Die Situation in New York ist angespannt.

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Oren Barzilay leitet eine Gewerkschaft, in der 4.500 Rettungssanitäter New Yorks organisiert sind. Er stammt aus Israel. Anfang der Achtziger wanderten seine Eltern mit ihm und seinem Bruder nach Amerika aus, weil sie den Konflikten des Nahen Ostens entgehen und ihren Kindern ein Leben ohne ständige Krisen ermöglichen wollten. Seit 1995 ist er Rettungssanitäter in New York. Am Telefon schildert er die dramatische Lage in der Metropole in Zeiten von Corona.

STANDARD: Herr Barzilay, womit hat es der Rettungsdienst New Yorks gerade zu tun?

Barzilay: Die Zahl der Menschen, die wir in die Krankenhäuser bringen, hat epische Ausmaße erreicht. Vor den Kliniken müssen sich unsere Fahrzeuge in lange Warteschlangen einreihen, bevor die Patienten eingeliefert werden können. In normalen Zeiten werden wir an einem Tag 4.000 bis 4.500 Mal gerufen, jetzt sind es über 7.000 Notrufe. Mit dem Personal, das wir haben, ist das kaum zu bewältigen. Schon vor der Epidemie hatten wir nicht genug Leute. Das hat uns in eine Lage gebracht, in der wir ans Limit gehen. Statt acht Stunden, wie es normal wäre, sind unsere Sanitäter 16 Stunden im Einsatz. Hinzu kommt der Mangel an Schutzausrüstung.

STANDARD: Was konkret fehlt?

Barzilay: Dem FDNY, dem Feuerwehrdepartment New Yorks, zu dem auch wir gehören, sind die Atemschutzmasken ausgegangen. Wir tragen Tücher vor Mund und Nase, Handschuhe und einen Umhang über der Uniform. Sie müssen sich das vorstellen wie ein Regencape, nur dass der Umhang aus dünnem Papier ist. Er soll dich schützen, wenn du angespuckt wirst. Das Papier reißt natürlich schnell, es ist nur ein Provisorium. Irgendwo ist zwar bessere Schutzausrüstung gelagert, aber das FDNY hat deren Nutzung noch nicht gestattet.

STANDARD: Warum nicht?

Barzilay: Seit zwei Wochen bitten wir darum, die Antwort ist immer die gleiche: An dem Punkt sind wir noch nicht. Was heißt, an dem Punkt sind wir noch nicht? Täglich sterben Menschen, täglich infizieren sich unsere Leute mit dem Coronavirus. Bei mehr als 50 hat sich der Verdacht auf Covid-19 bestätigt. Über 400 zeigen Symptome, wurden aber noch nicht getestet. Das Department organisiert übrigens keine Tests, darum muss sich jeder selbst kümmern. Insgesamt also haben wir beim Rettungsdienst, schätze ich, bereits über 500 Kranke. Bei der New Yorker Polizei sind es fünftausend. Einer meiner Leute liegt seit einer Woche in kritischem Zustand auf der Intensivstation. Worauf warten wir noch? Wenn wir alle Sanitäter verlieren, wer holt dann die Hilfsbedürftigen zu Hause ab?

STANDARD: Wie erklären Sie sich dieses Zögern?

Barzilay: Ich weiß es nicht. Noch vor ein paar Jahren, während der Ebola-Krise, hatten wir gute Schutzausrüstung. Die wurde in einer Halle gelagert. Vor zwei Wochen haben wir gefragt, was damit ist. Und bis heute keine Antwort bekommen.

STANDARD: Sie sprachen vom Personalnotstand, den es schon vor der Pandemie gab. Woran liegt das?

Barzilay: Bei uns verdient man weniger als etwa bei der Polizei oder bei einem Löschzug. Das Einstiegsgehalt liegt bei 16 Dollar die Stunde, ein Dollar über dem gesetzlichen Mindestlohn in New York. Wer bei uns anfängt, für den ist das oft nur ein Sprungbrett, um so bald wie möglich zu wechseln. Die Leute lieben ihren Beruf, aber mit 16 Dollar Stundenlohn kann man sich in New York keine halbwegs vernünftige Wohnung leisten. Wenn dann die Polizei oder ein Löschzug, die Post oder auch die Müllabfuhr Jobs anbieten, springen viele schnell auf den Zug.

STANDARD: Wie ist die Lage in den Krankenhäusern New Yorks?

Barzilay: Es ist wie im Krieg. Überall Patienten, auf den Fluren, im Wartebereich. Einige Wartesäle sind jetzt Krankenstationen, in jeder Klinik ist das so. Ich bin seit 25 Jahren beim FDNY. Noch nie habe ich erlebt, dass ein Kühlwagen vor einem Krankenhaus vorfährt, damit darin Leichen aufbewahrt werden können. Solche Szenen sieht man jetzt vor dem Elmhurst Hospital im Stadtteil Queens. Das allein zeigt schon, wie schlimm es ist.

STANDARD: Wenn Sie es mit den Anschlägen am 11. September 2001 vergleichen …

Barzilay: Der 11. September war einer der schrecklichsten Tage in der Geschichte unserer Stadt. Aber die vielen Kranken, die hatten wir damals nicht. Die Kliniken waren vorbereitet, wir waren darauf eingestellt, sie dorthin zu bringen. Aber wir haben keine gefunden. Sie waren unter dem Schutt der Zwillingstürme begraben. Damals ging es darum, Leichen zu bergen. Alles konzentrierte sich auf einen bestimmten Ort. Die Epidemie dagegen ist überall.

STANDARD: Wie kommen Ihre Leute mental mit der Krise zurecht? Gibt es Sanitäter, die sagen, ich kann einfach nicht mehr?

Barzilay: Ich bin sicher, dass viele schon jetzt an einem Trauma leiden. Manche schlafen in ihren Krankenwagen oder auf der Wache, weil sie Angst haben, nach Hause zu gehen und ihre Familie anzustecken. Die Unruhe nimmt zu. Wenn wir nicht bald bessere Schutzausrüstung bekommen, werden einige womöglich die Arbeit einstellen. Sie alle haben einen Eid geschworen, sie sind mutig und versuchen, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Aber wir erhalten einfach nicht die Unterstützung, die wir brauchen.

STANDARD: Was muss sich ändern?

Barzilay: Wir hatten gehofft, dass zusätzlich bestellte Schutzmasken und dergleichen zuerst auch bei uns landen. Das ist bisher nicht passiert. Natürlich brauchen Ärzte und Krankenpfleger dringend Masken, keine Frage. Aber wenn es keinen mehr gibt, der die Patienten zu ihnen bringt, ist niemandem gedient.

STANDARD: Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels?

Barzilay: Ich bin optimistisch, dass wir in der näheren Zukunft einen Lichtstreif zu sehen bekommen. Doch zurzeit ist es düster.

STANDARD: Wie lange dauert es zurzeit, bis nach dem Notruf Helfer eintreffen?

Barzilay: In Queens, dem am stärksten betroffenen Stadtbezirk, wartet man bis zu sechs Stunden auf einen Krankenwagen. (Frank Herrmann, 30.3.2020)