Australiens Regierung lässt die Bevölkerung in Zeiten von Corona im Dunkeln tappen. Für manche davon gilt dies ganz besonders: Tausende Eisenerzarbeiter auf dem fünften Kontinent werden derzeit besonders streng isoliert – unter Tage. Um zu verhindern, dass sich die Bergleute infizieren, ordnen die drei größten Abbauunternehmen längere Arbeitsschichten an: Anstatt alle paar Tage von den Großstädten an der Ostküste per Flugzeug in die Bergbaugebiete einzufliegen, sollen die Kumpel fortan nur alle zwei bis vier Wochen die Gruben verlassen dürfen – und das für "mindestens drei Monate", wie es heißt.

Scott Morrison sorgt sich um die Wirtschaft.
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Während sich die Bergbaugiganten von dieser Maßnahme erhoffen, jedenfalls unter Tage Ansteckungen hintanzuhalten, herrscht im Rest des Landes bei Tageslicht zunehmend Chaos. Grund: Die rechte Regierung von Premier Scott Morrison wehrt sich beharrlich gegen einen Lockdown nach europäischem Muster, mehr und mehr Einzelstaaten scheren aus. Nur eine komplette Stilllegung des öffentlichen Lebens könne aber verhindern, dass in Australien bald Verhältnisse wie in Italien herrschen, prognostizieren Wissenschafter und Ärzte.

Das berühmte Opernhaus von Sydney – verwaist.
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Zu wenig, zu spät

Zwar preschte Morrison anfangs vor und erklärte Corona schon Wochen vor der Weltgesundheitsorganisation zur Pandemie. Seither, so seine Kritiker, ordnet er die Bekämpfung des Virus aber den wirtschaftlichen Interessen des Landes unter. "Ich werde um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen", versprach er. Noch verzeichnet Australien mit – Stand Freitag – 3.000 Corona-Infizierten und sieben Todesfällen vergleichsweise wenige Opfer. Experten warnen aber vor einer unkontrollierbaren Ausbreitung des Virus, weil die Regierung viel zu spät und viel zu zaghaft auf die Bedrohung reagiert habe.

"Social Distancing" gilt auch in Australien.

Weil sich ein Großteil der Infizierten laut Angaben der Regierung im Ausland angesteckt hat, verhängte Canberra am Mittwoch ein Ausreiseverbot über die 25 Millionen Australier. 7.000 kommen seit dem Aufruf der Behörden, so schnell wie möglich heimzureisen, jeden Tag auf den Flughäfen an werden umgehend für 14 Tage auf Staatskosten in ein Hotel zur Isolierung verfrachtet. Polizei und das zur Verstärkung mobilisierte Militär überwachen die Quarantäne. Noch vergangene Woche wurden hingegen mehr als 2.000 Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes in Australien an Land gelassen – ohne jede Gesundheitsprüfung.

Die Öffentlichkeit zeigt sich jedenfalls zunehmend verwirrt ob der unterschiedlichen Botschaften, die von der Obrigkeit in Zeiten von Corona auf sie einprasseln. Während Morrison etwa Schulen nach wie vor offen halten möchte, "weil die Kinder sonst ein ganzes Jahr Lernen verlieren würden", verordneten die beiden größten – und von Corona bisher am meisten betroffenen — Bundesstaaten Victoria und New South Wales ihren Schülern Zwangsferien.

An der Grenze von Queensland werden nun Kontrollen durchgeführt.
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Friseurbesuche noch immer möglich

Zwar ließ die Bundesregierung Restaurants, Fitnesscenter und Bars schließen und begrenzte die Anzahl der Trauergäste bei Begräbnissen auf zehn. Überall dort, wo enger Kontakt zur Kundschaft unvermeidbar sei, müsse die Geschäftstätigkeit ausgesetzt werden, so Morrison. Bordelle und Yoga-Studios etwa mussten dichtmachen. Zum Friseur dürfen die Australierinnen und Australier zur Überraschung vieler dennoch weiterhin gehen, sofern, wie Morrison präzisierte, der Haarschnitt nicht länger als 30 Minuten in Anspruch nimmt.

Die Regierungschefs von Victoria und New South Wales haben angekündigt, allen Beschwichtigungen aus Canberra zum Trotz schon bald weitergehende Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona zu verhängen. Ihre Kollegen in Tasmanien, Queensland und South Australia haben ihre Binnengrenzen unterdessen für Nichteinwohner geschlossen. (flon, 28.3.2020)