Heimarbeit bedeutet früher oft auch Kinderarbeit (hier um 1910). Zum Glück gab es auch Erfreuliches zu bauen: Spielzeug!

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Homeoffice ist das Zauberwort der Stunde! Damit wir alle zwecks Covid-19-Ansteckungsprophylaxe zueinander möglichst unkompliziert Distanz einhalten können, werden derzeit berufliche Biotope aufgelöst und, sofern es realisierbar ist, der Betrieb ohne Sozialkontakt in Homeoffice-Modus weitergeführt. Ein Großteil der Arbeitnehmer erledigt heute die Arbeit am Bildschirm, ist also dahingehend mobil. Homeoffice ist heute schon eine eingeübte Praxis oder zumindest eine Option. Für manche wiederum wird die Pandemie den ersten Anlass dafür geben.

Covid-19 erklärt.
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Heimarbeit ist aber bekanntlich keine neue Erfindung. Die Trennung von Familie und Arbeitsplatz wurde ja erst mit der Industrialisierung so richtig virulent. Indes gab es bereits im Mittelalter so etwas wie Heimarbeit. Im Ritterroman Iwein von Hartmann von Aue (etwa um das Jahr 1200) ist beispielsweise von 300 jungen Frauen die Rede, die zwecks Kriegszins verpflichtet wurden, daheim für den Verkauf zu arbeiten. Nur einen Bruchteil des Lohnes konnten sie für sich einbehalten.

Spinnen, weben, nähen

Heimarbeit war einerseits aufgrund des teilweise geltenden Arbeitsverbots für Frauen sowie der ihnen auferlegten häuslichen Rolle lange eine weibliche Angelegenheit. Noch 1930 mahnte Papst Pius XI. in seiner Enzyklika Casti connubi vor der Berufstätigkeit der Frau, die diese ins "Verderben" stürzen würde. Aber selbst wenn Spinnen, Weben und Nähen als "höchster Frauenwürde" gemäße Tätigkeiten galten, hat sich später, im Zuge der Industrialisierung, die proletarisierte Heimarbeit auf die gesamte Familie ausgeweitet. Vor allem Kinder wurden für handwerkliche Tätigkeiten eingesetzt, zumal dann, wenn Geschick und präzise Handgriffe erforderlich waren (etwa im Spielzeug- und Uhrenbau).

Die Textilbranche ist, über die Jahrhunderte gerechnet, das zentrale Heimarbeitsgewerbe geblieben. Baumwollfabriken beschäftigten im 18. Jahrhundert Tausende von Heimarbeiter. In der Kettenhof-Fabrik in Schwechat beispielsweise kamen anno 1772 auf einen in der Fabrik arbeitenden Meister knapp 2.000 Spinnerinnen und Spinner, die von daheim zuarbeiteten.

Billiglohnländer

Diese organisierte Hausindustrie ist für manche Beschäftigungsfelder bis heute zu finden (Kugelschreiber zusammenbauen, Wundertüten füllen etc.), idealerweise mit rechtlichen Absicherungen. Denn Heimarbeit im klassischen Sinn, also als handwerkliche Tätigkeit mit Produktionsmitteln des Auftraggebers, wird immer noch mit niedrigqualifizierter, gleichförmiger, (selbst-) ausbeuterischer und schlecht bezahlter Arbeit assoziiert. Sie hat vielen alleinerziehenden Müttern oder Vätern indes das Überleben gesichert, weil sie sich neben der Fürsorge- und Altenpflegepflicht in den eigenen vier Wänden auf diese Weise das entscheidende Zubrot verdienen konnten. Das gilt für die in Billiglohnländer ausgelagerte Heimarbeit (vor allem Telefondienste) noch heute.

Zur Nazizeit wurde die Heimarbeit zur Volksgemeinschaftsanstrengung verklärt. Familien fertigten im trauten Kreis Stahlhelmteile oder bauten Zündkerzen zusammen, Luftnachrichtenhelferinnen bauten Ersatzteile aus Beutegeräten aus. Da wurde Heimarbeit als gesellige Veranstaltung verkauft, die das gemeinsame Schaffen glorifizierte und ideologisch überformte. Allerdings hatte der Krieg auch viele Witwen hervorgebracht, die ab den 1950er-Jahren im Wirtschaftswunderland vielfach auf Heimarbeit im Akkord angewiesen waren – im weniger geselligen Kreis, nämlich allein. Dass Heimarbeit aber auch als Emanzipationstool funktionierte, hat Erich Kästner in Emil und die Detektive beschrieben.

Kreatives Brainstorming

Diese protoindustriellen Formen der Heimarbeit haben mit unserem isolierenden Homeoffice-Zeitalter nicht mehr viel zu tun. Denn heute kann – geradezu umgekehrt – vor allem hochqualifizierte Arbeit von daheim aus verrichtet werden. Die Datenübertragungstechnologie macht’s möglich. Homeoffice ist in manchen Berufsfeldern längst üblich, und so konnten nun im Pandemie-Fall viele Unternehmen rasch reagieren und Teile ihrer Belegschaft die Heimarbeit nahe- oder auferlegen.

Arbeitnehmer und Arbeitgeber sehen ihre jeweiligen Vorteile in solchen flexiblen Arbeitsmodellen. Einerseits gelten Menschen bei Routinearbeiten daheim als merkbar effizienter als im Büro, andererseits fördern Nähe und persönlicher Austausch die Kreativität und Produktivität. Kann gemeinsames Brainstorming auch über telekommunikativ überbrückte, räumliche Distanzen hinweg Wunder wirken? Das muss es jetzt für einige von uns. Über Vereinzelung zu klagen wäre noch zu früh, schließlich sind wir mit unseren diversen Bildschirmen ja sehr gern lange allein. (Margarete Affenzeller, 13.3.2020)