Anfang März tauchte auf Twitter der Hashtag #BlackSwan als Trend auf. Damals rund um die Veröffentlichung eines banalen, neuen Musikvideos der südkoreanischen Boyband BTS, in dem junge Männer in schwarzem Outfit tanzen. Inzwischen finden online zunehmend Diskussionen unter demselben Hashtag zum Konzept des libanesisch-amerikanischen Philosophen Nassim Nicolas Taleb statt. Zu Recht, denn Talebs Schwarzer Schwan verdient mehr Aufmerksamkeit. In seinem 2007 veröffentlichten gleichnamigen Buch beschreibt er, wie sehr unwahrscheinliche Ereignisse – im Positiven wie im Negativen – massive Auswirkungen auf das (Welt-)Geschehen haben. Wir tun uns mit Schwarzen Schwänen schwer, weil Ereignisse dieser Kategorie komplett unerwartet eintreten, auch von Experten meist nicht vorhergesehen werden und aus der Analyse der Geschichte schwer ableitbar sind. Im Kern stellen Schwarze Schwäne immer auch die Robustheit von Systemen auf den Prüfstand.

Als "Schwarzer Schwan" werden Ereignisse bezeichnet, die selten und höchst unwahrscheinlich auftreten.
Foto: Reuters / Pavel Mikheyev

Der weltweite Ausbruch des Coronavirus ist so ein Schwarzer Schwan und zeigt uns gerade anschaulich, wie verwundbar unser komplexes globalisiertes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem mit seinen Interdependenzen ist. Plötzlich fällt uns auf, dass die Herstellung von Antibiotika gefährdet sein könnte, weil in der rein auf Profit ausgerichteten Logik der Pharmaindustrie wichtige Grundstoffe nur noch in China erzeugt werden. Globale Lieferketten werden auf einmal unterbrochen, und wir stellen schmerzhaft fest, dass in der Just-in-time-Logik keine Kapazitätsreserven und Redundanzen im System vorhanden sind. Alles dem Effizienzgebot unterordnend, haben wir teilweise große, fragile Systeme erzeugt.

Stresstest für die Gesellschaft

Das Coronavirus wird die Welt lange beschäftigen, die genauen Auswirkungen sind noch nicht abzuschätzen, aber für die Zeit nach der Krise sollten wir uns schon jetzt vornehmen, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen. Wir sollten den Stresstest, dem unsere Gesellschaft gerade unterliegt, genau analysieren und entsprechende Konsequenzen ziehen. Welche Bereiche waren agil und robust genug, welche überfordert und fragil und warum.

Auch wenn wir den nächsten Schwarzen Schwan per Definition nicht vorhersehen können, können wir aus genauer Beobachtung jetzt und nach Covid-19 lernen. Ein erhöhtes Risikobewusstsein in der Bevölkerung könnte eine breitere Diskussion über die Frage, was eine resiliente Gesellschaft ausmacht, ermöglichen. Wir könnten dann auch Themen wie Cyberdefence und Cybersicherheit mehr Aufmerksamkeit widmen, für einen stärkeren Selbstversorgungsgrad bei der Lebensmittelproduktion werben und die Landwirtschaft im Umstieg zu nachhaltigeren Anbaumethoden unterstützen, die Klimaschocks und Starkwetterereignissen besser trotzen. Wir könnten die Stärkung digitaler Kompetenzen unterschiedlichster Organisationen, insbesondere im Bildungssektor und im Gesundheitswesen, forcieren und die Souveränität Europas bei strategischen Technologien fördern ebenso wie ein neues Wirtschaftssystem, in dem langfristiges, nachhaltiges Denken belohnt wird und nicht das Gegenteil wie bisher. Wir könnten vor allem aber erkennen, dass Robustheit nicht mit ewiger Effizienzsteigerung und Optimierung im Gleichklang steht. (Philippe Narval, 16.3.2020)