Mit Vollgas in die Klimakrise: Für vermeintlich nachhaltige Treibstoffe wird oft das Fett aus Ölpalmen verwendet. Für dessen Gewinn wird der Regenwald abgeholzt.

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Es besitzt den perfekten Schmelzpunkt, der Schoko- und Nougatcreme sofort auf der Zunge schmelzen lässt, der den Gaumen umschmeichelt – und trotzdem dafür sorgt, dass die Schokocreme nicht sofort vom heißen Toast rinnt. Es macht Margarine streichfähig, es ist lang haltbar, wird nicht schnell ranzig. Es ist geschmacksneutral und als Trägerstoff für Aromen und Vitamine hochgeschätzt. Noch dazu ist es äußert preiswert. Damit ist Palmöl eigentlich das ideale Allzweckfett.

Wäre da nicht die Sache mit dem Regenwald. Ölpalmen haben es gern warm und feucht. Aber gerade dort, wo solche Bedingungen herrschen, wächst tropischer Regenwald, der zunehmend dem weltweit steigenden Palmöldurst zum Opfer fällt. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Produktion mehr als verdoppelt – auf 76 Millionen Tonnen. Inzwischen ist Palmöl das weltweit am meisten verwendete Pflanzenöl.

Schoko ist nicht Hauptschuldige

Seit Jahren fahren Umweltschutzorganisationen Kampagnen gegen das zungenschmeichelnde Öl aus der Palme. Angesichts der weltweit stark steigenden Produktionsmengen zwar nur mit bescheidenem Erfolg, aber zumindest in Europa kommt die Botschaft langsam an.

Das Palmöl ist ideal für zart schmelzende Texturen.
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Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Focus ist es 69 Prozent der Österreicher wichtig, dass ihre Produkte kein Palmöl enthalten. Immer mehr Marken verzichten auf Palmöl, auch wenn es aufgrund seiner besonderen Eigenschaften schwerfällt – und auch eine Preisfrage ist. Bei der letzten Erhebung 2018 wurde in der EU um elf Prozent weniger Palmöl gegessen als im Jahr davor.

Was vielen aber unbekannt sein dürfte: Das meiste Palmöl landet gar nicht in Schokoaufstrich, Margarine und Fertigsuppen. Fast zwei Drittel des in die EU importierten Palmöls werden verheizt. Etwa 53 Prozent enden als Biodiesel an den Tankstellen, rund zwölf Prozent werden zur Stromerzeugung eingesetzt oder als Ersatz für Heizöl verwendet. In europäischen Motoren landet jedes Jahr etwa 38-mal so viel Palmöl wie in allen weltweit produzierten Nutella-Gläsern, rechnet der Verband Transport & Environment (T&E) vor. Während die Lebensmittelindustrie immer weniger Palmöl verwendet, steigt der Verbrauch im Energiesektor.

Gut gemeint

Alles begann mit einer gut gemeinten Idee. Mitte der 2000er-Jahre wollte die EU ihren Verkehrssektor nachhaltiger gestalten. Der Anteil erneuerbarer Energien sollte bis 2020 auf zehn Prozent steigen. Konkurrenzfähige Elektroautos waren damals noch in weiter Ferne, man setzte vor allem auf Biokraftstoffe. Bis zu sieben Prozentpunkte des Zehn-Prozent-Ziels dürfen die Mitgliedsstaaten mithilfe von Biosprit erreichen. Energiepflanzen, die nachwachsen, sind besser für den Planeten als fossiles Öl, so die grundlegende Idee. Weil man anfangs nicht zwischen den Pflanzen und deren Herkunft unterschied, entschied sich der Markt für den Rohstoff, der am günstigsten war: Palmöl aus den Tropen. Seitdem wird Biosprit, auch der aus Palmöl, mit null Gramm CO2-Emissionen bilanziert und bringt die EU näher an ihr Klimaziel, zumindest auf dem Papier.

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Ein ökologischer Irrweg, kritisieren Umweltschutzorganisationen seit jeher. Treibstoff aus Palmöl sei für dreimal so viele CO2-Emissionen verantwortlich wie normaler Diesel aus Erdöl. 2009 besserte die EU nach: Nur Biosprit aus nachhaltigen Quellen zählt seitdem als klimafreundlich. Regenwald soll keinesfalls dafür abgeholzt werden.

Nachhaltiges Palmöl, geht das überhaupt? Umwelt-NGOs bezweifeln das. Nachhaltigkeitssiegel für "grünes" Palmöl würden oft erhebliche Schwächen zeigen. Der auf Initiative des WWF gegründete Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) gilt Umweltschützern etwa schon seit Jahren als dreister Greenwashing-Versuch der Industrie. Im März veröffentlichte Recherchen des ARD zeigen, dass auch für angeblich nachhaltigen Palmöldiesel weiterhin Regenwald in Indonesien abgeholzt wird.

Miese Ökobilanz

Der Hauptgrund für die verheerende Ökobilanz liege in den sogenannten indirekten Landnutzungsänderungen, sagt Jasmin Duregger von Greenpeace dem STANDARD. Auch wenn ein Biodieselproduzent für sein Palmöl nicht direkt Regenwald abholzt, führe die gestiegene Nachfrage nach Palmöl zur Erschließung neuer Plantagen.

In Österreich wurden 2018 rund 590.000 Tonnen Biokraftstoff in den Verkehr gebracht, das sind 6,25 Prozent aller Treibstoffe. In der österreichischen Produktion ist Palmöl kein Thema, hierzulande wird Biodiesel vor allem aus Altspeiseöl und Raps, Bioethanol aus Weizen und Mais gewonnen. 2018 sind aber geringe Mengen, rund 25.000 Tonnen, Palmöl in Form von ausländischen Biosprit importiert worden, heißt es aus dem Klimaschutzministerium. Für 2019 würden sich die Zahlen auf einem ähnlichen Niveau bewegen.

Bis 2030 soll in der EU überhaupt kein Palmöl mehr in Tanks landen. Im vergangenen Sommer hat die EU-Kommission bereits Ausgleichszölle zwischen acht und 18 Prozent für von Indonesien subventionierten Biodiesel eingeführt. Das "Monster", wie T&E-Chef William Todts die EU-Biospritstrategie in einem Interview mit DW bezeichnete, zu zähmen könnte aber mit Konsequenzen verbunden sein. Malaysia und Indonesien, die zusammen etwa 85 Prozent des Palmöls produzieren, haben bereits ihre diplomatischen Geschütze aufgefahren, um die 55-Milliarden-Dollar-Industrie zu schützen. Sie drohen der EU mit einer Klage bei der Welthandelsorganisation (WTO). Zudem überlege man, keine Flugzeuge mehr beim europäischen Hersteller Airbus zu kaufen oder EU-Milchprodukte mit Strafzöllen zu belegen.

Elektro fährt besser

Während die EU die Notbremse zieht, ist der weltweite Durst nach Biosprit weiterhin ungesättigt. Laut einer Studie der Rainforest Foundation Norway vom März gehen 90 Prozent der zusätzlichen Nachfrage an Pflanzenöl auf Biotreibstoffe zurück.

Neben Palm- ist auch Sojaöl ein Problem. Vor allem die Erzeugerländer Indonesien und Brasilien setzen in großem Maßstab auf das Pflanzenöl als Treibstoff. Bis 2030 werden rund sieben Millionen Hektar Wald der Palm- und Sojaölproduktion zum Opfer fallen, die Hälfte davon sind Torfböden, die besonders viel Kohlenstoff speichern.

Statt auf Biosprit sollte Europa mehr auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs setzen, fordert Greenpeace. Dort, wo Individualverkehr unbedingt notwendig ist, sollte man auf Elektromotoren umrüsten – denn selbst der grünste Biodiesel könnte mit deren Effizienz nicht mithalten. (Philip Pramer, 20.4.2020)