Die Börsianer stellen sich auf unsichere Zeiten ein. Die vergangene Woche war an den Börsen die schwärzeste seit der Finanzkrise 2008.

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Im Gastkommentar hält der Ökonom Stephan Schulmeister den "Spekulationsvirus" als die Ursache einer neuen Finanzkrise.

Innerhalb einer Woche sind die Aktienkurse um etwa 15 Prozent eingebrochen. Hauptursache scheint die Ausbreitung des Coronavirus zu sein, sie ist freilich nur der Auslöser. Dieser wird bei jeder schweren Finanzkrise mit der Ursache verwechselt. Sie besteht in einem – in den vergangenen Jahren geradezu grotesken – "Bullenmarkt": Seit März 2009 sind die Aktienkurse in den USA auf fast das Fünffache gestiegen, in Deutschland auf fast das Vierfache. Und das in der Phase der schlechtesten mittelfristigen Entwicklung der Realwirtschaft der gesamten Nachkriegszeit. Der Boom baute ein Absturzpotenzial auf, das ein Auslöser früher oder später zur Entladung bringt. Welches Ereignis "zündet", ist nicht prognostizierbar – dass auf einen "Bullen" ein "Bär" folgt, aber schon.

Für Mainstream-Ökonomen ist allerdings auch Letzteres unerkennbar. Nähmen sie nämlich wahr, dass nicht nur Aktienkurse, sondern alle spekulativen Preise, also auch jene von Rohstoffen oder Wechselkursen, systematisch von ihren wahren, fundamentalen Werten abweichen, dass also die "freiesten" Märkte manisch-depressive Schwankungen generieren, dann wäre die Allgemeine Gleichgewichtstheorie zu verwerfen und damit alle daraus abgeleiteten Leitlinien wie Nulldefizit, Deregulierung der Arbeitsmärkte, kapitalgedeckte Altersvorsorge. Das aber ist nach Jahrzehnten marktreligiöser Missionsarbeit undenkbar.

Boomende Finanzalchemie

Dies beantwortet die schlichte Frage von Queen Elizabeth II an die Ökonomen nach der letzten Finanzkrise: Warum habt ihr sie nicht kommen sehen? Mit "neoliberaler Brille" sind die systemischen Ursachen von Finanzkrisen unerkennbar. Denn sie bestehen im gleichzeitigen Auftreten von mehreren Bärenmärkten. So gingen den größten Finanzkrisen wie 1873, 1929 oder 2008 Bullenmärkte bei Aktien, Immobilien und Rohstoffen voraus, die in der Krise in Bärenmärkte kippten. Auf die fiktive Vermögensvermehrung folgt deren Entwertung.

Das hat fatale Folgen für die Realwirtschaft: Der Wertverlust verkürzt die Bilanzen (fast) aller Unternehmen – für verschuldete besonders fatal –, und damit wird ihr Eigenkapital dezimiert. Der Verfall der Immobilienpreise und die Wertverluste des ("kapitalgedeckten") Pensionskapitals verschlechtern die Finanzlage der Haushalte, sie reagieren mit Ausgabenreduktion. Die Unternehmen schränken ihre Investitionen massiv ein. Am fatalsten trifft die Vermögensentwertung die Banken, die Bilanzsummen schmelzen, ihr Eigenkapital wird in Wochen ausradiert, es kommt zu Bankenkrachs nach Dominoart. Insgesamt folgen auf Finanzkrisen daher Depressionen wie in den 1870er- und 1930er-Jahren.

Systemische Ursachen

Anders als damals hat die Politik 2008 daraus gelernt, die Banken gerettet, Konjunkturpakete geschnürt und so eine Depression verhindert. Die systemischen Ursachen blieben aber ausgeblendet, und so begann die "Finanzalchemie" wieder zu boomen – mehr denn je. Wer nicht (gründlich) lernt, muss wiederholen.

Um meine Grundthese mit ein paar Zahlen zu untermauern: Auf einen der längsten Bullenmärkte der Geschichte zwischen 1982 und 2000 – die Aktienkurse stiegen auf etwa das Zehnfache – folgte ein massiver Kurssturz – das Platzen der "Internetbubble" musste als Ursache herhalten –, zwischen 2003 und 2007 stiegen die Kurse wieder auf das Zwei- bis Dreifache, es folgte der Crash 2007/2008, die Kurse fielen um mehr als 50 Prozent – diesmal waren die Banken die Schuldigen –, und danach arbeitete das Geld weder fleißiger als je zuvor.

Gegensteuernde Notenbanken

Die Gefahr, dass sich der aktuelle Kurssturz zu einem echten "Bärenmarkt" auswächst, ist groß, weil die Ausbreitung des Coronavirus mit Sicherheit weitergehen wird und gleichzeitig der Konflikt in Syrien zu eskalieren droht: Greift die Türkei massiv in den Krieg von Bashar al-Assad und Wladimir Putin ein, so könnten Bündnismechanismen ausgelöst werden: Russland wird Abschüsse seiner Bomber nicht unbeantwortet lassen, Recep Tayyip Erdogan die Nato-Beistandspflicht verstärkt einfordern, und Donald Trump könnte im Wahljahr eine Ablenkung von den Vermögensverlusten der US-Bürger gut brauchen, zumal das Abschmelzen von Pensionsansprüchen auch Millionen "kleiner Leute" trifft (entfernt erinnert dies alles – ein wenig – an die Wochen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs).

Grund für ein wenig Optimismus liefern die Notenbanken: Anders als 2008 sind sie sich heute der fatalen Folgen einer gleichzeitigen Entwertung von Aktien, Immobilien und Rohstoffen bewusst und werden versuchen, gegenzusteuern. Aber wie? Mit Zinssenkungen kann lediglich die US-Notenbank für kurzzeitige Entlastung sorgen, also könnte man Aktien kaufen. Doch das Beispiel Japans (dort ist die Notenbank mittlerweile der weitaus größte "Aktionär" – schon ein bisserl pervers) zeigt: Eine Systemkrise lässt sich so nicht überwinden.

Das Schwierigste am Lernen ist das Ver-lernen. (Stephan Schulmeister, 1.3.2020)