Auch Boris Johnsons enger Berater Dominic Cummings ist in die Anti-Corona-Strategie involviert.

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London – "In Großbritannien sind wir erst in den letzten paar Tagen zu diesem Ergebnis gekommen." Der Satz, verpackt in eine Studie des Londoner Imperial College zur Corona-Strategie der britischen Regierung, sorgt derzeit in London für ungläubiges Staunen. Er beschreibt, wieso sich Londons Handlungsweise in Sachen Seuchenbekämpfung kürzlich verändert hat. Man sei, heißt es in dem Papier (.pdf), nach Studium der Daten aus Italien zum Ergebnis gelangt, dass die Dinge anders liegen als bisher berechnet. Und dass daher ein Aufbau von Herdenimmunität und die versuchte Verschiebung der Krankheitswelle in den Sommer nun doch bei weitem nicht ausreichen würde, um eine massive Überlastung des britischen Gesundheitssystems NHS zu verhindern. Sie würde, wie nüchtern in dem Papier steht, zu hunderttausenden Todesfällen führen, selbst dann, wenn es gelänge, besonders gefährdete Gruppen zu isolieren.

"Die Strategie der Abschwächung funktioniert nicht mehr, die einzige Alternative ist Unterdrückung" der Krankheit. Ein Schluss, zu dem zahlreiche andere europäische Staaten bereits vor einigen Wochen gelangt sind – und wertvolle Zeit, die für die Zurückdrängung der Krankheit in Großbritannien so verspielt wurde.

Auf den Empfehlungen jedenfalls fußt auch die geänderte Strategie, die London laut zahlreichen Medien in den kommenden Tagen und Wochen umzusetzen gedenkt und die in vielfacher Hinsicht dem Weg ähnelt, den anderen Staaten in Europa eingeschlagen haben: Premier Boris Johnson verkündete Montagabend erste Maßnahmen, die allerdings nur als dringende Empfehlungen, nicht als Gesetze formuliert sind: darunter Heimarbeit für jene, die diese verrichten können, und die Empfehlung für Menschen über 70, Schwangere und Menschen mit Vorerkrankungen, sich so gut wie möglich zu isolieren. Statt wie bisher sieben Tage zu Hause zu bleiben, sollen Menschen mit Corona-ähnlichen Symptomen nun 14 Tage aus der Öffentlichkeit, und mit ihnen alle, die im gleichen Haushalt wohnen. Einzig Schulen und Universitäten bleiben geöffnet.

Lange Dauer

Die Regierung entfernt sich damit weiter von jenem Plan, der noch vergangene Woche von den führenden Beratern des Premiers in dessen Anwesenheit verkündet worden war: vorerst wenig zu tun, um so die Immunität in Teilen der Bevölkerung zu erreichen, und dann, bei weiterer Ausbreitung der Krankheit, besonders gefährdete Teile der Bevölkerung zu isolieren.

Ob der neue Plan nun noch funktionieren kann, ist freilich offen: Positiv getestet wurden in Großbritannien zwar mit Stand Dienstagnachmittag erst 1.543 Personen – schon vergangene Woche schätzten die Gesundheitsbehörden die Dunkelziffer aber auf über zehntausend. Unvermeidbar ist das Vorgehen aber dennoch, so die Forschergruppe: Und es würde die zu erwartenden Todeszahlen, sofern die Bevölkerung bei allen Maßnahmen mitspielt, von 250.000 auf 20.000 senken. Hintergrund ist auch der marode Zustand des Gesundheitssystems NHS: Großbritannien hat nach zahlreichen Sparprogrammen der vergangenen Jahre nur noch 6,6 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner (Vergleich Österreich: zuletzt etwa 23).

Nachteil der Strategie: die Dauer. In Großbritannien rechnet man damit, dass eine erste Welle bis Juli oder August anhalten könnte. Dann könne man zwar die harten Maßnahmen wieder zurücknehmen – müsse sie aber wieder hochfahren, wenn Covid-19 zurückkehren sollte. (Manuel Escher, 17.3.2020)