Griechische Soldaten errichten einen Zaun entlang der türkisch-griechischen Grenze.

Foto: AP/Emrah Gurel

Alibey Köy ist ein Dorf, in dessen Mitte die Hauptstraße einen Haken macht. Ein anderer Weg führt weiter ins Dorf hinein, das am Fluss Evros liegt. Vor der Gabelung steht ein merkwürdiges Denkmal – eine Bäuerin hütet Gänse. Dahinter liegt die Moschee, der Friedhof mit weißen Steinen, umrahmt von grünen Büschen und Bäumen. Plötzlich tauchen ein paar junge Afghanen auf, die im Dorf eingekauft haben.

Seit der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am 28. Februar angekündigt hatte, dass die Grenzen zu Griechenland offen seien, sind tausende Flüchtlinge und Migranten, die in der Türkei leben, an die türkisch-griechische Landgrenze gebracht worden, die viele Kilometer lang mitten im Evros verläuft. Zurzeit ist der Wasserstand recht niedrig, aber der Fluss kann auch anschwellen und alles mit sich mitnehmen. Deswegen ist es auch so schwer, hier befestigte Grenzzäune auf zustellen. Alibey Köy liegt vom Grenzübergang Edirne, wohin die Migranten und Flüchtlinge gebracht wurden, mindestens eineinhalb Autostunden entfernt. Es ist ein Kaff jenseits der aufmerksamen Öffentlichkeit dieser Welt.

Hier kann man höchstens auf den Telegrafenmasten die Storchennester zählen. Die Landschaft ist leicht hügelig, die Dörfer sind ärmlich, in den Cafés sitzen oft ein paar ältere Männer. Ein paar Traktoren sind unterwegs, die auf die Felder fahren. Sie sind schon ziemlich grün, hier im europäischen Teil der Türkei. Am Rande der Weiler wohnen Roma-Familien, oft in winzigen Hüttchen, mit Plastikplanen überzogen.

85 Personen abgeladen

Doch diesmal sind es keine Roma, die hier am Dorfrand von Alibey Köy versammelt sind. Sie haben auch keine Hütten. Die Afghanen gehen zu einem betonierten Platz, offenbar einem Trinkwasserreservoir. Dort sind auch viele andere Leute: etwa eine syrische Familie mit zehn Kindern, die eigentlich seit sechs Jahren in Gaziantep lebt, ein Marokkaner, zwei Schwarzafrikaner, ein paar Bangladescher. Manche lagern am Feldrand. Keiner hat einen Schlafsack mit. Die Leute schauen erschöpft und verunsichert aus.

Einer der Männer – ein Iraker, der seit zwei Jahren mit seiner Familie in der Türkei lebt – kann Englisch. "Sie haben uns von der Grenze in Edirne mit dem Regierungsbus abgeholt. Sie haben gesagt, dass wir einsteigen sollen. Es koste nichts. Dann haben sie uns hierhergebracht, abgeladen und gesagt: Wenn ihr wollt, könnt ihr jetzt weitergehen. Die Grenze zu Griechenland geht um 19 Uhr am Abend auf." Die 85 Leute, die hier auf den Betonplatten lagern, haben keine Ahnung, dass der Fluss Evros nur ein paar Minuten von ihnen entfernt liegt.

Der Marokkaner, der Französisch spricht, hatte es an einer anderen Stelle des Evros vergangene Woche auf die andere Seite geschafft, wurde aber wieder zurückgetrieben. "Die Griechen haben uns dazu gebracht, uns auszuziehen. Sie haben uns die Handys und die Reisedokumente weggenommen. Und das Schlimmste ist, sie schlagen die Frauen", erzählt er.

Mit "Regierungsbussen"

Die Ausgesetzten hier in Alibey Köy wissen nicht, was sie jetzt tun sollen. Manche meinen, dass sie auf den Betonplatten übernachten werden. "Die Kinder werden frieren", übersetzt der Iraker die Aussagen des syrischen Vaters. Er und seine Familie kommen ursprünglich aus Halab, erzählt er, also aus Aleppo. Wie alle anderen in der Gruppe war er gerade eine Woche lang am Grenzübergang Pazarkule bei Edirne gewesen und hatte gewartet, dass die Grenze aufgeht. Anfang März waren sie alle aus vielen Teilen der Türkei mit "Regierungsbussen" abgeholt worden und an die Grenze gebracht worden, erzählen die Leute.

Doch weshalb sind sie mit den "Regierungsbussen" mit nach Edirne gefahren? "Die haben uns gesagt, dass die Grenze aufgeht. Und wir haben es alle geglaubt", erzählt der Iraker. Und das glaubt ihr noch immer? "Nein, wir wissen jetzt, dass das Lügner sind und die Grenze geschlossen bleibt. Den Glauben haben wir jetzt verloren, aber wir haben noch immer Hoffnung, und die brachte uns dazu, dass wir jetzt mitgefahren sind", erklärt der etwa 30-Jährige. Zudem könne er seine Familie hier in der Türkei nicht mehr ernähren, fügt er hinzu.

Kein Job mehr in der Türkei

Auch der syrische Familienvater erzählt, er habe seinen Job in Gaziantep verloren und wolle deshalb nach Europa. Schwer in Not geratene Menschen sind für zynische Politiker die wohl am leichtesten zu manipulierende Manövriermasse. Davon zeugen die Ausgesetzten von Alibey Köy. Der Chef der EU-Grenzschutzagentur Frontex, Fabrice Leggeri, sagte kürzlich, dass etwa 70 Prozent jener Leute, die hier an die türkisch-griechische Landgrenze gekommen seien, Afghanen und Pakistaner seien.

Es handle sich also – anders als im Fall der Syrer – großteils um Personen, die ohnehin nur in die Türkei gereist seien, um weiter nach Europa zu gelangen. Jedenfalls sind es jene Leute, die auch das türkische Regime nicht mehr in der Türkei haben will. "Ich wollte noch etwas zur Hoffnung sagen", meint der Iraker nachdenklich. "Eigentlich haben wir auch die Hoffnung verloren, dass wir es hier hinüberschaffen. Aber der Traum verschwindet trotzdem nicht aus meinem Kopf, dass wir bis nach Deutschland kommen."

Plötzlich biegen zwei Autos um die Ecke, darin sitzen Soldaten. Ein weiterer, mittelgroßer Bus mit Flüchtlingen kommt an. "Sie können hier nicht bleiben!", meint einer der Männer forsch. Die Flüchtlinge werden genau ausgefragt, was sie erzählt haben. "Haben Sie Fotos gemacht?", wird lautstark nachgeforscht. "Nein." "Haben Sie Fotos gemacht?" Der Dialog wiederholt sich einige Male. Nichts soll offenbar dokumentiert werden. Keiner soll von dem Vorgehen der türkischen Behörden erfahren. Erst nach einigen Drohgebärden wird der Weg zum Weiterfahren freigemacht. Ein graues Auto folgt eine Weile und kehrt erst nach ein paar Minuten wieder um.

Die Politik des Hin- und Herschiebens von Flüchtlingen entlang der Grenze mithilfe der Buszubringungen durch die türkischen Behörden führt dazu, dass immer wieder Leute über den Evros gelangen, weil die griechischen Beamten nicht die gesamte Strecke von 159 Kilometern der Grenze bewachen können. Am Mittwoch vergangene Woche wurde etwa in Protoklisi – auf der griechischen Seite von Alibey Köy – eine Gruppe von Flüchtlingen von der Polizei festgenommen.

Der Versuch Erdoğans, Anfang März zehntausende Leute bei Edirne über die Grenze zu schicken, ist misslungen. Doch sein Ziel bleibt weiter bestehen. Vergangene Woche betonte der türkische Präsident wieder: "Wir denke nicht daran, die Tore zu schließen. Unser Vorschlag an Griechenland ist, die Tore zu öffnen. Die Leute werden nicht in Griechenland bleiben. Lasst sie von Griechenland in andere europäische Länder ziehen."

Grenzzaun zerstören

Die griechische Regierung veröffentlichte kürzlich ein Video, das ein türkisches Panzerfahrzeug zeigt, wie es offensichtlich mithilfe eines Seils versucht, den griechischen Grenzzaun zu Fall zu bringen. Auch Flüchtlinge und Migranten versuchen seit dem 1. März immer wieder, den Grenzzaun aufzuschneiden, um auf die griechische Seite zu kommen. Einige Migranten werfen auch Molotowcocktails gegen die griechische Polizei. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex schickt deshalb zusätzliche Einsatzkräfte vom "Soforteinsatzteam für Grenzsicherungszwecke" an die Landgrenze und entwickelt zudem Pläne mit der griechischen Regierung, wie man rasche Rückführungen in die Herkunftsländer der Migranten organisieren kann.

In der Nähe des Evros trifft man auf türkischer Seite dauernd auf Militärabsperrungen und Polizeikontrollen. Gelangt man bei Edirne in die Nähe des Grenzübergangs Pazarkule, wo seit Anfang März tausende Migranten lagern, sind von weitem bereits die Schüsse aus den Tränengaspistolen zu hören. "Die Griechen schießen!", sagt der türkische Polizist, der mit Kollegen am Rand des Dorfs Karaagaç nach der bunt farben beleuchteten osmanischen Brücke dafür sorgt, dass keiner zu den Flüchtlingen gelangen kann. Alles ist abgeriegelt. Die Ausweise werden trotzdem peinlichst genau geprüft und fotografiert. Nur die Migranten dürfen vom "Lager" am Grenzzaun nach Karaagaç zum Einkaufen. Aus Kleinbussen her aus werden Brot, Wasser und Orangen verkauft. Ein paar Roma, die hier am Dorfrand hausen, bieten sogar ihre Schuhe an. "Es hat keinen Sinn, dass Sie mit den Migranten reden. Die können ohnehin kein Englisch", sagt der Polizist.

Im Fernsehen gesagt

Das Regime hat offenbar Angst, dass die Flüchtlinge erzählen, was hier wirklich los ist. Ein Afghane, der seine zwei kleinen Töchter links und rechts im Arm hält, meint, er und seine Frau hätten vor zehn Tagen alles verkauft, um nach Europa zu gehen. "Erdoğan hat ja im Fernsehen gesagt, dass die Grenze offen ist und wir jetzt rüberkönnen", sagt der Mann. "Und jetzt sind wir hier. Und jetzt haben wir ein Problem", meint er. Dann taucht wieder die Polizei auf und beendet die Konversation. (N. N.* aus Edirne, 16.3.2020)

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