Einfach ins Homeoffice schicken und genauso weiterarbeiten wie bisher: Schlechte Idee!

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Die aktuelle Situation löst bei den allermeisten Menschen starke Ängste aus, weil es ein so unvorstellbares und subjektiv unerwartetes Ereignis ist. Es kann das persönliche Sicherheitsempfinden und das Verständnis der Welt grundlegend infrage stellen. In disruptiven Prozessen wie den jetzigen, in denen so viele Informationen und Verkettungen entstehen, dass diese sich im Moment der Verarbeitung bereits wieder verändern und jedes Planen bedeutungslos wird, kann der Mensch in seinem Grundbedürfnis nach Orientierung und Struktur zutiefst erschüttert werden. Wie kann man als Unternehmen und Führungskraft mit diesen Ängsten und dieser Situation umgehen, sodass auch in diesen Zeiten das Engagement der Mitarbeiter für und ihr Vertrauen in das Unternehmen und die Institution erhalten bleiben?

Fokussieren

Abhilfe schafft, sich zuerst auf das zu fokussieren, was man selbst und unmittelbar beeinflussen und planen kann. Das kann auch heißen, zuerst einmal einen Schritt zurückzutreten, den Fuß vom Gas zu nehmen und Prioritäten zu setzen, statt den Ereignissen hinterherzulaufen. Auch sollte ich das Grundziel meiner Handlungen reflektieren und festlegen, weil es unabhängig von den äußeren Umständen bleibt. Auch wenn das Durchsetzen von Unternehmens- oder Organisationsinteressen zuerst kommt, muss es in Balance zum Wohl der Mitarbeiter geschehen. Negativ kann das so aussehen, darauf zu bestehen, dass die Mitarbeiter ab dem ersten Tag X voll weiterarbeiten sollen, man so tut, als ob alles gleich sei – jetzt nur online –, und Ihnen keine Zeit zur Anpassung gegeben wird.

Mehr als sonst kommt es auf eine von Vertrauen und Sicherheit geprägte Kommunikation an. Das menschliche Hirn hasst Unsicherheit und das Fehlen von Informationen, weil es diese Leere meist mit noch düstereren Inhalten füllt. Daher haben Führungskräfte besonders auch in diesen Zeiten die zentrale Aufgabe, Mitarbeitern Orientierung und Struktur zu bieten und damit Sicherheit und Vertrauen zu vermitteln. Dies geschieht sowohl durch Worte als auch durch Taten, weil Vertrauen nur durch die Kongruenz aus Gesagtem und Getanem erwächst.

Konkret kann das so aussehen:

1. Wir haben diese Situation.
2. Ich sehe und verstehe deine Situation.
3.Gleichzeitig gibt es bestimmte Dinge, die wir erreichen wollen und sollten. Wir wissen noch nicht alles, und es kann sich auch ändern.
4. Aber wir können euch versichern, dass wir das gemeinsam machen und einen Plan in Rücksprache entwickeln.
5. Wenn es Neuigkeiten gibt, könnt ihr euch verlassen, dass wir diese sofort kommunizieren.

Das heißt, wenn Sie wollen, dass Ihnen Ihre Mitarbeiter vertrauen und sie motiviert bleiben, nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit und denken Sie daran, wie es dem Empfänger Ihrer Kommunikation geht, indem sie sich vorstellen, was gerade bei ihm los sein könnte. Denken Sie dabei einfach an die Menschen in Ihrer unmittelbaren Umgebung und deren persönliche Situation. Das erleichtert Ihnen, persönlich zu kommunizieren. Bieten Sie den Leuten aktiv an, bei Schwierigkeiten mit Ihnen in Kontakt zu treten, und hören Sie erst einmal nur zu, was die Leute beschäftigt. Es mag in Zeiten wie diesen als zu viel verlangt erscheinen, jedoch gerade in so kritischen Zeiten ist es essenziell, dass auch die Organisationen sich auf die Motivation und das Engagement der Mitarbeiter verlassen können, was wiederum nur durch Mitarbeiter gewährleistet ist, die Sicherheit und Vertrauen erleben.

Auch wenn Sie als Führungskraft genauso wie Ihre Mitarbeiter selbst von der Krise betroffen sind, haben Sie die Verpflichtung, gegenüber Ihren Mitarbeitern Ängste abzumildern, Sicherheit zu vermitteln und die Richtung vorzugeben. Was in normalen Zeiten bereits eine Herausforderung darstellt und häufig zu enttäuschten Erwartungen führt, wird in Zeiten der Krise nochmals besonders auf die Probe gestellt. Gerade weil in der Hektik vergessen wird, zuzuhören, und Menschen mehr mit sich selbst beschäftigt sind, geht der Blick für andere verloren. Zuhören bedeutet, sich dem anderen zuzuwenden, und wenn jemand Ängste äußert, diese zu hören und zu akzeptieren, statt sofort im Reflex zu sagen, dass alles gut wird oder das jetzt keinen Platz habe.

Phasen der Verarbeitung

Wenn ich einen Plan habe oder weiß, dass es wieder besser wird, kann ich das dann in einem zweiten Schritt äußern. Es ist auch wichtig zu verstehen, dass es unterschiedliche Phasen der Verarbeitung gibt. Während die einen noch leugnen, dass etwas passiert, sind die anderen in Panik, Depression, Resignation, Ärger oder bereits in Akzeptanz und Neuorientierung. Dies gilt es zu erkennen und darauf einzugehen.

1. Nehmen Sie Gefühle ernst, auch wenn Sie sie rational nicht nachvollziehen können. Adressieren Sie diese Gefühle auch dann, wenn Sie Sachinformationen vermitteln wollen. Die Sachinformation wird dann eher aufgenommen, weil die davor erfahrene Akzeptanz entspannt.

2. Bevor Sie auf Anordnungen und Anweisungen beharren, versetzen Sie sich in die Lage der Mitarbeiter und fragen Sie sich, ob es tatsächlich überlebensnotwendig ist, dass etwas zu einem bestimmten Datum fertig ist, oder ob es Spielraum gibt, und welche Ideen für eine Umsetzung die Mitarbeiter haben.

3.Übernehmen Sie Verantwortung. Das heißt, spielen Sie sich und Ihre Mitarbeiter frei, indem Sie z. B. Kunden oder Kollegen kommunizieren, dass man sich erst ab einem bestimmten Datum meldet, damit man genug Zeit hat, auf eventuelle Veränderungen zu reagieren. Übernehmen Sie auch Verantwortung, wenn die Infrastruktur fehlt, weil verabsäumt wurde, diese zu installieren.

4. Achten Sie auf Mitarbeiter, die sich in einer Angstspirale befinden. Sprechen Sie diese direkt an und drücken Sie Ihre Sorge um Sie aus. Helfen Sie ihnen, ihre Gedanken und ihr Erleben zu sortieren, und, wenn nötig, organisieren Sie psychologische Unterstützung, etwa beim Berufsverband der Psychologinnen und Psychologen.

5. Und das Wichtigste zum Schluss: Achten Sie auf sich selbst, halten Sie inne und überlegen Sie, was Sie selbst brauchen. Man kann sich nur gut um andere kümmern, wenn man sich gut um sich kümmert. (21.3.2020)