Die Botschaft steht in den Fenstern: "Bleibt zu Hause", so der Aufruf an einem Bürogebäude im norditalienischen Mailand.

Foto: AP / Luca Bruno

Seit dem 11. März herrscht in ganz Italien ein weitgehendes Ausgangsverbot – und trotzdem nimmt die Zahl der Infizierten und Toten weiterhin stetig zu. Italien hat am Donnerstag im Zuge der Coronavirus-Pandemie mehr Todesfälle als China gemeldet und ist mit über 3.400 Opfern das Land mit den meisten offiziell gemeldeten Toten auf der Welt. 3.405 Todesopfer wurden seit Beginn der Epidemie am 21. Februar gemeldet, das waren 427 mehr als am Mittwoch.

In der Nacht auf Donnerstag ist in Bergamo das Militär mit einer langen Lastwagenkolonne angerückt – nicht um den überlasteten Krankenhäusern zu helfen, sondern um 60 Tote in ihren Särgen in andere Städte abzutransportieren. Das örtliche Krematorium ist trotz 24-Stunden-Betriebs nicht mehr in der Lage, alle Opfer der Epidemie einzuäschern.

Die Lombardei rief die Regierung in Rom nun zu einem kompletten Shutdown auf. Die Krankenhäuser seien am Ende ihrer Kräfte, sagte der Gesundheitsbeauftragte der Lombardei, Giulio Gallera. Er protestierte dagegen, dass immer noch so viele Menschen auf den Straßen unterwegs seien. "Das ist unannehmbar. Die Leute müssen zu Hause bleiben."

Angesichts der dramatischen Entwicklung – landesweit zählte Italien am Donnerstag 41.000 Infizierte – hat die Regierung angekündigt, die bisher verordneten Quarantänemaßnahmen auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Das betrifft insbesondere auch die Schließung aller Schulen, Kindergärten und Universitäten, die den Unterricht ursprünglich am 3. April hätten wiederaufnehmen sollen. "Es ist klar, dass die bisher getroffenen Maßnahmen, sowohl die Schließung vieler Unternehmen und der Schulen als auch die Einschränkungen für Private, zwangsläufig über den Termin hinaus verlängert werden müssen", betonte Regierungschef Giuseppe Conte.

Mangelnde Disziplin

Mit den Maßnahmen habe man "den Kollaps des Gesundheitssystems verhindert", die über das ganze Land verhängte Quarantäne werde "hoffentlich in einigen Tagen" zu einer Verlangsamung der Epidemie führen – aber nur, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger diszipliniert an die verordnete "soziale Distanz" halten würden. An der Disziplin hapert es in Italien derzeit allerdings noch etwas: Bei insgesamt über einer Million vorgenommenen Kontrollen wurden vorige Woche 45.000 Anzeigen erstattet. Diese betrafen sowohl Menschen, die sich ohne triftigen Grund im Freien aufgehalten hatten, als auch Geschäftsbesitzer, die ihre Läden geöffnet ließen, obwohl sie keine Produkte des Grundbedarfs verkaufen.

Bisher haben die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in Italien zumindest in absoluten Zahlen nicht zu einer Verlangsamung der Epidemie geführt. Theoretisch müsste sich die Kurve der Fallzahlen aber an diesem Wochenende abflachen: Wenn die Zahl der Neuansteckungen ab 11. März, als das Land unter Quarantäne gestellt wurde, tatsächlich deutlich zurückgegangen ist, dann müsste dies spätestens am Samstag Auswirkungen zeigen.

Weniger Tests

Ein Rückgang könnte freilich auch andere Gründe haben als eine Verminderung der Neuansteckungen in den letzten zehn Tagen. Die Bilanz hängt maßgeblich davon ab, wie viele Tests durchgeführt werden und bei wem. "In den Spitälern der Lombardei, die kurz vor dem Kollaps stehen, werden inzwischen sehr viele Patienten mit Symptomen abgewiesen, ohne dass bei ihnen ein Test durchgeführt wird", sagte der Biologieprofessor Enrico Bucci, der die Fallzahlen seit Beginn der Epidemie analysiert, der Zeitung "Repubblica". (Dominik Straub aus Rom, 19.3.2020)