Wer sich als Aktionär an einem Unternehmen beteiligt, wird oft mit einer Dividende belohnt. Wegen der Corona-Krise könnte diese Abgeltung heuer aber ganz anders laufen.

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Sich beim Staat um Hilfen anzustellen und gleichzeitig Milliarden an die Eigentümer ausschütten: Dieses Verhalten kommt derzeit gar nicht gut an. Arbeiterkammer oder Attac warnen eindringlich davor, dass Konzerne ihre Aktionäre in Form hoher Dividenden gut bedienen, gleichzeitig tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und um öffentliche Unterstützung ansuchen. Es gibt aber auch rechtliche Beschränkungen für Ausschüttungen, selbst wenn Corona das abgelaufene Geschäftsjahr 2019 nicht mehr beeinflusst.

Börsechef Christoph Boschan hält einen Verzicht auf hohe Dividendenzahlungen – wie ihn SPÖ, Attac, Arbeiterkammer und auch die Finanzmarktaufsicht angesichts der Coronakrise angeregt haben – für nicht angebracht. Der Staat verteile Krisenhilfe schließlich aus den Töpfen, die die Unternehmen vorher gefüllt hätten, meinte er Mittwoch in der "ZiB2".
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Peter Bartos, Partner der Beratungsgruppe BDO, weist auf einen Passus im GmbH-Gesetz hin. Bei einer "nachhaltigen Verschlechterung" muss die Ausschüttung um den nachträglich eingetretenen Verlust reduziert werden. Bei Aktiengesellschaften sei wohl analog vorzugehen, meint Bartos. Das hieße in manchen Fällen, dass die Dividende wohl ganz ausfallen muss, meinen Experten. Für zusätzliches Kopfzerbrechen sorgen die Dividenden von Töchtern, die von der Mutter im Jahresabschluss als Forderung verbucht werden. Wenn die dann nicht fließen können, müsse auch der Abschluss geändert und neu geprüft werden, führt Bartos aus.

Zurücknehmen oder nicht?

Dem Vernehmen nach beraten derzeit einige Konzerne, die bereits vorgeschlagene Ausschüttung zurückzunehmen. Der Luftfahrtzulieferer FACC hat das bereits verkündet. Vom STANDARD befragte Unternehmen reagieren unterschiedlich: "Unser Vorschlag zur Dividende ist aufrecht", erklärt etwa der Post-Sprecher Michael Homola. Auch der Verbund hält an den bisherigen Plänen fest, die von der Hauptversammlung noch beschlossen werden müssen, fest.

Bei den Banken wird die Lage noch genauer beobachtet, fürchten doch Aufseher, dass hohe Ausschüttungen die Finanzkraft und damit die Kreditvergabe schmälern. Die Bankenrettungen während der Finanzkrise sind da in bleibender Erinnerung. Ob die Institute nun von ihren Plänen abweichen, ist noch nicht ganz klar. Die Raiffeisen Bank International (RBI) betont, dass der bisher kommunizierte Dividendenvorschlag "nach wie vor" gelte, erklärt die Sprecherin Ingrid Krenn-Ditz. "Die Landesbanken werden ihre RBI-Dividende haben wollen", vermutet ein Sektor-Experte. Die Ausschüttungsquote würde bei der geplanten Ausschüttung (maximal 329 Millionen Euro) bei 27 Prozent landen, "da kann man nicht sagen, dass die Aktionäre gierig sind", glaubt ein anderer.

Europäische Lösung

Bei der Erste Group ist die Ausschüttung Thema interner Beratungen, offiziell heißt es, der Dividendenvorschlag werde überprüft. Es zeichnet sich aber ab, dass die geplante Ausschüttung (1,50 Euro je Aktie) zumindest gekürzt, wenn nicht sogar gestrichen wird. Man werde jeden Polster gut brauchen können, ist aus der Gruppe zu hören.

Das Dividendenthema wird in der EU entschieden, stehen doch alle großen Institute des Euroraums unter der gemeinsamen europäischen Bankenaufsicht (SSM). Es brauche eine europäische Lösung, meint ein österreichischer Experte – und es sei klar, dass es zu einem Dividendenverzicht der Banken kommen müsse, "und zwar schleunigst". Alles andere würde Unverständnis auslösen. "Das Beste wäre, wenn die Banken selbst den Verzicht auf Ausschüttung erklären würden. Sollte das nicht geschehen, muss es ihnen jemand sagen – und zwar ganz deutlich", fordert der Mann.

Auch die heimische Finanzmarktaufsicht FMA betont, dass es unverständlich wäre, wenn sich angesichts der derzeit hohen Ungewissheit über die wirtschaftliche Entwicklung die Ausschüttungspolitik an den guten Ergebnissen der Vergangenheit orientierte und nicht an den großen Herausforderungen, die es nun zu bewältigen gebe.

So war es geplant

Bevor das Coronavirus die Wirtschaftswelt aus den Fugen gehoben hat, haben acht von den 20 im Wiener Leitindex ATX notierten Unternehmen ihren vollständigen Jahresabschluss vorgelegt, sechs Unternehmen haben die vorläufigen Zahlen präsentiert. Diese 14 Unternehmen haben in Aussicht gestellt, eine Dividende auszuschütten. Die Zusagen haben sich auf 2,9 Mrd. Euro belaufen, hat die AK Wien errechnet. Allein die drei Banken im ATX (Erste, Bawag, RBI) wollen laut bisherigem Plan in Summe 1,2 Mrd. Euro ausschütten.

Zur Erinnerung: Für 2018 wurden von den ATX-Unternehmen 3,2 Mrd. Euro an Anteilseigner ausbezahlt – das war ein Rekord. Angesichts der für 2019 geplanten Dividenden schließt Heinz Leitsmüller, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft der AK Wien, nicht aus, dass es heuer einen neuen Rekord hätte geben können. Leitsmüller appelliert: "Unternehmen, die um staatliche Unterstützung ansuchen, sollen keine Dividende ausschütten." Auch Aktionären müsse klar sein, dass Unternehmer derzeit darauf achten müssen, ihre Betriebe zu stabilisieren, die Belegschaft abzusichern, damit die Kaufkraft für die Zeit nach Corona weitgehend erhalten bleibe. (Andreas Schnauder, Renate Graber, Bettina Pfluger, 26.3.2020)