Maschinelle Inseln im Eis: Im Vordergrund ein russischer Eisbrecher, im Hintergrund die Polarstern.
Foto: AP/Steffen Graupner/Alfred-Wegener-Institut

Bremerhaven – Die Corona-Pandemie zeigt wirklich auf dem gesamten Globus Auswirkungen. Selbst in der Arktis – wenn auch nicht in Form von Ansteckungen, sondern indirekt: Die Crew des Forschungsschiffs Polarstern, das man im Rahmen eines einzigartigen Experiments für ein Jahr im Eis festfrieren hat lassen, muss nun nämlich etwas länger auf ihre Ablöse warten.

Die "Mosaic"-Expedition gilt als die größte Arktisexpedition aller Zeiten. Das Budget beträgt über 140 Millionen Euro, rund 600 Fachleute und 300 Helfer aus 19 Nationen fahren dafür abwechselnd auf der Polarstern mit oder sind im Hintergrund am Projekt beteiligt. Das Schiff bildet den Dreh- und Angelpunkt: Festgefroren in einer massiven Eisscholle, lässt es sich ein Jahr lang mit den Strömungen durch den Arktischen Ozean tragen, um Daten zu sammeln.

Einreiseverbot in Norwegen verhindert Ablöse

Während der einjährigen Drift im Eis sollten alle zwei Monate die je 100 internationalen Forscher an Bord ausgetauscht werden. Der letzte Wechsel verzögerte sich bereits um zwei Wochen, weil das Versorgungsschiff mit dem neuen Personal nur sehr langsam durch das dichte Eis vorankam. Für den nächsten Austausch sollten Flugzeuge eingesetzt werden. Auf der riesigen Eisscholle, mit der die Polarstern driftet, wurde dazu eine Landebahn präpariert. Doch die Corona-Pandemie hat alle Pläne zunichte gemacht: Niemand darf mehr nach Norwegen einreisen, die Forscher haben von ihren Instituten Reiseverbote bekommen.

Bis Ein- und Ausreisegenehmigungen geregelt und Quarantänevorschriften eingehalten sind, wird sich die für Anfang April gedachte Ablöse also um einige Wochen verzögern. "Wir haben Pläne für vieles in den Schubladen", sagt Expeditionsleiter Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut, "aber nicht für eine weltweite Pandemie dieses Ausmaßes. Das konnte niemand vorhersehen."

"Wir sind mit unseren Partnern in Diskussion, wie wir den nächsten Austausch trotzdem hinbekommen", sagt Rex. Dieser werde "sehr wahrscheinlich im Mai" sein. "Wenn wir eine sichere Lösung gefunden haben, die von allen Behörden genehmigt ist, werden wir sie mitteilen." Klar ist: Bevor die neue Crew auf das Schiff kommt, werde sie zwei Mal auf das Virus Sars-CoV-2 getestet.

Rex selber wäre nach den ursprünglichen Plänen schon längst wieder an Bord. Beim ersten "Mosaic"-Fahrtabschnitt war er bereits dabei, er wollte für den vierten Fahrtabschnitt vor seinen Kollegen da sein und dafür einen Flug im Rahmen eines Projekts zur Vermessung von Atmosphäre und Meereis nutzen. Doch die Kampagne musste ausgesetzt werden, weil ein Teilnehmer positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Nun sitzt Rex in selbstauferlegter häuslicher Quarantäne. Er wolle kein Risiko eingehen.

Crew nicht in Gefahr

Die derzeitige Mannschaft auf dem Forschungsschiff sei indes nicht in Gefahr. "Sie ist gut mit Lebensmitteln und Treibstoff versorgt", betont Rex. Dass sie nun wesentlich länger als geplant an Bord bleiben muss, nehme jeder Teilnehmer anders auf. "Natürlich gibt es auch welche, die darunter leiden und gerne bei ihren Familien wären." Deshalb werden Satellitentelefongespräche mit einem Coach angeboten, der sich auf Krisenbewältigung spezialisiert habe. "Bisher sehe ich aber nicht, dass das nötig ist", so Rex.

Den Forschern müsse überhaupt erst einmal das dramatische Ausmaß der Corona-Pandemie verdeutlicht werden. "Sie können ja nicht im Internet surfen, dafür reicht die Bandbreite nicht." Täglich bekämen sie zwar kurze Zusammenfassungen der Nachrichten. Außerdem stünden sie per E-Mail oder WhatsApp in Kontakt mit ihren Familien. Aber die manchmal sich stündlich überschlagenden Nachrichten bekomme die Mannschaft in der Arktis nicht mit.

Die Crew habe zudem zurzeit ihre ganz eigenen Probleme. "Es gibt eine hohe Eisdynamik, immer wieder entstehen Risse auf der Scholle, und Instrumente drohen zu versinken." Dementsprechend hätten die Forscher alle Hände voll zu tun, so Rex. "Das Leben an Bord geht weiter wie eh und je."

Kein Abbruch geplant

Zugleich markiert der 1. April die Halbzeit der Expedition. Und an diesem Meilenstein will Rex keinen Zweifel aufkommen lassen: "Wir gehen weiterhin davon aus, dass die Polarstern wie geplant am 12. Oktober nach Bremerhaven zurückkehren wird. Aus derzeitiger Sicht wird die Corona-Pandemie nicht zu einem frühzeitigen Abbruch der Expedition führen." (red, APA, 27. 3. 2020)