Forscher am IHU Méditerranée Infection in Marseille setzen seit einiger Zeit auf den mehr als 60 Jahre alten Malariawirkstoff Chloroquin in der Bekämpfung von SARS-CoV-2. Das Zentrum, das rund 800 Mitarbeiter beschäftigt, ist europaweit führend in der Erforschung des Wirkstoffs Chloroquin. Chloroquin wird dort nun regelmäßig an mit SARS-CoV-2 infizierten Personen in einer Dosis von maximal 600 Milligramm pro Tag verabreicht, in manchen Fällen gemeinsam mit einer prophylaktischen Antibiotikabehandlung in Form des altbekannten Makrolids Azithromycin. Zusätzlich wird vor der Behandlung sowie am zweiten Tag ein EKG durchgeführt, um unerwünschte Herzrhythmusstörungen in Form des sogenannten langen QT-Syndroms ausschließen zu können.

Vorläufige Ergebnisse sehr vielversprechend

Ihren Ausgang nahm diese Form der Behandlung aufgrund einer Studie am IHS, an der 26 Patienten teilnahmen, zusätzlich 16 Patienten in der nicht behandelten Kontrollgruppe. Die Behandlungsgruppe erhielt eine Dosis von insgesamt 600 Milligramm Hydroxychloroquin pro Tag, einige zusätzlich auch das Antibiotikum Azithromycin. Das Ergebnis war, dass am Tag sechs der Behandlung zwei von 16 Patienten der Kontrollgruppe virusfrei waren, acht von 14 der Patienten, die nur mit Hydroxychloroquin behandelt wurden, und sechs von sechs der Patienten aus der Kombinationstherapiegruppe Hydroxychloroquin/Azithromycin virusfrei waren. Im Ergebnis tippen die Forscher des IHS auf einen synergetischen Effekt zwischen den beiden Medikamenten zur Behandlung von Covid-19, und ermuntern zu weiterer Forschung in dieser Richtung. Eine  – zumindest relative – Bestätigung erfuhren diese Ergebnisse aus Marseille in einer Studie der renommierten Fachzeitschrift Nature, derzufolge Chloroquin in-vitro hochwirksam gegen den SARS-CoV-2-Virus ist.

Struktur von Chloroquin.
Foto: Public Domain

Unterstützung aus China

Gestützt werden diese Ergebnisse von inzwischen mehr als 13 laufenden klinischen Studien zu Chloroquin und COVID-19 in China. Obwohl die Ergebnisse zu den meisten dieser Studien noch ausstehen, haben sie dazu geführt, dass das chinesische nationale Gesundheitskomitee eine Therapieempfehlung (unter Auflagen) für SARS-CoV-2 Infektionen mit Chloroquin abgegeben hat.

Keine Endergebnisse

In der Wissenschaft folgte ein regelrechter Aufschrei auf diese Ergebnisse. Anstatt alle Ressourcen in die weitere Erforschung dieser beiden Wirkstoffe zu setzen, wurden die Resultate aus Marseille von vielen heruntergespielt, manche warnen heute gar vor einer Behandlung mit Chloroquin. In erster Linie rieb man sich am Studiendesign in Marseille, das wissenschaftlichen Standards nicht genügen würde. Man warnte vor der Toxizität von Chloroquin, das ab einer täglichen Dosis von rund zwei Gramm tödlich sein kann. Man verwies auf die komplexen Nebenwirkungen von Chloroquin mit anderen Medikamenten, die den Einsatz bei Intensivpatienten erschweren würden. Einige gingen sogar soweit, Didier Raoult, Leiter des IHS, aktiv zu diskreditieren.

Tatsache ist, das IHS hat nie behauptet, wissenschaftlich gesicherte "Endergebnisse" zu einer erfolgreichen Behandlung mit diesen zwei Wirkstoffen vorgelegt zu haben. In einer seit 100 Jahren nie dagewesenen globalen Krise, in der die Wirtschaft stillsteht, tausende Menschen ihren Job verlieren, soziale Kontakte auf ein Minimum heruntergefahren werden, und Kinder von den Schulen und Kindergärten ferngehalten werden, hat das IHS "preliminary results", also vorläufige Ergebnisse mit anderen Forschern geteilt, um die weitere Erforschung der beiden Wirkstoffe voranzutreiben, und die Behandlung von Patienten mit SARS-CoV-2 Infektionen zu erleichtern.

Jahrzehntealte Wirkstoffe mit kontrolliertem Risiko

Sowohl Chloroquin als auch Azithromycin sind Wirkstoffe, die bereits seit vielen Jahrzehnten am Markt sind, und seither in vielen Milliarden Dosen an Patienten verschrieben wurden. Die möglichen Nebenwirkungen der beiden Medikamente sind daher sehr gut bekannt, und machen eine Anwendung im Vergleich zu anderen Therapieoptionen relativ sicher. Vor allem aber weist das IHS darauf hin, dass eine Behandlung mit diesen Wirkstoffen rechtzeitig, also möglichst bereits zu Beginn der Infektion, in einem frühen Stadium, erfolgen sollte. Die Wirkstoffe sollen verhindern, dass sich das Virus ausgehend vom Rachenraum in der Lunge festsetzen kann, und dort die berühmte beidseitige Lungenentzündung verursacht. Wenn der Patient erst einmal am Beatmungsgerät hängt, und die Lunge durch das Virus schon massiv geschädigt wurde, ist es bereits zu spät.

Insofern sind viele Kritiken an dieser möglichen Behandlungsoption nicht im Geringsten nachvollziehbar. Man ist geneigt, der Kritik des medizinischen Anthropologen und Kolumnisten der "Tribune de Genève", Jean-Dominique Michel, zu glauben, dass es in Wahrheit nicht um Wirksamkeit oder Nicht-Wirksamkeit des Medikaments geht, sondern um den größten Profitkrieg des Jahrhunderts in der Pharmaindustrie. Und ein Medikament, dessen Patentschutz schon seit vielen Jahren ausgelaufen ist, und dessen Behandlung mit nur rund 15 Euro zu Buche schlägt, verspricht nun einmal keine großen Gewinne. Ganz anders sieht das natürlich aus, wenn man ein gescheitertes aber patentiertes Ebola-Medikament, von dem eine einzige Behandlung rund 1.000 Euro kostet, als das Medikament der Wahl zur Behandlung von Covid-19 wiederverwerten könnte.

Altes Malariamittel

In der Tat ist Chloroquin ein altes Malariamittel, das ich selbst in Lateinamerika oft zur Malariaprophylaxe genommen hatte, als es noch medizinischer Standard war. So wie viele tausend anderer Menschen. Immer nach dem Essen, und wenn möglich mit einem Schluck Milch, um den Magen zu schonen. Und ich habe mich vor kurzem in kleinerer Dosis darauf verlassen, als ich vor einiger Zeit Symptome einer Erkältung mit einem für mich sehr untypischen Husten entwickelte, und daraufhin in die Selbstisolation flüchtete. Unbedingt notwendig ist vor, und möglichst auch während der Therapie mit Chloroquin ein EKG, sowie bei Diabetikern besondere Achtsamkeit auf mögliche Unterzuckerungen durch Chloroquin. Besondere Vorsicht ist bei Personen mit Vorerkrankungen insbesondere der Nieren und der Leber geboten. Das heißt, eine Therapie sollte nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.

Könnte das Medikament wirklich helfen?
Foto: APA/HANS PUNZ

Geiselnahme der Welt?

Während also in den provisorischen Feldspitälern dieser Welt Menschen wie die Fliegen sterben, Millionen Menschen zu Hause eingesperrt sind, die weltweite Wirtschaft darniederliegt, und Kinder von den Schulen und ihren Freunden ferngehalten werden, tobt in der Wissenschaft ein Krieg um das Studiendesign der Forscher aus Marseille. Michel bringt es auf den Punkt, wenn er die Argumente der Kritiker als technisch korrekt, jedoch medizinisch falsch und menschlich monströs bezeichnet.

Der Autor und Erfinder des sogenannten "schwarzen Schwans", Nassim Nicholas Taleb, würde das wohl ähnlich sehen wie Michel: In milden und harmlosen Fällen plädiert er dafür, die Finger von Medikamenten und Behandlungen zu lassen, und stattdessen auf die Selbstheilungskraft des Körpers zu setzen. Wenn es aber wirklich um etwas geht, sollte man alles nur menschenmögliche versuchen, solange die möglichen unerwünschten Nebenwirkungen weniger schwer wiegen als der medizinische "outcome" der Krankheit selbst. In der gegenwärtigen Krise bedeutet dies, technische Streitereien über Studiendesigns hintanzustellen, die vorläufige Evidenz zu würdigen, und auf dieser, wenn auch imperfekten Grundlage schon jetzt therapeutische Maßnahmen gegen die Seuche zu ergreifen. Zumindest so lange, bis neue Erkenntnisse die bisherigen Erkenntnisse zu Chloroquin entweder bestätigen oder widerlegen. Wer jetzt alleine deshalb zuwartet, weil eine frühzeitige Medikamententherapie, mit dem Ausblick auf Heilung tausender ansonsten todgeweihter Mitmenschen möglicherweise zum unerwünschten Tod einer Handvoll Personen durch Herzrhytmusstörungen oder Vergiftungen durch Überdosen führt, macht sich mitschuldig.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde die gesamte Weltwirtschaft und -bevölkerung in Geiselhaft einiger Wissenschafter gehalten, die in Zeiten einer globalen Krise, trotz immer gewichtigerer Indizien, auf wissenschaftliche Perfektion im Design einiger Studien anstatt auf Maßnahmen gegen das Leid setzen. Mit dem Effekt, daß während in unseren Spitälern zahlreiche klinische Studien zu den vermeintlichen Wundermitteln gegen Covid-19 wie Remdesivir (ab rund 1.000 Euro) oder RoActemra (ab 5.000 Euro) laufen, das alte Malariamittel Chloroquin (rund 15 Euro), das zwar Heilung aber keine großen Gewinne verspricht, in Österreich im Moment in keiner Apotheke bestellbar ist, und daher auch von keinem Arzt verschrieben werden kann. (Michael Radhuber, 30.3.2020)

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Update 31.3:

Nachtrag: Für Rheumapatienten dürften noch HCQ Notvorräte exitstieren.