Die klassische Gralsfrage "Wie geht es dir?" braucht Zeit, um beantwortet zu werden. Es geht um Resonanz.

Es ist wie Baden bei Ebbe, wenn nicht mehr nur der Kopf aus dem Wasser ragt, sondern das Badekostüm sichtbar wird – oder eben die Nacktheit.

Die technische Infrastruktur für die aktuelle Krisenarbeit kann noch so State of the Art sein: Wenn Führungs- und Unternehmenskultur bis jetzt de facto aus Ignoranz, Abwertung, Konkurrenz und Effizienzhammer zusammengesetzt waren, dann werden die Leute weder im Homeoffice noch physisch am Betriebsort wirklich mithelfen und sicher nicht an die Grenzen gehen, um das Gemeinsame, die Firma, zu erhalten.

Wenn technisch alles holpert, aber das Gefühl des Kümmerns da ist, wenn bis jetzt die Arbeit okay war und das Miteinander ehrlich und fair, dann entsteht gerade ein neues Mindset: Alle fühlen sich verantwortlich und rennen unzählige Extrameilen, damit es von Tag zu Tag bestmöglich klappt.

Dort gewinnen auch gerade die Führungskräfte, die sich das nehmen, was gerade kaum da ist – Zeit. Die immer wieder fragen, auf ihre Leute aktiv zugehen und die sich für das Befinden wirklich interessieren statt floskelhaft das Zauberwort "danke sehr" in die Räume zu streuen. Die klassische Gralsfrage "Wie geht es dir?" braucht Zeit, um beantwortet zu werden. Es geht um Resonanz. Da kommen dann aber die vielen Ängste, Besorgnisse und elementaren Wegweiser für die Organisation zutage.

Wer sich jetzt den Vorgesetzten und Kollegen auf die Gralsfrage lediglich zu antworten getraut, "Alles gut, danke schön", hat wohl gut gelernt, sein Ich zu Hause zu lassen und dem Arbeitgeber aus guten Gründen ein schablonenhaftes Job-Ich zu liefern. Umgekehrt ist dann aber ganz sicher nicht zu erwarten, dass das Job-Ich aus "normalen" Zeiten in der Krise zur loyalen Hochperformance aufläuft, sondern das Heil verständlicherweise im Selbstschutz sucht und sich abwendet. (Karin Bauer, 27.3.2020)