Moderne Versionen der Apostelrunde gibt es bis heute überall.

Foto: imago images/imagebroker

Am vergangenen Osterwochenende erinnerten sich manche wohl nicht nur an die biblische Männerrunde aus zwölf Aposteln plus Jesus. Zwölf Männer plus Bürgermeister an einem Holztisch, so saßen sie auch in der vielbeachteten "Am Schauplatz"-Ausgabe vom 2. April im ORF über das "Ibiza der Alpen" beieinander.

Und das war nicht nur vom Geschlecht her eine maximal homogene Runde. Alle sind "hiesig", alle – und das war in der Doku über die Wochen vor dem Corona-Fiasko in Tirol das Pikante – verdienen in der einen oder anderen Weise an der Ischgler Seilbahn. Mit einem deutlich früheren Ende der Wintersaison, jedenfalls mit dem Wissenstand von Jänner 2020, hätte wohl jeder Einzelne von ihnen absolut keine Freude gehabt.

Die zwölf konnten sich selber kaum das Schmunzeln verkneifen, als jeder Einzelne die gleiche Antwort gab, als sie nach ihrem Brotgeber gefragt wurden: "Die Seilbahn." Aber so ist das halt mit der Homosozialität, sprich: Wenn man sich am liebsten mit seinesgleichen umgibt. Das macht halt vieles einfacher, mia san mia, da weiß man, ohne groß rumreden zu müssen, was der andere will, weil es dem eigenem Wollen haarklein ähnelt.

Gemeinsame Interessen gehören in den Hobbyklub

Diese Szene machte deutlich, was das Problem an Runden ist, die es beileibe nicht nur in der Kommunalpolitik gibt: Alle Beteiligten haben die gleichen oder zumindest ähnliche Interessen. Das muss per se nichts Schlechtes sein. Ein gemeinsames Interesse in einem Schachklub, einem Sportverein oder jedem anderen Hobbycklub ist eine feine Sache. Geht es allerdings um die Repräsentation und Vertretung aller anderen, jener – um bei dem Beispiel zu bleiben – nicht für eine Seilbahn arbeitenden Menschen mit höchst unterschiedlichen Präferenzen, dann ist es ein Problem.

Sie meinen, das Thema Diversität und Frauenquoten sei jetzt wirklich deplatziert? Es gäbe im Moment wirklich Wichtigeres, als auf das Fehlen von Frauen in der Krisenkommunikation hinzuweisen, darauf, dass Analysen und Entscheidungen fast ausschließlich von homogenen Männergruppen präsentiert werden? Jetzt, wo Menschen weltweit massenhaft Jobs verlieren, verarmen und an Corona sterben? Da sollte man den Fokus doch gefälligst ausschließlich darauf legen, was Wirtschaftsexperten und Professoren sagen. Das zählt, den Rest muss man im Moment nicht thematisieren.

Erfahrungen, die fehlen

Doch. Muss man. 75 Prozent der systemrelevanten Jobs werden von Frauen erledigt – und genau diese Erfahrungen dürfen gerade jetzt nicht fehlen. Und sie hätten schon viel früher nicht fehlen dürfen, denn wenn diese Erfahrungen genau dort, wo weitreichende Entscheidungen und Einschätzungen getroffen werden, fehlen, werden Probleme übersehen. Oder ohne Widerstand einfach ignoriert. Und das ist in einer Krise, die vor allem ohnehin schon benachteiligte Gruppen stärker trifft, fatal. Das Geschlecht und vor allem auch, aus welchem Teil der sozialen und geografischen Welt wir kommen, verleiht uns spezifische Perspektiven und formt unsere Belange.

Andere Interesse mit an den Tisch holen

Deshalb nochmal zurück zum Beispiel der zwölf Seilbahner-Gemeinderäte. Vielleicht hätte sich die dramatische Perspektive eines sehr viel früheren Saisonendes relativiert, wären da noch andere mit am Tisch gesessen. Menschen, die der Seilbahn gegenüber etwas gelassener sind und dafür klar andere Interessen der Gesellschaft im Blick haben – sagen wir, Interessen der Altenpflege, der Kinderbetreuung, der Armutsgefährdeten, der bereits Kranken. Und jetzt stellen wir uns dieses Szenario in vielen anderen gesellschaftlichen und machtpolitischen Bereichen vor, in denen bis jetzt die Interessen weniger unsere aller Leben bestimmen. Dann wirkt Kritik an Männerbündelei alles andere als deplatziert. Vor allem jetzt. (Beate Hausbichler, 15.4.2020)