Eine Kindertherapeutin von Hemayat während einer Therapieeinheit.

Foto: Katharina Gossow/Hemayat

Seit Tagen kommt es an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland zu Auseinandersetzungen zwischen Geflüchteten und Grenzschutzbeamten. Die einen legen Feuer, die anderen setzen Tränengas ein, Bilder von den Zuständen an der Grenze und in Lagern schlagen medial hohe Wellen. Auf den Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos harren zurzeit mehr als 42.000 Migranten aus.

Durch diese Situation werden die Klienten von morgen gemacht, sagt Psychologin Cecilia Heiss. Sie ist Geschäftsführerin von Hemayat, einem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende. Menschen, die aus einer lebensgefährlichen Situation geflohen sind, würden nun erneut kriegsähnliche Zustände erleben. "Diese Erlebnisse tragen zu einer fortgesetzten Traumatisierung bei", sagt Heiss.

Auch wenn man nicht wisse, ob die Geflüchteten, die derzeit an der Grenze zu Griechenland aufgehalten werden, jemals nach Österreich durchkommen werden, sagt Psychotherapeutin und Hemayat-Gründungsmitglied Barbara Preitler, spüre man schon jetzt die Auswirkungen. "Klienten von uns haben Nahestehende in Idlib oder an der Grenze", sagt Preitler, das komme in der Therapie zur Sprache. Außerdem würden die Bilder, die nun medial verbreitet werden, retraumatisieren. "Was heute passiert, wird uns noch Jahrzehnte beschäftigen", sagt Preitler.

Der Arzt Siroos Mirzaei, ebenfalls seit der Hemayat-Gründung 1995 in der Organisation, appellierte an die europäischen Politiker, "die Menschenrechte nicht außer Acht zu lassen". Die Politik müsse sich mit den NGOs zusammentun. Es gebe einige, die sehr viel Erfahrung hätten und der EU behilflich sein könnten, so Mirzaei.

Warteliste wird länger

Die Warteliste von Hemayat ist lang und wird zunehmend länger. Noch vor neun Jahren warteten knapp 200 Menschen auf einen Betreuungsplatz, nun seien es 600 Frauen, Männer und Kinder. Das Warten auf einen Betreuungsplatz kann bis zu drei Jahren dauern. Dringliche Fälle, also jene, die sich selbst oder andere gefährden, werden vorgezogen.

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums bekräftigt die Organisation erneut ihre Forderung nach einer ausreichenden Basisfinanzierung – auch nach einem Vierteljahrhundert werde man immer noch als Projekt finanziert, man müsse jedes Jahr "um öffentliche Finanzierung bittstellen und zittern", heißt es.

Auch Sabine Kampmüller vom Verein Afya – er bietet Traumaworkshops für geflüchtete Kinder an Wiener Schulen an – sagt, die größte Herausforderung sei, bei allen Beteiligten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Traumafolgestörungen die Ursache zahlreicher Probleme seien, etwa bei der Jobsuche und dem Erlernen einer Sprache, aber auch bei körperlichen Beschwerden. "Es wäre enorm wichtig, dass es mehr und besser koordinierte Anlaufstellen für interkulturelle Beratung, Therapie und Elternarbeit gibt."

Hemayat betreut Geflüchtete unabhängig von ihrem Versicherungsstatus, die Kosten für die Organisation liegen bei 55 bis 85 Euro pro Therapieeinheit. Im Schnitt kostet die Betreuung einer Person 1.000 Euro im Jahr. Ein Teil der Kosten wird von der Krankenkasse refundiert, den Rest finanziert der Verein aus Spenden- und Fördergeldern. Über 60 Prozent davon machen private Spenden aus. Dazu kommen Förderungen vom Innenministerium, dem Fonds Soziales Wien und der Stadt Wien. (elas, APA, 5.3.2020)