Arne Karsten präsentiert Schnitzler als scharfen Sozialanthropologen.

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Welch reizend pikantes Geständnis eines akademisch bestallten Historikers. Da entlehnte Arne Karsten, Junior-Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der deutschen Universität Wuppertal, Autor von Büchern über Venedig und den Barockarchitekten Bernini und habilitiert über Admiral Tegetthoffs siegreiche Seeschlacht von Lissa 1866, im Frühjahr 2016 in der Universitätsbibliothek die Tagebücher Arthur Schnitzlers – aus Neugier. Fing an zu lesen. Bald stieß er immer wieder auf den Namen einer jungen Frau, Stephanie Bachrach. Und stutzte. Wer war das nur? Er ging daran auszuleuchten, wer sie war, und in welchem Verhältnis sie im Wien zwischen 1900 und 1919 zu Arthur Schnitzler stand.

Über Bachrach ist kaum etwas bekannt und noch weniger erhalten, gerade einmal eine winzige Handvoll Briefe und Postkarten. Angaben über sie gibt es etwas mehr. 1887 geboren, Tochter eines lange erfolgreichen jüdischen Aktienspekulanten an der Wiener Börse, Kunstgeschichtsstudium im Ausland. Der Vater fallierte 1911 und erschoss sich, woraufhin die Familie sozial abstürzte. Ihre Ausbildung war danach nutzlos, 1914 meldete sich Bachrach freiwillig als Krankenschwester, wurde rund anderthalb Jahre in frontnahen Lazaretten eingesetzt und zog sich wegen nervlicher Überlastung nach Wien zurück. Dort hatte sie mehrere sehr fatale Affären, die ihre Reputation in Wiens höheren Kreisen ruinierten, 1917 beging sie Selbstmord.

Charakterstudien

Sechs Jahre lang war sie gut bekannt mit Schnitzler, der "Stephi", um ein Vierteljahrhundert jünger, agil, aufgeweckt und lebhaft, mochte und schätzte. In seinen Diarien hielt er ihren nervlichen gesundheitlichen Abstieg fest. Und war zutiefst erschüttert über ihr Ende. Mutmaßlich in einigen Erzählungen, beispielsweise in Fräulein Else, war Bachrach Inspiration für fragile Protagonistinnen.

Das grundlegende Problem dieses Bandes mit seinem bizarr überlangen Anhang (66 Seiten!) ist, dass Stephanie Bachrach als biografisches Objekt schlichtweg zu marginal und nur von außen zu fassen ist. So schiebt Karsten ein Panorama der allgemeinen Historie in den Vordergrund, des erstarrten Hofzeremoniells in den letzten Lebensjahren Franz Josephs, inklusive jeder Vermeidung von Neuerungen und Initiativen, der politischen Entwicklungen auf dem Balkan, einzelner Politiker und Machtzirkel wie der Revolution 1918/19.

Kundig, wenn auch überfrachtet mit Zitaten und erzwungen austariert, so wenn er sich an einem ausbalancierten Charakterbild Franz Conrad von Hötzendorfs versucht, des arrogant überforderten Chefs des österreichischen Generalstabs, schildert er Wien nach 1900 bis zum Kriegsausbruch, während des Krieges und das Nachkriegselend. Im Grunde ist dies ein Buch über Schnitzler als scharfer und scharf gezeichneter Sozialpathologe. Kurios genug, dass es eine wirklich umfassende ambitionierte Schnitzler-Biografie bis heute nicht gibt. (Alexander Kluy, 13.3.2020)