Um das Land und das Landleben einzufangen, holt Bätzing weit aus und geht 12.000 Jahre in die Geschichte zurück.

Foto: Picturedesk.com / Franz Pritz

Haben Darstellungen des Landlebens in Bobo-Magazinen wie Landlust irgendetwas mit dem realen Landleben zu tun? Zu Recht stellt der deutsche Kulturgeograf Werner Bätzing diese Frage. Gibt es überhaupt noch ein Leben auf dem Land, das nicht städtisch geprägt ist?

Und noch ketzerischer: Brauchen wir eigentlich in der modernen, globalisierten Welt noch ein Landleben? Ist man auf dem Land "rückständig" – obwohl man digital vernetzt ist, nicht wenige Dörfer direkte Autobahnzubringer haben und von idyllischer Abgeschiedenheit und einem stillen, unberührten Winkel kaum noch die Rede sein kann?

Im Bild vom "Land" spiegelt sich stets der aktuelle gesamtgesellschaftliche mentalitätshistorische Wandel und damit einhergehend die Wertschätzung oder Abwertung. Worauf Bätzing, emeritierter Ordinarius an der Universität Erlangen, der seit 2014 dem Archiv für integrative Alpenforschung vorsteht, auch insistiert: Wer über das Land spricht, muss zugleich über die Stadt sprechen, ökonomisch, ökologisch, soziokulturell.

Stadt und Land sind aufeinander bezogen und voneinander abhängig. Es ist somit eine unablässige Verschränkung, ein ganz konkreter Wandel und die stetige Bewertung und Einordnung dieses Wandels.

12.000 Jahre zurück

Bätzing holt weit aus. Er geht 12.000 Jahre zurück, bis zu den Uranfängen der Landkultivierung im heutigen Anatolien und in Vorderasien sowie in Mittel- und Südamerika. Pflanzen wurden zu Nutzpflanzen und Tiere domestiziert, es entstand eine Viehwirtschaft. Und dadurch Kulturlandschaften. Der Mensch griff tief in die Natur ein.

Die Ökosysteme wurden immer stärker vom Menschen geprägt und umgeformt. Es entstanden Äcker, Felder, Gärten, Siedlungen. Wälder wurden wirtschaftlich genutzt. In sogenannten Ungunsträumen – hohe Berge, Wüsten, Moore, Vulkane, der Regenwald, allesamt völlig ungeeignet für Ackerbau – bildeten sich lokal spezifische Viehwirtschaftssysteme heraus.

"Die zentrale ökologische Eigenschaft der Kulturlandschaft" ist "ihr Mosaikcharakter." Zieht sich der Mensch, der entscheidet, was auf einer Fläche wächst oder weidet, wieder zurück, erfolgt eine Renaturierung, Gärten verwildern, Häuser verfallen, Deiche werden brüchig, Nutzwälder werden wieder wild.

Kulturlandschaften sind nicht Natur. Ihre ökologische Stabilität wird von außen aufgepfropft. Boden wird unfruchtbar, er erodiert, versalzt, versauert, verbuscht oder verwaldet.

Stadt als Zufluchtsort

Im Geschwindschritt, in hochschwebender wie abstrahierter Vogelperspektive und im akademischen Vorlesungsmodus handelt Bätzing den "Fortschritt"
der Siedlungsform Stadt ab. Wieso entstehen sie? Weshalb erfolgten soziale Ausdifferenzierung, Arbeitsteilung und Spezialisierung? Warum ein Abschied von Autarkie und Selbstversorgung hin zu Verknüpfung via Handelsrouten mit anderen Städten?

Bätzing führt den Nukleus von Städten zurück auf die Funktion als religiöser Kult- und Kultusort. Dort waren große Heiligtümer, Tempelanlagen, Anbetungs- und Opferorte, um diese herum entstanden ökonomische Aktivitäten; bald drehte sich das. Die wirtschaftliche Bedeutung wurde immer größer. Die Stadt bot den Dorfbewohnern auch Schutz. Sie war mit Mauern umgeben und Zufluchtsort.

Schließlich bildete sich der klischeehafte Gegensatz heraus. Hier die Stadt: Glanz und Wohlstand, Kultur, Bildung, Finesse und Macht, Bildung und Fortschritt. Dort das Land: arm, rückständig, borniert, dumpf und imbezil und in manchen abgelegenen Gebirgstälern inzestuös. Doch das ist realitätsfern und kontraproduktiv. Denn ohne Land wären Städte nicht überlebensfähig.

Bätzing, der umständlich argumentiert, eilt durch die industrielle Revolution, das 20. Jahrhundert, die Pseudo-Romantik der letzten 30 Jahre. Durch seine Konzentration auf mitteleuropäische, ja dezidiert deutsche Verhältnisse entwertet er seine Einsichten, mit denen er oft offene Türen einläuft, selbst.

Sehr vieles gilt schon nicht für Skandinavien, ganz zu schweigen für Mittelamerika, Afrika oder Asien. Vor allem enttäuschend ist, dass er sich hartnäckig jeder plastischen Darstellung des Landlebens verweigert. Alles bleibt schön sauber und wissenschaftlich trocken.

Gute Aussichten?

Zum Schluss plädiert Bätzing für eine Aufwertung des Landlebens. Und enttäuscht. Am wichtigsten? "Kreativität" der Bevölkerung. Und: die "spezifischen Qualitäten" und Freiräume des Landlebens "bewusst wahrnehmen". Dazu zivilgesellschaftliches Engagement für ein lebendiges Dorfleben.

Weitere Punkte: wirtschaftliche Stärkung regionaler Potenziale, Stärkung ländlicher Infrastrukturen und neue Raumstrukturen. Auch hier bewegt sich Bätzing im luft- und menschenleeren Raum.

Das klingt alles ganz stark nach einem weit über den Dingen, sprich geschlossenen Läden, zugesperrten Dorfwirtschaften und zeitraubendem Pendlerleben schwebenden Gutachten und nicht nach konkret gelebtem und erlittenem Leben auf dem Land. (Alexander Kluy, 29.3.2020)

Werner Bätzing, "Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform". 26,80 Euro / 320 S. C. H. Beck, 2020
Cover: C.H. Beck