Das Corona-Virus greift die Lungen an – das Leben der Patienten kann dann nur mehr mit Hightech gerettet werden – der Engpass bei der Krankenversorgung sind deshalb die Intensivstationen.

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Es gibt Orte, an denen das Corona-Virus sein bösestes Gesicht zeigt. Für 80 Prozent aller Menschen verläuft eine Infektion mit Sars-CoV-2 wie eine Erkältungserkrankung. Husten, Fieber und Heiserkeit.Doch eine sehr kleine Gruppe erlebt einen viel dramatischeren Krankheitsverlauf. Sie haben hohes Fieber, sind völlig erschöpft und leiden unter extremer Atemnot. "Sie haben Angst zu ersticken", beschreibt der Intensivmediziner Walter Hasibeder den Zustand dieser Patienten, bei denen das Virus eine lebensgefährliche Lungenentzündung ausgelöst hat.Hasibeder leitet die Abteilung für operative Intensivmedizin am Krankenhaus St. Vinzenz in Zams in Tirol, ist Präsident elect der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin.

Zams ist das nächstgelegene Krankenhaus zum Paznauntal und dem Wintersportort Ischgl, dem Corona-Hotspot von Österreich. Hier ist rund ein Prozent der Bevölkerung infiziert, und die Zahl der schwer Erkrankten steigt von Tag zu Tag. Das Krankenhaus in Zams ist auf den Ansturm vorbereitet, sagt Hasibeder.

Sorgfalt mit Schutzkleidung

So wie in vielen Spitälern Österreichs wurden Spezialbereiche zur Versorgung von Covid-19-Patienten geschaffen. Anästhesisten und Intensivmediziner haben in den vergangenen Wochen alle gelernt, wie man sich korrekt anzieht. Haube, Maske, eine Art Taucherbrille, ein langer Mantel, Ärmelmanschetten, eine Schürze und zwei Paar Handschuhe übereinander, das alles müssen die Ärzte und Pflegenden in einer genau vorgegebenen Reihenfolge anziehen, bevor sie zu den Kranken dürfen. "Wir sehen aus wie Darth Vader", sagt er. Zudem gibt es für die Mitarbeiter der Intensivstation die Vorgabe, Mund und Nase von Kranken nicht zu nahe zu kommen – um jede Ansteckung durch ausgehustete Aerosole in der Luft zu vermeiden. Angehörige von Patienten haben Besuchsverbot. "Insgesamt ist es eine psychisch extrem belastende Situation – für Kranke, ihre Familien, aber auch für das medizinische Personal", so Hasibeder. 60 Covid-19-Patienten werden derzeit in Zams behandelt, von zwölf Intensivbetten sind elf belegt. Noch hat das Spital freie Kapazitäten, das medizinische Personal ist zwar sehr beschäftigt, aber noch nicht so überfordert wie im nahe gelegenen Norditalien.

Hasibeder beschreibt den Zustand dieser kritischen Patienten, die etwa drei Prozent aller Infizierten ausmachen. Es beginnt mit einer Lungenentzündung, die sich kontinuierlich verschlechtert, bis die Organe im Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. "Wir bringen den Sauerstoff dann häufig erst einmal mit mildem Druck in die Lungen", erklärt Hasibeder. Den Patienten werden Atemmasken dicht auf das Gesicht gepresst, damit der Sauerstoff direkt in die Lunge gelangt. Atemunterstützung mit positivem endexspiratorischem Druck (PEEP) nennen Intensivmediziner dieses Verfahren.

Sofa-Score am Monitor

Währenddessen müssen wichtige Körperwerte ständig überwacht werden, etwa die Sauerstoffsättigung im Blut, die Atemfrequenz und der Blutdruck. Stets steht die Gefahr des Versagens verschiedener Organe im Raum wie der Lunge, der Niere und der Leber oder des Versagens des Blutkreislaufs und des zentrales Nervensystems. Gemessen wird der Zustand anhand einer simplen Bewertungsskala, des Sofa-Score (Sequential Organ Failure Assessment). Je höher der Score, desto schlechter die Überlebensprognose des einzelnen Covid-19-Kranken.Um das Organversagen zu vermindern oder gar zu verhindern, muss der Blutdruck möglichst stabil gehalten werden, die Lunge ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden, die Nierenfunktion unterstützt oder gar maschinell ersetzt werden. Es ist Hightech-Medizin auf höchstem Niveau.

Es geht aber auch darum, andere Komplikationen zu vermeiden – etwa eine Infektion mit Krankenhauskeimen. Gerade bei viralen Infekten setzen sich besonders gerne noch Bakterien auf geschädigte Lungen. "Das kennen wir aus Grippezeiten, deshalb plädieren wir für Impfungen, weil Geimpfte dann wenigsten davor gefeit sind", so der Intensivmediziner. Wenn die Atemmasken und all die anderen intensivmedizinischen Maßnahmen nicht mehr reichen, dann ist eine künstliche Beatmung die letzte Möglichkeit, um das Leben zu retten. "Dann intubieren wir unter Narkose, führen einen Schlauch in die Luftröhre und verbessern so die Druckbeatmung", so Hasibeder.

Künstlich beatmet

Während sich die Patienten im künstlichen Tiefschlaf befinden, wird regelmäßig ihre Körperlage gewechselt, sie werden auf den Bauch gedreht. Aus Berichten der Intensivmediziner aus China weiß man, dass das die Sauerstoffaufnahme bei Covid-19-Kranken verbessert, erzählt Hasibeder. Das sei auch körperliche Schwerarbeit für Ärzte und Pflegende, betont der Intensivmediziner: "Alle, die dort arbeiten, sind Helden und Heldinnen."Wenn sich die Infektion mit Sars-CoV-2 ungehindert ausbreiten kann, führt sie zu einer massiven und generalisierten Immunantwort des Körpers, die sich dann gegen eigene Organe richtet. Gewebeschädigung durch aktivierte Zellen des Immunsystems, zusammen mit Störungen der Durchblutung kleinster, für die Zellernährung notwendiger Gefäße, führt im schlimmsten Fall zum kompletten Organversagen und zum Tod. Dieses Multiorganversagen ist auch die häufigste Todesursache von an Covid-19 erkrankten Personen.

Frage der Zeit

Insgesamt ist eine Covid-19-Behandlung auf der Intensivstation immer auch ein Wettlauf mit der Zeit. Die bisherigen Todesmeldungen zeigen, dass besonders das Immunsystem von älteren Menschen häufig nicht in der Lage ist, das Virus abzuwehren. Die Mehrzahl der Patienten auf den Intensivstationen schafft es auch und kann sich nach und nach von der Krankheit erholen.Wie lange der Kampf dauert, ist unterschiedlich. Zahlen aus China legen nahe, dass schwer Erkrankte zwischen drei und sechs Wochen für eine Genesung brauchen.

Wettlauf mit der Zeit

Vor der Entlassung aus der Isolation müssen Patienten mindestens drei Tage fieberfrei sein. Zwei Schleimhautabstriche im Abstand von 24 Stunden im PCR-Test zeigen, dass kein aktives Virus mehr vorhanden ist. Wer die Infektion hinter sich hat, hat sogenannte Antikörper gegen das Virus im Blut und ist vor einer neuerlichen Infektion geschützt.Das Krankenhaus in Zams ist eine Art Teststation für ganz Österreich. Die meisten Spitäler im Land haben erst wenige Covid-19-Patienten in ihren Intensivstationen. Aber das kann sich bereits kommende Woche ändern. In Zams wird sich zeigen, wie gut das Gesundheitssystem die Pandemie bewältigen kann. (Karin Pollack, 28.3.2020)