Hubschrauber bringen Patienten aus dem Elsass in weniger überlastete Krankenhäuser.

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Nicht nur das Coronavirus, sondern auch die Solidarität im Dreiländereck am Rheinknie weitet sich aus. Drei deutsche Bundesländer – Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Berlin – sowie mehrere Schweizer Kantone haben bis Sonntag mehrere Dutzend Covid-19-Patienten aufgenommen. Die meisten werden mit NH90-Helikoptern der französischen Armee ausgeflogen.

Vor allem die Stadt Mulhouse – neuerdings aber auch Straßburg und Colmar – hat sich seit einer offenbar infizierten christlichen Feier schlagartig zum schlimmsten Virusherd Frankreichs entwickelt. Nach der neuesten Bilanz sind im Elsass bis Sonntag 816 Menschen an den Folgen der Covid-19-Erkrankung verstorben. Weitere 774 Patienten mussten in Intensivstationen beatmet werden. Bis Sonntag wurden nach inoffiziellen Schätzungen mehr als 100 Patienten aus Elsässer Spitälern evakuiert.

Für den überaus heiklen Transport von Covid-19-Patienten setzt die französische Armee Militär-Airbus-Flugzeuge und Hubschrauber ein. Am Sonntag fuhr erneut ein TGV-Zug Patienten nach Westfrankreich aus. Erstmals kam am Wochenende sogar ein Privatjet ab dem Flugplatz Colmar zum Einsatz.

Freie Betten

Die deutschen und Schweizer Behörden betonen in Mitteilungen, in den Intensivstationen ihrer Kliniken gäbe es zurzeit freie Betten, und die Beatmungsdauer sei absehbar. Im Elsass liegt sie im Durchschnitt bei zwei bis drei Wochen. In Twitterkommentaren tauchen aber auch Fragen auf, was passiere, wenn die eigenen Spitäler einmal überlastet seien. Die Regierung des vom Virus hart getroffenen Schweizer Kantons Aargau präzisierte deshalb: "Diese Akte der Solidarität schränken die Kapazität des Aargauer Gesundheitswesens zur Behandlung von Coronavirus-Patienten aus dem Aargau nicht nachhaltig ein."

In Nordrhein-Westfalen wurde Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) öffentlich aufgefordert, er solle der "Angst" vorbeugen, dass "nicht genug Plätze für alle hier vorrätig" seien. Andere deutsche Kommentare begrüßen hingegen die Aufnahme französischer Patienten: "Wurde ja auch mal Zeit, nachdem andere Staaten, die nicht mal zur EU gehören, Italien bereits geholfen haben", schrieb jemand auf Twitter. Gemeint ist wohl die medizinische Hilfe Italiens durch China und Kuba. Die französischen Botschafter dankten den Deutschen und Schweizern am Wochenende für ihre "Solidarität". Auch Präsident Emmanuel Macron hat den beiden Nachbarländern schon vor Tagen seinen Dank ausgesprochen.

Warnung vor Nationalismus

Jetzt, wo die Hilfe von außen die Elsässer Spitäler wirklich zu entlasten beginnt, betonen Politiker auch ihren symbolischen Rahmen. Der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delors warnte am Sonntag generell vor der "Rückkehr der Mikrobe" der nationalen Abschottung "Der Mangel an europäischer Solidarität ist eine tödliche Gefahr für die Europäische Union", schrieb er, die Staats- und Regierungschef eindringlich zu einem kooperativeren Verhalten auffordernd. (Stefan Brändle aus Paris, 30.3.2020)