Eigentlich erstaunlich, dass die Pariser Fashion Week am Ende stattfand wie geplant, trotz Coronavirus und der steigenden Zahl der Infizierten in Frankreich. Aber Paris lässt sich von einem Virus nun einmal nicht so leicht beeindrucken, schon gar nicht, wenn dabei die Mode auf dem Spiel steht, denn die gehört schließlich zum Kulturgut, voilà!

Eine Fashion Week wie jede andere war es dennoch nicht. Zwar mussten keine großen Shows abgesagt werden, jedoch einige wichtige Veranstaltungen, so wie zum Beispiel der LVMH-Prize-Cocktail. Bei der Louis-Vuitton- Show wurde die Gästeliste um ein Drittel verringert. Und als bei Marine Serre, die als eine der Ersten ihre Kollektion zeigte, dann auch noch ein Model mit schickem Hahnentritt-Mundschutz über den Laufsteg lief, da war das Getuschel natürlich groß.

Die junge französische Designerin zeigt solche Accessoires zwar nicht zum ersten Mal (sie spielt damit auf mögliche Umweltkatastrophen an), aber angesichts der Ereignisse bekamen sie natürlich eine ganz neue Bedeutung. Ob nun Luftverschmutzung oder Pandemie, Atemmasken könnten bald das neue Mode-Must-have werden.

Marine Serre
Foto: © Etienne Tordoir/Marine Serre

Serre trifft mit ihren postapokalyptischen Visionen den Nerv der Zeit. Ihre wattierten Kleider wirken wie Rüstungen oder Schutzanzüge, an großen Lederarmstulpen kann man seine Handys befestigen, und Patchworkkleider komplettiert sie mit farblich abgestimmter Sturmhaube. Die Zukunft mag ungewiss sein, in Marine Serre geht man ihr aber zumindest stilsicher entgegen.

Weltuntergangsstimmung auch bei Balenciaga. Für seine Show ließ Kreativdirektor Demna Gvasalia nicht nur den Laufsteg, sondern auch die ersten Reihen überfluten. Die Models liefen förmlich übers Wasser, während der künstliche Himmel, der in wechselnden Farben leuchtete, über sie herabzustürzen schien. In langen schwarzen Roben, voluminösen Latex-Capes, Biker-Kombinationen und teilweise mit blutunterlaufenen Augen marschierten sie durchs Wasser wie eine Armee aus Priesterinnen und Priester. Eine düstere Zukunftsvision.

Balenciaga
Foto: Balenciaga

Auch wenn die Fashion Week vordergründig ohne Einschränkungen verlief, so war die Angst vor dem Virus doch allgegenwärtig. Mal wurde am Eingang der Show ungefragt antibakterielles Gel auf die Hände gespritzt, mal Mundschutz verteilt. So wie bei der Show von Dries Van Noten, die in einem kühlen Betonsaal in der Opéra Bastille stattfand. Ansonsten war in der Kollektion von Krise jedoch nichts zu spüren. Im Gegenteil, Van Notens "Party Girl" tritt ihr mit dekadenter Nostalgie entgegen, trägt seidene Pyjamahosen, Samtjacken und Bikerleder, dazu voluminöse Stolas, jugendstilige Iris-Prints, Pythonmuster, Glitter und Pailletten. Von Serge Lutens und den Nightclubs der 1980er-Jahre inspiriert, ließ der 61-jährige Antwerpener seine Nachtvögel mit maskenhaft geschminkten Gesichtern über den Laufsteg schreiten, mit schneeweißer Haut, Vampirlippen und neonfarbenen Haaransätzen.

Dries van Noten
Foto: AP/Le Caer

Nicolas Ghesquière blickte noch weiter in die Vergangenheit. Im Hintergrund der Louis-Vuitton-Show waren 200 Kostüme aus fünf Jahrhunderten von Milena Canonero, die schon für Sofia Coppolas Film Marie Antoinette arbeitete, zu sehen. Auch die Louis-Vuitton-Kollektion ist historisch inspiriert und greift Entwürfe aus dem hauseigenen Archiv auf.

Louis Vuitton
Foto: APA/AFP/ANNE-CHRISTINE POUJOULAT
Louis Vuitton
Foto: REUTERS/Piroschka van de Wouw/epa/de rosa

Maria Grazia Chiuri und Anthony Vaccarello versetzten sich ebenso in die Vergangenheit. Beide ließen sich von den 70er-Jahren beflügeln. Die Kreativdirektorin von Dior tauchte in ihre Teenager-Zeiten ab und zeigte Pullunder, Schlaghose, Karos und Schlips wie bei einer Internatsuniform.

Dior
Foto: APA/AFP/FRANCOIS GUILLOT

Vaccarellos Vision für Saint Laurent war ungleich glamouröser und gewagter. Er präsentierte eine Kombination aus glänzenden, hautengen Latex-Leggings und bourgeoisen zweireihigen Blazern. Ganz recht, Latex. In Kombination mit den Helmut-Newton-Vibes, den eleganten Schluppenblusen und einer grandiosen Farbpalette aus Ockergelb, Blutrot, Pink, Violett und Blau wirkten die Leggings sehr schick.

Saint-Laurent
Foto: apa/afp/poujulat

Nun werden es Chiuri und Vaccarello natürlich nur ungern zugeben, aber den Hype um die Seventies haben wir eigentlich Hedi Slimane zu verdanken. Vor einem Jahr, in seiner zweiten Kollektion für Celine, präsentierte der Designer zum ersten Mal seine bourgeoise Pariserin, die geradewegs aus den 70ern eingeflogen schien. Und weil Slimane Innovationen nicht nötig hat, zieht er diese Silhouette seither konsequent durch: feminine Faltenröcke, elegante Bermudas, Schluppenblusen, große Capes, gepaart mit kleinen Lederhandtaschen. Neu war diesmal nur, dass er eine gemischte Kollektion aus Männern und Frauen zeigte, bei der die Grenzen absichtlich fließend waren.

Celine
Foto: apa/afp/Poujulat

Ein bisschen Nebel

Für eine echte Überraschung sorgte am letzten Tag dann aber die Show von Chanel. Seinerzeit verwandelte Karl Lagerfeld den Grand Palais in einen gigantischen Supermarkt, ließ einen Karibikstrand mit echten Wellen entstehen oder eine Rakete in die Höhe steigen. Nicht so Virginie Viard. Lagerfelds ehemalige rechte Hand ließ lediglich einen verspiegelten Laufsteg aufstellen, auf dem ein paar nierenförmige Plateaus in den Farben von Chanel standen: Weiß mit schwarzem Rand. Dazu ein bisschen Nebel, und das war’s.

Chanel
Foto: APA/AFP/CHRISTOPHE ARCHAMBAULT

Die Botschaft war deutlich: Nicht die Show sollte an diesem Morgen im Vordergrund stehen, sondern die Mode. Denn Viard präsentierte diesmal endlich ihre ganz eigene Handschrift und wirkte wie befreit. Den Auftakt machten zwei Models, die gemeinsam und plaudernd über den Laufsteg gingen. Frauen, die sich in ihren Kleidern wohlfühlen, schien das Motto der Kollektion zu sein. Sie fühlen sich ebenso wohl in bauchfreien Tops und Hotpants als auch in langen Röcken, barocken Rüschenblusen, Samtjacken und voluminösen Puffärmeln. Zu allem tragen sie schwarze Musketierstiefel mit brauner Stulpe.

Das Highlight der Kollektion waren aber vor allem die extraweiten Hosen, die an den Seiten mit goldenen Knopfleisten verziert waren. Sie waren entweder bis zum Knie oder sogar bis zum Gesäß aufgeknöpft, klappten beim Gehen neckisch auf und ließen den Blick frei auf transparente Nylonstrümpfe mit Chanel-Logo.

Einige Gäste mögen der Show aufgrund des Coronavirus ferngeblieben sein – in die Läden lockt Virginie Viard ihre Kunden mit dieser Kollektion aber bestimmt.

(Estelle Marandon, 5.3.2020)