Ob Deutschland mit seinen rund 83 Millionen Einwohnern in der Corona-Krise am Ende alles richtig und rechtzeitig macht, wird sich erst irgendwann in der Zukunft zeigen. Aber eines kann man jetzt schon feststellen: Auf dem langen Weg zum nun geltenden Kontaktverbot im Freien lief es suboptimal.

Das liegt zum einen am deutschen Föderalismus, der immer wieder hochgehalten wird – nach dem Motto: So viele Unterschiede ergeben ein wunderbares, buntes Ganzes. Doch in einer solchen Ausnahmesituation, wie sie derzeit vorherrscht, wuchs eher die Verwirrung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Foto: Michel Kappeler/REUTERS

Die EU-Länder konnten sich nicht einigen, und eine Ebene darunter, also in Deutschland, sah es nicht anders aus. 16 verschiedene Bundesländer brachten 16 verschiedene Regelungen hervor, misstrauisch beäugte man die Ergebnisse, und viele fragten sich: Warum gilt nur ein paar Kilometer weiter, also über eine Ländergrenze weg, anderes?

Man kann verstehen, dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) angesichts der Nähe zu Tirol immer nervöser wurde. Aber "Bayern first" hat schon auch einen schalen Beigeschmack. Es zeigt, dass vom vielbeschworenen Sinn für die große Gemeinschaft nichts übrig blieb. Ministerpräsidenten, die in Katastrophenzeiten streiten, tragen nicht zur bitter nötigen Vertrauensbildung bei und konterkarieren die Forderung der Kanzlerin, dass jetzt wirklich alle zusammenhalten müssten.

Apropos Angela Merkel. Sie hätte sich von Anfang an stärker einbringen müssen – mangels Bundeskompetenz mit ihrer Persönlichkeit und Erfahrung als Krisenmanagerin. Aber sie hat die Bühne zu lange Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) überlassen. In solchen Zeiten sehnen sich die Menschen nach klaren Worten von ganz oben.

Möglicherweise wird man eines Tage sagen, mit dem dann doch am Sonntag bundesweit vereinbarten Kontaktverbot – maximal zwei Personen dürfen sich draußen treffen – hat Merkel gerade noch die Kurve gekriegt. Vielleicht aber auch nicht. Bayern und Sachsen übrigens bleiben dabei: nur einzeln auf die Straße, das ist erlaubt.

Dass Merkel selbst, nach Kontakt mit einem infizierten Arzt, in häuslicher Quarantäne ist, zeigt hoffentlich den letzten Kritikern von Einschränkungen in Deutschland: Es kann jeden treffen. Aber es stellt sich auch eine Frage: Wie konnte es passieren, dass jener Mediziner, der in einer eklatanten Krise die Kanzlerin behandelt, nicht getestet war? (Birgit Baumann, 23.3.2020)