Ärzte ohne Grenzen engagiert sich in Zeiten der Coronavirus-Krise vermehrt in Europa.

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Auch Frankreichs Gesundheitssystem ist durch die Ausbreitung des Coronavirus ausgelastet. Deshalb hat die zuständige Pariser Behörde die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) um Hilfe gebeten, die mit Montag einen Einsatz in der französischen Hauptstadt startet. Nach dem Engagement in mehreren Spitälern Norditaliens ist es der zweite Einsatz der Hilfsorganisation im Zusammenhang mit Covid-19 in Europa.

"Es ist als französischer Staatsbürger immer irrwitzig, wenn man für MSF auf Einsatz im eigenen Land ist", sagt Corinne Torre, Einsatzleiterin in Frankreich, zum STANDARD. Bereits vor wenigen Jahren hat sie einen Einsatz im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Migranten in ihrem Heimatland geleitet. Die nun begonnene Mission startet zunächst mit 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich um die medizinische Versorgung von Menschen kümmern, die auf der Straße leben. Darunter fallen französische Wohnungslose, aber auch Flüchtlinge und Migranten: "Sollte jemand positiv auf das Coronavirus getestet werden, leiten wir ihn an die zuständigen Stellen in Paris weiter", sagt Torre.

Der Einsatz wird laufend evaluiert und könnte bereits nach einer Woche ausgedehnt werden. Auch aus der Hafenstadt Marseille kam bereits ein Hilferuf an MSF. Montpellier und Bordeaux könnten folgen, sagt die Einsatzleiterin.

Aufklärung in Einsatzgebieten

Indessen beobachtet die Hilfsorganisation mit Sorge die weiteren Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. "Wenn das Virus bereits in Europa so verheerende Auswirkungen hat, kann man sich vorstellen, was es in Ländern mit quasi nichtexistenten Gesundheitssystemen anrichten kann", sagt Laura Leyser, MSF-Geschäftsführerin in Wien. Deshalb bereitet sich Ärzte ohne Grenzen bereits auf die ersten Infektionen in den Projekten vor. Es wird darauf geachtet, dass die betreuten Einrichtungen auch im Epidemiefall funktionsfähig bleiben, nationales Personal und Patienten werden über die Krankheit Covid-19 aufgeklärt.

Dass es bereits in Europa zu Engpässen bei der Lieferung von Schutzausrüstung kommt, bereitet MSF zusätzliche Sorge. Zwar ist jedes Projekt für mindestens drei Monate mit Masken, Anzügen und Handschuhen versorgt, sagt Leyser, doch wird es bald zusätzlich eine Direktive geben, wann Ausrüstung angelegt werden muss und wann es verboten ist. So soll Material nicht verschwendet werden.

Überfüllte Lager in Griechenland

Auch der Nachschub an internationalen Mitarbeitern fällt der Hilfsorganisation im Moment schwer. Die Grenzschließungen und Flugausfälle machen es MSF de facto unmöglich, neue Hilfskräfte in die Einsatzländer zu bringen. Einige MitarbeiterInnen hätten deshalb ihre Einsatzdauer verlängert, sagt Leyser: "Wir haben es aber allen freigestellt, ihren Einsatz vorzeitig abzubrechen und zu den Familien nach Hause zu fliegen." Auch das hätten einige in Anspruch genommen.

Leyser ruft zudem eindringlich dazu auf, die Situation der Menschen in den Lagern auf den griechischen Inseln zu verbessern. Denn ein Covid-19-Ausbruch wäre dort verheerend: "In Moria gibt es eine Wasserzapfstelle für rund 1.300 Personen", sagt Leyser. Häufiges Händewaschen oder Abstandhalten sei unmöglich. Sie berichtet auch, dass weiterhin Flüchtlinge und Migranten von Libyen aus die gefährliche Flucht über das Mittelmeer wagen. Nur seien im Moment keine privaten Seenotretter im Einsatz – die Mission von MSF und SOS Méditerranée wurde vorübergehend eingestellt. (Bianca Blei, 23.3.2020)