"Perfekte" Familienbilder braucht in Krisenzeiten und auch sonst keine*r.

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Was müssen Eltern für ihre Kinder sein? Was alles müssen sie privat regeln? Was bedeutet heute, im Jahr 2020, "Kernfamilie"? Was soll sie für Kinder sein? Und was für jene, die ein anderes Lebensmodell leben?

Über diese Fragen zu sinnieren, dafür gibt es derzeit wenig Zeit und Möglichkeiten. Die Antworten bekommen wir allerdings derzeit täglich und sehr deutlich präsentiert: In der digitalen Kommunikation, im Alltag, in der Prioritätensetzung der Politik. Eine Antwort, die sich durch das Schweigen und die anhaltende Unklarheit, wie es mit der Kinderbetreuung weitergehen soll, laut äußert, ist: Die perfekte Familie ist, wenn sie keine*n außerhalb dieses kleinen Kreises braucht.

Biologische Basis, bitte

Es ist eine paradoxe Situation: Im Grunde ist es gesellschaftlich erwünscht, Kinder zu bekommen. Andere Lebensentwürfe werden noch immer kritisch beäugt. Vor allem Frauen ohne Kinderwunsch gelten als suspekt. Alles, was nicht dem "klassischen" Familienbild entspricht – also etwa IVF, Pflegeelternschaft oder Adoption –, findet im aktuellen Diskurs auch kaum Beachtung. Da spielt es keine Rolle, ob diese Menschen viel Geld für die Erfüllung ihres Kinderwunsches investieren und die Hürden der Bürokratie genommen haben (die vor allem für homosexuelle Paare riesig sind) – als Basis für die "perfekte" Familie gilt weiterhin die Biologie.

Die Vorstellungen von einer legitimierten, "normalen" Elternschaft sind nicht auf der Höhe der Zeit. Und sie entsprechen auch nicht der Realität, denken wir nur an die vielen Patchwork-Familien, Ein-Eltern-Familien und getrennt lebenden Elternteile. Doch auf genau diese Realität schafft man es derzeit nicht einzugehen. Auf Twitter hingegen bilden derzeit unter dem Hashtag #CoronaEltern viele diese Realität ab. Die Reaktionen darauf lauten unter anderem auch: Ihr seid zuständig und sonst keine*r.

Es ist also ein enges Korsett: Einerseits wer als Eltern überhaupt auf dem Radar ist. Dieser erfasst meistens nur die heterosexuelle Kleinfamilie, in der eine*r beruflich flexibel ist oder ohne Probleme ganz aussetzen kann.

Andererseits herrscht noch immer das Bild vor, dass allein die Eltern für das Wohl ihrer Kinder verantwortlich sind. Dass daheim zu bleiben schon nicht so schlimm ist, ja im Grunde besser als die "Fremdbetreuung", wie der Begriff für Kindergarten und und Co negativ behaftet heißt. Bis jetzt hat man Eltern im Unklaren gelassen, wie es mit der Kinderbetreuung anläuft. Erst am Dienstag hat Bundeskanzler Kurz in einer Pressekonferenz über Kindergärten gesagt, es bleibe dabei, die "Kindergärten bleiben offen" – was de facto einfach nicht stimmt. Viele Standorte sind zu, und wenn nur einer oder keiner der Eltern einen systemrelevanten Job hat, müssen Telearbeit und Kinderbetreuung gleichzeitig erledigt werden – was unmöglich ist. Das ist derzeit Realität, und wenn der Bundeskanzler diese entweder nicht einmal erwähnt oder vielleicht gar nicht kennt, sagt das schon viel über den Stellenwert von Kinderbetreuung außerhalb der "perfekten Familie" aus.

Aufwertung der "Fremdbetreuung"

Für das Wohl von Kindern sind soziale Kontakte außerhalb der Kleinfamilie essenziell, Freundschaften, andere Vorbilder, die den Eltern vielleicht unähnlich sind. Eindrücke und Erfahrungen, die sie daheim nie bekommen würden. Dass die Betreuung außerhalb der Familien im Moment und generell eine enorm wichtige Rolle für die Entwicklung und das soziale Leben von Kindern hat – dies anzuerkennen wäre auch im Sinne einer Aufwertung der Tätigkeiten von Betreuer*innen und Kindergartenpädagog*innen.

Doch statt dieser Anerkennung bricht derzeit ein Familienbild durch, dass es für alle nur noch schwerer macht. Nicht nur jetzt. (Beate Hausbichler, 22.4.2020)