Mysophobie: die krankhafte Angst vor Ansteckung. Symptome: extremes Kontaktvermeidungsverhalten.

Foto: Picturedesk.com / AFP / Pau Barrena

Wie so oft brauchte ich eine Therapiestunde, um festzustellen, ob ich spinne oder die anderen. Wie praktisch immer stellte sich heraus, dass die anderen spannen, einschließlich meiner Therapeutin.

"Kein Händeschütteln?", sagte sie, zog eine Augenbraue hoch und die Hand zurück. "Solche Angst haben Sie?"

"Ich möchte mich ehrlich gesagt auch nicht auf die Couch legen", sagte ich.

"Obwohl jeder Patient ein eigenes Pölsterchen bekommt?", lächelte sie.

"Man kann auch neben das Pölsterchen husten", sagte ich schuldbewusst und setzte mich auf den Fauteuil, ohne die Armlehnen zu berühren.

Hysterie, Soziophobie, Berührungsängste. Mysophobie: die krankhafte Angst vor Ansteckung mit Bakterien oder Viren. Symptome: extremes Kontaktvermeidungsverhalten sowie übersteigerter Wasch- und Putzzwang.

"Irrationale Panik"

Fünfzig Minuten lang erzählte ich also von meinen Ängsten. Im Familienkreise war mir untersagt worden, über das Corona-Virus zu sprechen, insbesondere in Gegenwart meiner Schwägerin. Sie war vor kurzem Mutter geworden, und ihre Seelenruhe würde am ehesten dadurch zu gewährleisten sein, dass man sie von Informationen zur Infektionsverhinderung tunlichst fernhielt.

Ein Freund erzählte mir schmunzelnd, dass es in Italien nur deshalb so viele Corona-Fälle gebe, weil dort so viel getestet würde, den faszinierenden Umkehrschluss implizierend, dass das Virus durch Abschaffung des Tests auf einfache Weise beseitigt werden könne.

Auf Veranstaltungen und Dinnerpartys wurde gebusselt, was das Zeug hielt, immunsupprimierte und stark hustende Personen fielen einander um den Hals, während ich als schwarze Kassandra körperkontaktlos herumstand und verächtliches Gelächter über meine "irrationale Panik" zu hören bekam.

Ein bisschen fühlte ich mich wie Camille Claudel. Sie soll an der Wahnvorstellung gelitten haben, Auguste Rodin würde in ihr Atelier einbrechen lassen, um ihre Skulpturen zu zerstören – was höchstwahrscheinlich daran lag, dass Rodin in ihr Atelier einbrechen ließ, um ihre Skulpturen zu zerstören.

Der argumentative Ruin

"Woran könnte es liegen, dass Sie das Coronavirus mehr in Angst versetzt als andere Menschen?", fragte meine Therapeutin.

"Weil ich italienische Zeitungen lese?", sagte ich. Sie schwieg. Es war nicht nötig, dass sie etwas sagte. Da man die Welt nicht ändern kann, ist der therapeutische Ansatz immer der, dass der Patient etwas an sich ändern muss. Das bedeutete im konkreten Fall, dass ich mich besser fühlen würde, wenn ich keine italienischen Zeitungen mehr las.

Vielleicht, fuhr ich fort, liege es auch daran, dass ich die Reiskorn-Parabel kenne und daher eine deutliche Vorstellung von exponentiellem Wachstum hätte. Ich hätte mich im Zusammenhang mit Vampiren damit beschäftigt. Der logische Haken an allen Vampirgeschichten sei Folgendes: Wenn jeder Vampir jeden Monat einen Menschen aussaugen, also "infizieren" würde, wären schon nach wenigen Monaten alle Menschen Vampire. "Vampire …", sagte meine Therapeutin besorgt.

Ich endete mit der Erklärung, dass meine größte Angst darin bestehe, die österreichische Bundesregierung würde sich genauso irrational verhalten wie mein durchwegs aus intelligenten Menschen bestehender Bekanntenkreis. "Sogar Ärzte spielen alles herunter!", rief ich und wusste, dass ich mich spätestens in diesem Moment argumentativ ruiniert hatte.

"Auf Veranstaltungen und Dinnerpartys wurde gebusselt, was das Zeug hielt, immunsupprimierte und stark hustende Personen fielen einander um den Hals, während ich als schwarze Kassandra körperkontaktlos herumstand und verächtliches Gelächter über meine "irrationale Panik" zu hören bekam."
Foto: Heribert Corn www.corn.at

Am nächsten Morgen verkündete die österreichische Bundesregierung erste Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Nun ging es ums Einkaufen. Beziehungsweise um die entspannte Verweigerung, etwas einzukaufen, zumindest nicht mehr als das Übliche, am besten maximal ein Semmerl und zwei Äpfel, denn alles andere wäre ja dummes Hamstern gewesen.

Alles Nötige besorgen

Ich beschloss in aller Ruhe, Lebensmittel, Tierfutter und Hygieneartikel aufzustocken. Immerhin hatte ich lebenslange Erfahrung mit jenem entspannten Teil der Bevölkerung, der uns Hysterische mit Hohn und Spott überhäuft, sich aber gnadenlos auf uns verlässt. Bei einer Bergwanderung etwa pflege ich einen Liter Wasser mitzunehmen sowie etwas Wegzehrung für den Fall der Unterzuckerung.

Zunächst werde ich ausgelacht wegen der uncoolen Vorbereitungen und der spießigen Schlepperei. Spätestens nach einer halben Stunde Aufstieg aber fleht man um ein Schlückchen von meinem Wasser, und nach eineinhalb Stunden wird dramatisch an mein Gewissen appelliert, doch mein Jausenbrot an Bedürftige abzugeben, bevor noch etwas Schlimmes geschieht.

Nun also sagten die Entspannten: Wozu denn etwas einlagern – wenn es so weit kommen sollte, dass man in Quarantäne muss, kann man noch immer Freunde/ Verwandte/Nachbarn bitten, einem alles Nötige zu besorgen! Man kann aber, finde ich, seine Umwelt schonen und sich um sich selber kümmern, anstatt vor lauter Lässigkeit die anderen zu Dienstleistungen zu zwingen.

Wer in Quarantäne muss und nicht genügend Lebensmittel zu Hause hat, verlässt sich darauf, dass Menschen für ihn sorgen, die noch nicht infiziert sind – möglicherweise weil sie etwas "hysterischer", sprich vorsichtiger waren. (Bettina Balàka, 21.3.2020)