Was bringt die Lachtaube zum Lachen? Diese Frage steht natürlich nicht im Zentrum der Forschung. Wissenschafter versuchen herauszufinden, was die Vögel schön finden.

Foto: Picturedesk / Imagebroker / Jürgen & Christine Sohns

Schönheit ist bekanntlich relativ: Was die einen umwerfend finden, mag bei anderen bestenfalls mildes Interesse wecken oder gar auf Ablehnung stoßen. Fix ist nur, dass das Betrachten von Lebewesen, die wir als schön empfinden, mit positiven Empfindungen einhergeht, die sich auch in der Hirnaktivität und im Hormonstatus niederschlagen.

Ob Tiere einen vergleichbaren Sinn fürs Schöne haben, ist bislang unklar. Forscher der Universität Wien untersuchen derzeit mithilfe von Tauben, ob Schönheit vielleicht genauso im Auge tierischer Betrachter liegt.

Es ist nicht so, als hätte Schönheit in der Biologie gar keinen Platz. Eine verbreitete Auffassung sieht darin den Nachweis von Fitness: Mangelernährung, Krankheiten oder Parasiten beeinträchtigen oft die Ausprägung bestimmter Merkmale, die in der Folge schwächer ausfallen – und damit weniger attraktiv.

So paaren sich Rauchschwalben-Weibchen bevorzugt mit Männchen, die lange Schwanzfedern haben, und tatsächlich korreliert die Federnlänge mit dem Gesundheitszustand.

Eine ganz ähnliche Rolle dürfte Symmetrie spielen – übrigens auch beim Menschen: In Tests fanden die weitaus meisten Probanden Gesichter umso schöner, je symmetrischer sie waren. Auch diese Gleichmäßigkeit lässt auf gute Gene schließen und wirkt möglicherweise daher anziehend.

Balz als Kommunikationsmittel

So weit, so evolutiv. Darüber hinaus sprechen die meisten Menschen aber unterschiedliche Merkmale an, wie eine bestimmte Haar- oder Augenfarbe, Stimmlage, Sprechweise usw. Leonida Fusani und Cliodhna Quigley vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien und dem Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Veterinärmedizinischen Universität Wien wollen nun mit finanzieller Unterstützung des Wiener Wissenschaftsfonds WWTF klären, ob auch Tiere solche individuellen Vorlieben haben.

Tatsächlich ist etwa die gängige Vorstellung, dass Männchen stets versuchen, sich mit jedem vorhandenen Weibchen zu paaren, so nicht richtig. "Nicht alle Männchen balzen jedes Weibchen an", weiß Cliodhna Quigley aus ihren bisherigen Untersuchungen an Tauben, "Balz ist weniger eine Einweggeschichte und mehr eine Frage der Kommunikation."

Lachtauben (Streptopelia risoria) sind die Versuchstiere, mit deren Hilfe Quigley und ihre Gruppe das tierische Schönheitsempfinden unter die Lupe nehmen wollen. Rund 50 der domestizierten Vögel leben am Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung auf dem Wiener Wilhelminenberg, wo man die Balzrufe der Männchen derzeit bis hinaus auf die Savoyenstraße hört.

Um ihre ästhetischen Fähigkeiten zu testen, kommen sie allerdings ins Labor, wo die Forscher mehr Möglichkeiten haben, das Verhalten zu untersuchen.

Erfasste Verhaltensmuster

Dafür werden zuerst einmal die verschiedenen Verhaltensmuster der Männchen und Weibchen erfasst und katalogisiert. Außerdem werden Videoaufnahmen balzender Männchen und die Reaktion der Weibchen darauf gefilmt und ihre Lautäußerungen dabei aufgenommen.

Um den Einfluss von visuellen und auditiven Signalen – und ihr Zusammenspiel – zu untersuchen, werden dann einzelne Weibchen mit drei verschiedenen Situationen konfrontiert: nur mit einer Videoaufnahme eines balzenden Artgenossen, mit einem Tonmitschnitt seines Gurrens und schließlich mit beidem gleichzeitig. Die jeweiligen Reaktionen des Weibchens darauf werden ebenfalls festgehalten.

Die Idee dahinter ist herauszufinden, welche Rolle die beiden Sinneskanäle spielen – jeder für sich und auch gemeinsam. Dabei sollen sich auch individuelle Vorlieben zeigen, denn obwohl die Balzbewegungen und das dazugehörige Gurren für uns Menschen kaum zu unterscheiden sind, zeigt sich bei Frequenzanalysen, dass die Männchen sich zumindest in ihren Lautäußerungen durchaus unterscheiden.

"Wir wollen wissen, wie das Männchen bei der Balz seine Vorzüge vermittelt und wie diese vom Weibchen wahrgenommen und verwendet werden, um sich für einen bestimmten Paarungspartner zu entscheiden", erklärt Quigley. Zu diesem Zweck wird im Zuge der Versuche auch der jeweilige Hormonstatus der Vögel gemessen.

Tests mit Menschen

Um nun zu erforschen, ob die gefundenen Ergebnisse generelle Rückschlüsse auf die Attraktivität zulassen und es hier eine Art Naturgesetz des Schönen gibt, werden in diesem Projekt mit ganz vergleichbaren Versuchsanordnungen auch Menschen diesbezüglich getestet.

Diesen Teil der Arbeit übernehmen Helmut Leder und die Doktorandin Christina Krumpholz von der Fakultät für Psychologie der Universität Wien im Labor für Empirical Visual Aesthetics (Evalab).

Auch den menschlichen Versuchsteilnehmerinnen werden Gesichter von Männern gezeigt und/oder deren Sprachäußerungen vorgespielt. Dabei werden unter anderem die Hirnströme, die Augenbewegungen und die Aktivität der Gesichtsmuskeln der Probandinnen gemessen. Im Unterschied zu den Tauben kann man sie zusätzlich befragen, wie attraktiv sie das jeweilige Gesicht bzw. die Stimme finden.

Visuelle Reize

Bei den Tauben sollen in einem weiteren Schritt die visuellen und auditiven Reize einmal "ganz normal", also gemeinsam, präsentiert werden, dann zeitlich verschoben und irgendwie gemixt. Bei den Menschen ist das schwierig: "Wenn die Verschiebung nur gering ist, wird sie nach kurzer Zeit ignoriert", weiß Quigley, "und wenn sie zu groß ist, verweigert die Testperson das Zuhören."

Aber auch bei den menschlichen Probanden und Probandinnen sollen die Gefühlsreaktionen der Frauen gemessen werden, die die Gesichter und Stimmen – wieder gemeinsam und einzeln – auslösen. Und natürlich ist auch eine Umkehr der Geschlechterrollen bei den Tests sowohl bei Tauben als auch bei Menschen geplant. (Susanne Strnadl, 22.4.2020)