Am vergangenen Dienstag schloss Ungarn seine Grenze, wodurch Durchreisende aus Osteuropa plötzlich in Österreich festsaßen.

Foto: Reuters / LEONHARD FOEGER

Bis zu 35 Kilometer staute sich die Kolonne am Grenzübergang Nickelsdorf im Burgenland, nachdem Ungarn am vergangenen Dienstag seine Grenzen wegen des Coronavirus geschlossen hatte. Im Stau standen Rumänen, Bulgaren, aber auch Bürger von Nicht-EU-Ländern, die plötzlich nicht in ihre Heimat zurückkehren konnten. Für einige wurde kurzzeitig ein Einreisekorridor eingerichtet, doch nicht alle schafften es rechtzeitig auf die ungarische Seite. Nun zeigt sich ein neues Problem.

"Seit Dienstag rufen uns täglich bis zu 20 Menschen an, die in Österreich gestrandet sind und Medikamente brauchen", sagt Mariella Jordanova-Hudetz, stellvertretende Leiterin von Amber Med, der Ambulanz für Menschen ohne Versicherungsschutz von Diakonie und Rotem Kreuz in Wien. "Wir hatten Anrufer aus Rumänien, Bulgarien, Ägypten, England, Spanien, Serbien", sagt sie. Die meisten bräuchten Blutdruck- und Blutzuckermedikamente, die für sie lebensnotwendig sind. Die bekommt man nur mit Rezept, doch bei Hausärzten und Krankenhäusern seien die Anrufer abgewiesen worden, berichtet Jordanova-Hudetz.

Medikamente nicht kostenlos

"Ich habe keine andere Wahl, als zu Amber Med zu gehen", sagt Herr B., dessen Vater Diabetiker ist. Der knapp 60-jährige Nordmazedonier ist seit zwei Wochen in Österreich zu Besuch, weil sein Sohn ein Kind bekommen hat. Geplant war nur eine Woche, deshalb hat er auch nur Insulin für diesen Zeitraum mitgebracht. Nun sind die Grenzen dicht, Flüge gestrichen, und auch die nordmazedonische Botschaft kann keine Heimreise organisieren. "Ich habe meinen Hausarzt gefragt, ob er uns ein Rezept ausstellen kann, doch der konnte nicht helfen", erklärt Herr B. am Telefon. Von der Botschaft wurde er zum Krankenhaus der Barmherzigen Brüder geschickt, von dort weiter zu Amber Med.

"Die Blutzuckerwerte meines Vaters sind mittlerweile dreimal so hoch, wie sie sein sollten", sagt Herr B. Bei Amber Med hat eine Ärztin schließlich ein Rezept für Insulinspritzen ausgestellt, das wurde an eine Apotheke im 10. Bezirk geschickt, wo Herr B. die Spritzen abholen konnte. Fünf Stück, die reichen erst einmal für zwei bis drei Wochen, dann muss sich Herr B. wieder bei Amber Med melden. "Bei diese Menschen geht es nicht darum, dass sie die Medikamente nicht bezahlen können, sondern dass sie kein Rezept bekommen", betont Jordanova-Hudetz.

Die E-Card gilt auch in Österreich

Wolfgang Mückstein, praktischer Arzt im sechsten Wiener Gemeindebezirk, kann sich eigentlich nicht erklären, warum die Gestrandeten bei niedergelassenen Ärzten weggeschickt werden. Grundsätzlich können EU-Bürger mit ihrer E-Card in Österreich nämlich ganz normal zum Arzt gehen. Der kann das dann später über die Krankenkasse abrechnen. Drittstaatsangehörige sind wie Privatpatienten zu behandeln und müssen demnach den Arztbesuch bezahlen. "Die Betroffenen können sich gerne bei meiner Praxis melden, wenn sie ein Rezept brauchen", sagt Mückstein.

Fakt ist, dass alle, die bei Amber Med in den letzten Tagen angerufen haben, berichten, vorher bei Ärzten und Krankenhäusern abgewiesen worden zu sein. "Ich rechne damit, dass wir in der nächsten Woche noch mehr Anrufer haben werden", sagt Jordanova-Hudetz. Um Patienten und Personal zu schützen, hat man die Ambulanz bereits am Dienstag geschlossen und eine Telefonberatung eingerichtet. Sechs Ärztinnen beraten von 8 bis 16 Uhr ehrenamtlich am Telefon Patienten. Im Moment funktioniere das Modell gut, weil viele Ärzte aufgrund der Coronavirus-Maßnahmen ohnehin von zu Hause aus arbeiten. Jordanova-Hudetz überlegt jedoch, demnächst auf zehn Ärzte und eine zweite Telefonleitung aufzustocken.

Herr B. hofft inzwischen, dass sein Vater bald nach Hause reisen kann. Er und seine Frau arbeiten beide in Hotels, die nun geschlossen wurden. Finanziell sei die Situation zwar im Moment noch bewältigbar, aber schwierig. "Mein Vater hat zusätzlich noch schwere Magenprobleme, und meine Mutter hat Herzprobleme. Wenn ich für das alles keine Medikamente bekomme, weiß ich nicht, was ich mache." Er könne jederzeit wieder bei Amber Med anrufen, versichert Jordanova-Hudetz. (Johannes Pucher, 25.3.2020)