Fiona Apples neues Album macht keine Kompromisse, dafür ist die US-Künstlerin nicht gebaut.

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Als vor acht Jahren ihre Hündin Janet wegen einer Krebserkrankung im Sterben lag, sagte sie deshalb einfach eine große Tour ab. First things first. Auf die Gesetze der Musikindustrie gibt sie nicht viel, das bewies Fiona Apple erstmals, als sie 1997 einen Grammy für ihr Debütalbum Tidal in Empfang nahm. In ihrer, nun ja, Dankesrede hat sie der Musikindustrie damals gewissermaßen auf die Fußmatte gesch... – Sie wissen schon. Das Verhältnis ist seit damals nicht besser geworden.

Nach acht Jahren Pause seit ihrem letzten hat Apple nun ein neues Album veröffentlicht. Es heißt Fetch the Bolt Cutters, und die Kritik überschlägt sich, während sie der Schöpferin gleichzeitig zu Füßen liegt. Das muss man einmal schaffen.

Noch nie habe irgendeine Musik so geklungen, beschied die Musikplattform "Pitchfork" dem Werk. Das kann man genau genommen über jede Veröffentlichung behaupten und sagt mehr über den Horizont der Rezensentin als über Apples Album. Dieses aber trifft einen Nerv und sticht aus dem gefälligen Popgeschäft durch eine Kratzbürstigkeit hervor, die sich in einer grob gezimmerten, sehr perkussiven Musik entlädt. Die ist nicht per se eine Sensation, es ist vielmehr eine Variation von bewusst schäbig gehaltener Instrumentierung, wie sie etwa Tom Waits und seine Epigonen beiderlei Geschlechts seit den mittleren 1980ern pflegen.

Keine Trendsportlerin

Dass man ein Piano als Schlaginstrument behandeln kann, hat Apple schon bewiesen, selbst in der Mur-Mürz-Furche ist das seit der Invasion von Fats Domino und Jerry Lee Lewis in den 1950ern bekannt. Deshalb müsste man noch nicht die Fanfaren bemühen. Doch Fetch the Bolt Cutters ist inhaltlich radikal.

Das Thema dieses Albums ist männliche Macht. Das wirkt zwar mitunter wie ein Trendsport im Pop. Manchmal scheint die politisch korrekte Positionierung eines Musikus zu einem Thema wichtiger als die Kunst, die es behandelt. Hauptsache, man wedelt wie ein Cheerleader in die richtige Richtung. Doch davon hebt sich Apple schon biografisch ab.

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Sie hat die wohl schlimmste Erfahrung männlicher Machtanmaßung im Alter von zwölf Jahren gemacht: Damals wurde sie vergewaltigt. Das bescherte dem Mädchen Apple Therapien, Essstörungen, Aggressionen, Depressionen – und im Alter von 19 Jahren fand sie sich zudem in den Auswirkungen des Welterfolgs ihres Debüts wieder. Schon dass sie das überstanden hat, ringt einem Respekt ab.

Kein Kampf zu gering

Doch sie hat das nicht bloß überstanden, sie kämpft immer schon, auf jedem Album, um Selbstbehauptung, um ihren Platz in einer männlich dominierten Welt. Und Apple, heute 42, ist keine Provokation zu blöd und kein Kampf zu gering, wenn es darum geht, ihre künstlerische Freiheit zu behaupten. Wenn sie einen 80 Worte langen Albumtitel will, dann kriegt sie ihn.

Diese Haltung bestimmt Fetch the Bolt Cutters. Mag Apple noch so verwundet sein, sie baut auf Angriff. Aufgenommen zu Hause in Los Angeles mit drei Mitstreitern und ein paar Kläffern, versagen sich die 13 Songs gängigen Schablonen. Das Werk muss man sich erarbeiten, doch dann offenbart es seine Klasse, eine von Apples Wildheit manchmal verstellte Schönheit – und seinen Witz.

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Etwa wenn sie in Under the Table singt: "I would beg to disagree, but begging disagrees with me." Da beschreibt sie ein Essen, bei dem sie nur aus Unhöflichkeit mitging: "Kick me under the table all you want / but I won’t shut up."

Keine hohlen Gesten

Oder wenn sie sich in Rack of His über die Gitarrensammlung eines Typen lustig macht. Da verfällt sie in ein Idiom, das zeigt, dass sie weiß, dass ihre Schadenfreude genauso lächerlich wie seine Sammlung ist. Das macht sie sympathisch und das Album reich. Denn es verreckt nicht in plumpen Kampfansagen und hohlen Gesten. Es offenbart gelebtes Selbstverständnis mit Humor und Nachsicht ebenso wie mit Unerbittlichkeit und Zorn. Die Mischung macht es aus, und die gelingt Apple auf Fetch the Bolt Cutters ziemlich gut. (Karl Fluch, 23.4.2020)