Lange dauerte sie nicht an, die ohnedies sehr zaghafte Erholung der Aktienmärkte. Bereits einen Tag später befanden sie sich auf wesentlich tieferem Niveau, denn der Mittwoch brachte einen weiteren Kursrutsch. Sowohl Europas Börsen als auch die Wall Street notierten zur Wochenmitte weit im negativen Terrain. Veranlasst wurden die Investoren zur Flucht aus Aktien wegen der Zweifel an der Wirksamkeit der billionenschweren Hilfen für die Weltwirtschaft. Gegen Mittwoch, 21 Uhr, am Ende der Börsensitzung in New York, schlossen sie mit einem starken Minus.

Nach oben gerichtet waren nur die Blicke besorgter Händler.
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Derzeit dominiere die Furcht, dass die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in eine Rezession führen, sagte Michael James, Chef des Aktienhandels bei der Investmentbank Wedbush. "Das drängt alles andere in den Hintergrund." Und die Sorgen sind berechtigt: "Die Wahrscheinlichkeit einer globalen Rezession beträgt nahezu 100 Prozent", erklärte US-Wirtschaftswissenschafter Kevin Hassett. Dementsprechend geriet auch der Ölpreis ein weiteres Mal unter Verkaufsdruck, ein Fass der Nordseesorte Brent war zeitweise um weniger als 27 US-Dollar zu haben.

Zinssitzung abgesagt

Die US-Notenbank Fed sagte ihre für Mittwoch geplante Zinssitzung ab, da sie bereits am Wochenende den Leitzins nahe null gesenkt hatte. Dafür signalisierte sie ebenso wie die Europäische Zentralbank Handlungsbereitschaft, sollte es nötig sein. Die Bank of England kündigte sogar an, nötigenfalls – ein derzeit unter Notenbankern oft genutztes Wort – Summen in unlimitiertem Ausmaß in das Finanzsystem zu pumpen. Der Euro büßte gegenüber dem US-Dollar deutlich ein, ebenso gegenüber dem Schweizer Franken. Die eidgenössische Währung zieht sicherheitsbedürftige Investoren also weiterhin an.

Aus anderen sicheren Häfen wie Gold oder Staatsanleihen laufen Anleger hingegen wieder aus. Denn am Rentenmarkt zweifelten die Investoren die Wirksamkeit der Staatshilfen nicht an, und zwar für die Haushalte der jeweiligen Länder. Im Zuge der milliardenschweren Rettungspakete erinnern sich Anleger daran, dass auch Staatspapiere ein gewisses Risiko bergen.

Zehnjährige Bundesanleihen rentierten nur noch mit 0,28 Prozent im negativen Bereich. Für deren österreichische Pendants ist die Zeit negativer Zinsen bis auf Weiteres vorbei, die Rendite lag über 0,3 Prozent. Besonders stark wurden italienische Papiere verkauft, die zehnjährige Rendite stieg auf fast 2,6 Prozent.

Hinweise auf Besserung

Was kann den Aktienbörsen derzeit wieder auf die Beine helfen? "Der Markt hat begonnen, dermaßen schlechte Szenarien einzupreisen, dass eine Überraschung fast nur noch durch gute Nachrichten zu erreichen ist", sagt Chefanalystin Monika Rosen vom Private Banking der Bank Austria. Dazu würden etwa Anzeichen zählen, wonach das Virus unter Kontrolle ist. Viele Marktteilnehmer sehen das ähnlich: Schon Hinweise darauf, dass die Steuerung der Ansteckungskurve gelungen ist, könnten die Talfahrt bremsen.

Unter den Einzelwerten brockte der Einreisestopp der EU der Luftfahrtbranche einen weiteren Absacker ein, diesmal hauptsächlich den Flugzeugherstellern. Airbus brach in Paris zeitweilig um mehr als ein Fünftel ein und steuerte auf den größten Tagesverlust seit 14 Jahren zu. Der US-Rivale Boeing verlor an der Wall Street ebenfalls fast 20 Prozent. Die Experten der Investmentbank JPMorgan rechnen damit, dass es etliche Jahre dauern wird, bis sich die Branche von dem Corona-Schock erholt.

Schwer getroffen hat es auch die Wiener Börse, der ATX lag zeitweise mehr als acht Prozent im Minus, konnte die Verluste aber wieder etwas eingrenzen. Besonders betroffen waren die Banken. Deutlich tiefer notierte auch der Verbund, obwohl dieser 2019 die Jahresziele erreicht hatte. Allerdings führt die Coronavirus-Krise zu geringerem Strombedarf der Industrie. Vergleichsweise gut weggesteckt hat Palfinger eine Gewinnwarnung wegen wegbrechender Nachfrage.

Erhöhte Dividende

Gegen den Trend und den abgestürzten Ölpreis notierte Schoeller-Bleckmann in der Gewinnzone. Was hat den Ölfeldausrüster den Investoren plötzlich schmackhaft gemacht? Nach einer annähernden Gewinnverdoppelung im Vorjahr wurden überraschend eine höhere Dividende und Aktienrückkäufe angekündigt.

Die durch die Coronavirus-Krise ausgelöste Talfahrt am Aktienmarkt ist für die Deutsche Börse übrigens kein Grund zur Einstellung des Handels. "Die Folge hiervon wäre noch größere Unsicherheit", sagte ein Sprecher. Die Verwerfungen an den Märkten würden noch drastischer ausfallen. (Alexander Hahn, 18.3.2020)