Der biertrinkende Josef Švejk ist zu einem fixen Symbol der Terminplanung geworden.

Foto: Wikimedia Commons, Jirka.h23 , CC BY-SA 4.0

Für den 13. März, ein Freitag war das, habe ich mich mit einem burgenländischen FPÖler verabredet gehabt, den ich sehr schätze. Nennen wir ihn Vodička. Aus den hinlänglich bekannten Gründen erwies sich dieser Termin – "Freitag umma eins" – als wenig günstig. Ich facebookte Vodička also: "Treffma uns umma sechs nachm Krieg." Und er facebookte fast umgehend zurück: "Wie gehabt im Kelch?"

Warum es mir so wichtig gewesen ist, Vodička zu treffen, ist mir noch nicht ganz entfallen. Aber ich muss mein Erinnerungsvermögen schon ganz schön anstrengen: Die burgenländischen FPÖler waren nach ihrer Wahlschlappe nicht nur aus der Regierung gefallen, sondern auch aus allen Wolken und bald darauf übereinander her. Wie das halt so ist. Am 7. März war der Parteitag. Vodička, so die Hoffnung, eröffnete mir vielleicht einen schärferen Blick auf die Pradler Szene.

Ach ja, genau: Norbert Hofer macht jetzt der Partei seines Heimatlandes den Chef. Halb zog sie ihn, halb sank er hin! Vodička hätte, so er's nicht gleich selber ergänzt hätte, wohl das Glas erhoben auf Goethes Schlussbetrachtung: "Und ward nicht mehr gesehen."

Roter Vodička

Jeder Schreibknecht hat in jeder Partei mindestens einen Vodička oder eine Vodičkanova, mit dem oder der sich ein Humpen heben lässt und beim Hinhören nebstbei auch was heraushören. Meinen roten musste ich aber auch auf sechs, halb sieben vertrösten. Auch wenn mir klar war, dass ich bis dahin vergessen haben würde, worum es überhaupt gegangen ist.

Höchstwahrscheinlich um die SP-Bundesvorsitzende Pamela Rendi-Wagner und die von ihr initiierte Mitgliederbefragung, die ihr und ihrem Löwelstraßer Bunker als eine Art Notausgang erschienen ist. Nicht nur das rote Burgenland hielt von der Befragung nichts. Vodička hörte schon das Gras wachsen. Und er hat für gewöhnlich gute Ohren!

Planspiel

Ende Jänner hatte die burgenländische SPÖ die absolute Landtagsmehrheit erreicht. Ein Triumph, den man gerne nach Wien getragen hätte, wo im Herbst nicht nur gewählt wird. Sondern wo für die gesamte SPÖ zweifellos alles auf dem Spiel steht.

Die Flächenbezirke hätte – so nicht allein der pannonische Plan – die Strahlkraft der volkstribunischen Rampensau aus dem Burgenland, Hans Peter Doskozil also, bezaubern sollen. Rendi-Wagner – so die Überlegungen nicht allein im Burgenland – hätte so lange in der Löwelstraßer Folterkammer ausharren müssen, bis Doskozils Widerstand gegen's Unvermeidliche erlahmen würde.

Doskozil, der bis Mai ja von seiner dritten Stimmbandoperation genesen sein würde, stünde im Spätherbst dann vorm allseitigen Wünschen der Genossen und Genossinnen. Ein Wunsch hätte das sein sollen wie ein Befehl der Partei. Halb zog sie ihn, halb sank er hin. "Und ward nicht mehr gesehen."

Damals schien das als ein recht stichhaltiges Gerücht.

Neue, alte Themen

Erstaunlich ist, dass jene Themen, mit denen Doskozils SPÖ die Burgenländer von sich überzeugt hat, auch nun den Anschein erwecken, weiterhin wichtig zu sein. Oder erst recht.

Die sogenannte Bio-Wende will sich ja verknüpfen mit einer Stärkung der regionalen Landwirtschaft. Und damit auch der Krisenversorgungssicherheit. Um das zu erreichen, möchte man sogar eine Ein- und Verkaufsgenossenschaft einrichten. Gewissermaßen eine Neuauflage des "Konsum". Mit der Anstellung pflegender Angehöriger hat man im Burgenland zumindest begonnen, das pressierende Pflegethema zu einer Tu- und nicht bloß Herumred-Angelegenheit zu machen.

Und der so umstritten gewesene 1.700-Euro-netto-Mindestlohn beträfe in der Hauptsache all jene, die heute bejubelt werden als die Heldinnen und Helden der Arbeit, ohne die es nicht geht. Zuvor hatten viele noch indigniert die Nase gerümpft, weil Putzfrauen und Supermarktkassierinnen ja nur Putzfrauen und Supermarktkassierinnen wären.

Auch oder gerade über all das wird ab sechs, halb sieben dann wohl ernsthaft die Rede sein müssen.

Fadeout

Nicht wenige greifen, so wie Vodička und ich, bei der Terminplanung zu diesem martialischen Bild aus der literarischen Vorstellungskraft des Jaroslav Hašek. Auch die hochverehrte Kollegin Eva Linsinger vom "Profil" tat das unlängst, um so die Schwere des Bevorstehenden, die Ungewissheit des Durchkommens und die Hoffnung auf die Wiederkehr des Gewohnten zu beschreiben. "'Also dann, nach dem Krieg um halb sechs im Kelch‘' rief er seinen Saufkumpanen im Prager Lokal hoffnungsfroh zu, kurz bevor er in den Ersten Weltkrieg und in die Armee des Kaisers einrücken musste."

Ungern nur erlaube ich mir, die liebe Kollegin ein bisserl zu korrigieren. Aber der Sappeur Vodička war keineswegs nur der Saufkumpan des Josef Švejk. Sondern – einer delikaten Handgemeinheit wegen – auch der Zellengenosse. Und die weltberühmte Abschiedsszene – eines der herzzerreißendstes Fadeouts der Weltliteratur – hat sich nicht in Prag zugetragen. Sondern in Királyhida, heute Bruckneudorf.

Im Burgenland also!

Hašek und das Burgenland

Švejks Vater, Jaroslav Hašek, und das heutige Burgenland hatten überhaupt einiges miteinander zu tun. Des Öfteren war er hier. Als Student zum Beispiel auf einer gewissermaßen böhmischen Interrailreise, die ihn quer durch die Monarchie von Brauhaus zu Brauhaus geführt hatte. Die dort überall tätigen böhmischen Braumeister waren gastfreundlich genug, sodass Hašek zumindest nicht verdurstete.

Später wurde es politischer. Als Mitbegründer der "Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes" nahm er etwa als Delegierter an einer Versammlung in Nagymarton teil, dem heutigen Mattersburg, bei der es – will man dem von ihm überlieferten Bericht Glauben schenken – sehr, sehr hoch hergegangen ist.

Wen der politische Unterschied zwischen dem transleithanischen Burgenland und dem cisleithanischen Rest interessiert, sollte diese Zeugnisse studieren.

Bis es sechs, halb sieben wird, ist wahrscheinlich eh noch reichlich Zeit dazu.

Großpopowitzer

Vodička und Švejk – so die ans Herz rührende Szene – gingen auseinander, ein jeder in einer anderen Marschkompanie. Vodička als Sappeur, als Festungspionier. Švejk als Offizierbursche. Sie entfernten sich allmählich voneinander, aber beide marschierten Richtung Ostfront. (Wir werden nicht ganz falsch liegen, hierin eine böhmische Variante des "Uns bleibt immer noch Paris" zu erkennen.)

*

"Švejk, Švejk, was für ein Bier ham sie beim Kelch?" Und wie ein Echo ertönte Švejks Antwort: Großpopowitzer."

"Ich hab gedacht, Smíchover!", rief Sappeur Vodička von weitem.

"Mädl gibt's dort auch!", schrie Švejk.

"Also nachm Krieg, um sechs Uhr abend!", schrie Vodička von unten.

"Komm lieber um halb sieben, wenn ich mich irgendwo verspäten möchte."

U Kaležu

Aus der Verabredung in der Prager Hostinec "U Kalicha" ist bekanntlich nichts geworden.

Ich, beiläufig 100 Jahre später, werde trotzdem pünktlich sein bei mir im burgenländischen Kelch.

Irgendein Vodička wird schon hinkommen. Ich habe ihnen allen jedenfalls schon vorsorglich gesmst: "Ćemo se strefit u gradišćanskom kaležu." Und dann wird man eh weitersehen. (Wolfgang Weisgram, 31.3.2020)

Ressortunzuständige, aber dringende Leseempfehlung:

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg. Neu übersetzt von Antonín Brousek

Jaroslav Hašek: Die Ausrottung der Praktikanten der Speditionsfirma Kobkán