Penderecki hat mit seinen modernen Klangkompositionen für Aufsehen gesorgt.

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Nur wenige bedeutende Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts standen derart im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne wie Krzysztof Penderecki. Da gab es etwa zu Beginn seiner Karriere, also Ende der 1950er-Jahre "Anaklasis" für Streicher und Schlagzeuggruppen: Bei den Donaueschinger Musiktagen wurde dem damals 26-Jährigen so viel Zuspruch zuteil, dass das uraufgeführte Stück gleich wiederholt werden musste.

"Anaklasis" berückte durch Impulsivität und Klangfarbenexzesse: Zur damaligen Zeit des strengen Serialismus doch sehr extrem anmutende Spielweisen für die Streicher prallten auf eine perkussive Expressivität, wobei das Stück mit seinen drei Episoden auch mit flächigem Charakter und den dazu eingesetzten Clustern frappiert haben wird.

Neue Tonalität

Im selben Maße, wie der Applaus vonseiten der strengen Avantgarde nach und nach jedoch abebben sollte, wuchs der allgemeine Zuspruch für den polnischen Tonsetzer, der etwa für die Wiener Staatsoper zuletzt ein neues Musiktheater ("Phaedra") hätte schreiben sollen, aber das Vorhaben aufgeben musste. Penderecki wandte sich ja mit der Zeit der als überwunden geltenden Tonalität zu und wurde zum quasi spätromantischen Klassiker der gemäßigten Moderne.

Für manche galt er als Abtrünniger. Der virtuose Schreiber Penderecki, 1933 in Dêbica geboren, sah seinen Stilwendungen jedoch keinerlei Widerspruch anhaften: "Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, neue Klänge zu suchen und zu finden. Gleichzeitig habe ich mich mit Formen, Stilen und Harmonien der Vergangenheit auseinandergesetzt. Beiden Prinzipien bin ich treu geblieben. Mein Schaffen ist eine Synthese", sagte Penderecki, dessen Werke nicht selten im Andenken an die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geschrieben wurden.

Engagierte Kunst

"Threnos" etwa wurde den Opfern der Atombombe von Hiroshima zugedacht. Das Klavierkonzert "Resurrection" kreist gedanklich um die Anschläge von 9/11. Historische Katastrophen erhielten auch bei seiner "Lukas-Passion" eindringliche Formen des Ausdrucks: Das geistliche Werk, welches das Leiden und Sterben Christi mit tiefen Gedanken an das Sterben in Auschwitz verbindet, vermittelt seine Botschaft dabei natürlich auch vokal – durch Flüstern, nervöse Klage und dramatische Emphase. Der Gesamtklang wiederum weitet sich instrumental bedrohlich bis ins Clusterhafte, während quälende kollektive Glissandi, Elegisches und impulsive Blechwellen aufgeladene Situationen schaffen.

Bei all der Fülle an Werken verschiedenster Gattungen, die Penderecki schuf – darunter Symphonien wie etwa "Seven Gates of Jerusalem", anlässlich der 3000-Jahr-Feier Jerusalems geschrieben – mochte man meinen, das Komponieren wäre ihm doch eigentlich leichtgefallen.

Auch Krisen

Allerdings kannte Krzysztof Penderecki, der sich dagegen wehrte, "dass die Musik immer komplizierter wird", so etwas wie Kompositionskrisen durchaus: "Der Anfang – das ist immer eine Krise! Da ist nichts außer einem leeren Blatt Papier, man sucht und sucht. Jeden Tag glaubt man, dass man überhaupt nichts kann!", erzählte er im STANDARD-Interview. Dass die Unmittelbarkeit seiner Werke bei aller Schreibmühe letztlich doch ihren Charme entfalten konnte, zeigte sich auch an anderer Stelle, abseits des Konzertlebens: Seine Musik wurde ja auch in zahlreichen Filmen verwendet, darunter bei Horrorklassikern wie "The Shining" und "Der Exorzist".

Der polnische Starkomponist Krzysztof Eugeniusz Penderecki ist am Sonntag im Alter von 86 Jahren nach langer und schwerer Krankheit in Krakau gestorben. (Ljubisa Tosic, 29.3.2020)