Berlin – Zum Abschluss, bei der samstägigen Preisgala, wurde es auf der Berlinale doch politisch. Die Entscheidung, den Goldenen Bären an Mohammed Rassulofs There Is No Evil zu vergeben, ist auch eine für die Hartnäckigkeit eines Filmkünstlers, der dem Kino selbst unter Gefahren nicht abschwört. Rassulof hat ihm Iran Berufsverbot, er darf das Land nicht verlassen. Dass es ihm dennoch möglich war, einen neuen Film zu realisieren, liegt daran, dass die Hürden immer wieder geschickt umgangen wurden: Finanziert wurde There Is No Evil mit ausländischer Hilfe. Wahrscheinlich ist, dass er nicht als Spielfilm deklariert wurde: Die episodische Struktur lässt vermuten, dass der Film wie vier Kurzfilme produziert wurde.

Der iranische Regisseur Mohammed Rassulof erhielt keine Reiseerlaubnis, sein Team nahm den Goldenen Bären entgegen.
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Das Leitmotiv ist die Todesstrafe, die der Iran immer noch sehr häufig praktiziert. Im Film geht es jedoch nicht um die Opfer, sondern um jene, denen als Soldaten die Pflicht zukommt, das Urteil auszuführen. Rassulof thematisiert das moralische Dilemma, das daraus erwächst, und zwar nicht nur im Individuellen. Es steht auch metaphorisch für das ganze Land – die Todesstrafe zieht jene Grenze, hinter der der Iran zum Unrechtsstaat wird. Der Film ist kraftvoll und ausdrücklich, er sucht melodramatische Zuspitzungen, etwa wenn ein junger Mann herausfindet, dass er es war, der einen Freund der Familie seiner Verlobten liquidiert hat.

Auch das deutsche Kino ging nicht leer aus

Mit dem "zweiten Preis", dem Spezialpreis der Jury, wurde Eliza Hittmans Abtreibungsdrama Never Rarely Sometimes Always ausgezeichnet, ein weiterer, zum 70. Jubiläum vergebener Sonderpreis ging an die Komödie Effacer l’historique (Delete History) von Benôit Delépine and Gustave Kervern, eine Satire über die Nebenwirkungen von exzessivem Social-Media-Konsum. Mit dem Preis an Paula Beer für ihre Titelrolle in Christian Petzolds zeit kritischem Liebesdrama Undine ging auch das deutsche Kino nicht leer aus. Auf geteilte Reaktionen traf die Ehrung von Jürgen Jürges, des Kameramanns von DAU: Natasha, weil dessen Regisseur Ilya Khrzhanovsky mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert ist.

Die deutsche Schauspielerin Paula Beer wurde als beste Darstellerin ausgezeichnet.
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Insgesamt hat die Jury unter dem Vorsitz von Jeremy Irons mit ihren Auszeichnungen die Bandbreite des – kuratorisch klar verbesserten – Wettbewerbs trefflich wiedergegeben, erfreulich insbesondere, dass der koreanische Autorenfilmer Hong Sang-soo als bester Regisseur ausgezeichnet wurde. Komisch, leichtfüßig und doch profund erzählt er in The Woman Who Ran über Frauen, die ein individuelles Lebensmodell bevorzugen, auch von der ein oder anderen Selbsttäuschung.

Sandra Wollner ausgezeichnet

Die österreichische Filmemacherin Sandra Wollner wurde für ihren Spielfilm "The Trouble With Being Born" mit dem Preis der Jury der neuen Sektion Encounters ausgezeichnet. Ein schöner Erfolg für Wollner, die als eine der Entdeckungen dieser Berlinale gelten darf: Ihr irritierender Film behandelt in zwei ineinander verschränkten Erzählungen die Intimität zwischen Menschen und einem Androiden-Kind. Zum besten Film der Encounters-Reihe wurde "The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)" von Anders Edström und C.W. Winter gekürt, ein achtstündiger Film über die Bewohner eines japanischen Bergdorfes.

Einen schönen Erfolg feierte auch die österreichische Regisseurin Sandra Wollner, die für The Trouble With Being Born in der neu gegründeten Sektion Encounters mit dem Preis der Jury prämiert wurde. Ihr Film ist eine subtil befremdende Auseinandersetzung mit den Erinnerungen eines An droiden, der in zwei Familien in delikaten Konstellationen lebt. Dank dieses Preises wird Wollners origineller Zugang nun international weiter Echo finden. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, 1.3.2020)