Interview der "Financial Times" mit Lloyd Blankfein, dem ehemaligen CEO von Goldman Sachs. Blankfein, ein Milliardär, der jedes Jahr zig Millionen US-Dollar verdient, meint, er sei nicht reich, sondern lediglich wohlhabend. Noch verrückter ist, dass er das wirklich glaubt. Allerdings ist Blankfein nur ein Milliardär im niedrigen einstelligen Bereich – in einer Zeit, in der über 50 Amerikaner jeweils zehn Milliarden US-Dollar oder mehr besitzen. Wie reich man sich fühlt, hängt nun mal vom eigenen Umfeld ab.

Dies führt allerdings dazu, dass die Elite (und deren Medien) das Leben der meisten Amerikaner in schockierendem Maße missachtet. Entweder wissen sie nicht oder sie kümmern sich nicht darum, dass zig Millionen Amerikaner keine Krankenversicherung haben; dass jedes Jahr etwa 500.000 Menschen durch medizinische Behandlungskosten in den Bankrott getrieben werden; dass einer von fünf US-Haushalten kein oder ein negatives Vermögen hat; und dass fast 40 Prozent der Bürger gerade eben ihre Grundbedürfnisse erfüllen können.

Gefälligkeiten für Superreiche

Ein Grund dafür, dass die Geldelite diese grundlegenden Tatsachen nicht erkennt, ist, dass sie schon lang nicht mehr zur Verantwortung gezogen wurde. Spätestens seit Präsident Ronald Reagan 1981 ins Amt kam und vier Jahrzehnte der Steuersenkungen, Unterdrückung der Gewerkschaften und anderer Gefälligkeiten für die Superreichen eröffnete, haben die US-Politiker beider Parteien den Reichen in die Hände gespielt. Wie Washington mit der Wall Street kuschelt, lässt sich gut auf einem Foto von 2008 erkennen, das wieder die Runde macht: Donald Trump, Michael Bloomberg und Bill Clinton spielen zusammen Golf. Alle sind eine große, glückliche Familie.

Clintons Nähe zu den Wall-Street-Milliardären ist vielsagend: Für Republikaner war dies bereits seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Norm, aber die engen Verbindungen zu den Demokraten sind jüngeren Datums. Als Präsidentschaftskandidat von 1992 versuchte Clinton, die Demokratische Partei mit Goldman Sachs in Verbindung zu bringen – über Robert Rubin, den damaligen Vizepräsidenten der Bank, der schließlich Clintons Finanzminister wurde. Von da an baten beide Parteien die Wall Street darum, ihre Wahlkämpfe zu finanzieren. Bei den Wahlen von 2008 trat Barack Obama in Clintons Fußstapfen. Und sobald er im Amt war, stellte er Rubins Gehilfen für sein Wirtschaftsteam ein.

Die Wahlkampfkosten haben sich für die Wall Street rentiert: Clinton deregulierte die Finanzmärkte. Außerdem stoppte er die Sozialleistungen für alleinstehende Mütter, und er förderte die massenhafte Inhaftierung junger Afroamerikaner. Obama wiederum gab den Bankern, die den Crash 2008 verursacht hatten, weitgehend freie Hand. Anstatt Gefängnisstrafen, die viele von ihnen verdient hätten, bekamen sie Rettungsgelder und Einladungen ins Weiße Haus.

Match der Milliardäre?

Und nun glaubt der ehemalige New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg mit der Mega-Hybris eines Mega-Milliardärs, er könne sich die demokratische Nominierung kaufen, indem er eine Milliarde seines Gesamtvermögens von 62 Milliarden US-Dollar für Wahlkampfwerbung ausgibt. Er hofft, so könne er im November seinen Milliardärskollegen Donald Trump schlagen. Aber auch dies ist wahrscheinlich ein Zeichen von Ahnungslosigkeit: Bloombergs Aussichten schwanden in dem Moment, als er mit den demokratischen Kandidaten auf der Diskussionsbühne stand. Dort erinnerten ihn seine Mitbewerber nicht nur an seine republikanische Vergangenheit, sondern auch an die Beschuldigungen, er habe in seinen Unternehmen eine feindliche Arbeitsumgebung für Frauen geschaffen, und an seine Unterstützung der brutalen Polizeitaktik gegen junge Afroamerikaner und Latinos.

Niemand sollte die Flutwelle der Hysterie unterschätzen, die Trump und die Wall Street gegen Sanders entfesseln werden. Trump beschuldigt ihn, die USA zu einem Land wie Venezuela machen zu wollen, obwohl Kanada oder Dänemark bessere Vergleiche wären. Und dass Sanders die Beteiligung von Arbeitnehmern an den Aufsichtsräten der Konzerne unterstützt, die der deutschen Mitbestimmungspolitik entspricht, hat Bloomberg in der Nevada-Debatte "kommunistisch" genannt.

Aber die US-Wähler hören etwas anderes: Krankenversicherung, Ausbildung, faire Löhne, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, erneuerbare Energien, ein Ende der Steuererleichterungen und der Straffreiheit für die Superreichen. Wenn man die Wall-Street-Rhetorik einmal durchschaut hat, klingen alle diese Maßnahmen völlig vernünftig und geradezu nach politischer Mitte, weshalb Sanders auch im November gewinnen kann. (Jeffrey D. Sachs, Übersetzung: Harald Eckhoff, Copyright: Project Syndicate, 29.2.2020)