In den Supermärkten streiten Hamsterer um Klopapierpackungen.

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So viel Aufmerksamkeit kommt ihr selten zu. Normalerweise ist die Klopapierrolle einfach nur da. Geduldig wartet sie im Achterpack, bis sie aus der Plastikverpackung befreit und am stillen Örtchen auf den Klopapierhalter gesteckt wird. Dann: Wisch und weg damit. Doch seit Corona ist alles anders. Vielen geht der Arsch auf Grundeis.

In den Supermärkten streiten Hamsterer um Klopapierpackungen, Stilfragen werden in der Hektik über Bord geworfen. Es geht nicht mehr darum, ob Hakle oder Zewa, ob vierlagig, pastellgelb oder nach Kamille duftend, es geht ums pure Blatt Papier.

Die Horterei hebelte die Logistik der Klopapierhersteller aus: Da, wo vorher Sanft & Sicher, Tempo oder Cosy lagerten, klafften Lücken in den Regalen. Von Hongkong bis Wien waren die Folgen der Hamsterstreifzüge in den sozialen Netzwerken zu bewundern.

Man sah Bilder von Einkaufswagen, in denen sich weiße Rollen türmten, die Bild-Zeitung triggerte: "Geht uns das Klopapier aus?" Auf Twitter ließ ein Video des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte aufhorchen: "er is zo veel wc-papier, we kunnen tien jaar poepen", man habe in den Niederlanden genug Klopapier, um "zehn Jahre zu kacken" – so was kann ein Staatsoberhaupt auch nur in Zeiten von Corona loslassen.

Auch für die Prepper, jederzeit für anstehende Katastrophen gewappnet, ist das Klopapier Bestandteil eines jeden Notfallpakets. Sie wissen, dass das Zellstoffpapier mehr kann als nur Hinterteile streicheln. Es funktioniert als Wasserfilter, Verband- oder Isoliermaterial.

Der Run aufs Papier, er verwundert trotzdem. Und dann auch wieder nicht: In Zeiten drohenden Kontrollverlusts verspricht das Klopapier Sicherheit und Hygiene, bis die allerletzte Nudel verdaut ist.

Kleinere Blätter

Die Hersteller haben mit ihren verheißungsvollen Werbebotschaften ganze Arbeit geleistet. Noch weicher, noch samtener, noch sicherer – wie wär’s mit Sheabutter- oder Vanilleduft? Mit aufgedruckten Flamingos, Einhörnern, Palmen?

Größe und Anzahl der Blätter sind zwar seit den Neunziger-Jahren nachweislich geschrumpft, gleichzeitig avancierte das Papier zum erschwinglichen Hightech-Produkt: griffig in der Hand, trockenfest, feuchtigkeitsaufnehmend, leicht auflösend in der Kanalisation.

Mit verstopften Kanälen mussten sich unsere Vorfahren vor Verbreitung des Wasserklosetts nicht herumschlagen: Ötzi benutzte Moos, die Griechen Tonscherben, die Römer aufgespießte, in Salzwasser getauchte Schwämme, in der Bronzezeit wurden die Blätter der Pestwurzen, in Indien die linke Hand genutzt.

Als die ersten Papierwischer gelten die Chinesen. Sie schätzten die Blätter auf dem stillen Örtchen bereits im 14. Jahrhundert. 1393 sollen der Hofstaat in Nanking rund 720.000 Papiere im Format 60 mal 90 Zentimeter verbraucht haben, der Kaiser Hongwu und seine Familie verschlissen noch dazu 15.000 parfümierte, besonders weiche Exemplare.

Bis das Klopapier zum massenhaften Gebrauchsprodukt wurde, dauerte es allerdings. Mitte des 19. Jahrhunderts verkaufte Joseph Gayetty in New York von seinem Karren herunter noch einigermaßen erfolglos lose Blätter in Schachteln. Vierzig Jahre später brachte die British Paper Company Alcock & Co in Berlin die ersten Rollen auf den Markt.

Im 20. Jahrhundert gab das schwäbische Unternehmen Hakle den Takt vor: 1928, damals verstopften noch Zeitungen und Altpapier die meisten Klos, brachte Firmengründer Hans Klenk die erste Toilettenpapierrolle mit garantierter Blattzahl auf den Markt: 1000 Blatt raues Krepppapier. Die Rolle sollte Schule machen.

Feucht und vierlagig

Der Deutsche verstand sich nicht nur aufs Marketing, sondern auch auf Innovationen. 1972 folgte das Dreilagige, 1977 das feuchte Toilettenpapier und 1984 die vierte Lage. Die war in Europa bitter nötig: Hier wird das Papier beim Toilettengang bis heute bevorzugt gefaltet, im angloamerikanischen Raum knüllt man die Blätter lieber, entsprechend dünn müssen sie sein.

In Österreich wurden 2017 immerhin mehr als 10 Kilogramm Toilettenpapier pro Kopf und Jahr verkauft. Doch der Verkauf des Produkts war schon immer eine schwierige, lange auch eine schambehaftete Angelegenheit. Der Unternehmer Walter J. Alcock verschacherte seine perforierten Blätter im prüden England noch als "Papierlockenwickler".

Der findige Hans Klenk appellierte an seine Kunden: "Verlangen Sie eine Rolle Hakle, dann brauchen Sie nicht Toilettenpapier zu sagen." Selbst in den 1960/70er Jahren wurde die Rolle in Westdeutschland im Auto zwar prominent auf der Hutablage platziert und spazieren geführt, aber unter spießigen, selbst gehäkelten Klopapierhüten versteckt.

Bis heute lässt sich Klopapier am besten mit Hilfe tapsiger Tiere verkaufen: Seit 1955 wirbt ein glupschäugiger Tiger für das österreichische Produkt Cosy. In den Nuller Jahren lief der Charmin-Bär durch die Spots, die Ameise Milla mit den Klimperwimpern ist das Maskottchen der Marke Regina, der Labrador-Welpe Puppy wurde in den Siebziger Jahren in Großbritannien zum Star der Andrex-Kampagnen, seit 2004 ist er auch in Österreich und der Schweiz für Hakle im Einsatz.

Allen, die übrigens demnächst nicht wissen, wohin mit den gehamsterten Klopapierrollen: Sie eignen sich durchaus zur Übermittlung kurzer, dringlicher Botschaften. June Smith beispielsweise kritzelte ihrem Mann, dem Schriftsteller Henry Miller aufs Toilettenpapier: "Bitte reiche sofort die Scheidung ein."

Das war 1932, klingt aber ziemlich zeitgeistig, wie ein Ruf der Verzweiflung nach mehreren Wochen in gemeinsamer Quarantäne. (Anne Feldkamp, RONDO, 28.3.2020)