Fensterläden auf: eine italienische Szene im Pandemie-Frühjahr 2020.

Foto: Picturedesk.com / PA / Marco Passaro

Fenster, sagt man, sind die Augen der Häuser. Mit dem Unterschied zu unseren Augen, von denen man auch sagt, sie seien Spiegel unserer Seelen, ist die Seele eines Hauses von seinen Bewohnern gemacht, die für den Inhalt des Hauses verantwortlich sind. Manche Häuser haben eine, manche tun nur so, als hätten sie eine.

Irgendwas stimmt in ihnen nicht, etwas ist schief, man kommt in ihnen nicht zur Ruhe, das wird dann als gestörtes Feng-Shui bezeichnet. Diese Unordnung kann man aber nicht durchs Fenster sehen, weil das Fenster nicht den Raum in seiner Räumlichkeit abbildet, sondern lediglich einen subjektiven Ausschnitt davon, als Bild gerahmt.

Das Fenster ist demnach eine Abmachung, ein Vorschlag, den Ausschnitt, den du siehst, kannst du interpretieren und Rückschlüsse auf mich, den Bewohner, ziehen. Natürlich sind unsere Fenster in erster Linie dazu gedacht, unsere Blicke heraus- und Licht hineinzulassen, aber es gibt große Panoramafenster, deren Besitzer wollen damit zeigen, wer hier wie lebt und welchen Geschmack er hat. Ein Fenster als Teil eines Statussymbols, das auf ein anderes Statussymbol hinweist.

Nicht so offensiv wie Schaufenster oder so passiv wie Aquarien. Schaut ein Fisch aus seiner Scheibe, oder bemerkt er unsere Blicke? Oder ist ihm alles egal, weil ihm solche Gefühle wie Scham fremd sind, die Scheibe ist ihm nur eine resignativ hingenommene Begrenzung seines Habitats, gleichzeitig auch ein Schutz vor großen Fischen, wie er uns vielleicht interpretiert.

Wenn Fenster also die Augen der Häuser sind, geht es darum, dass wir sehen und entscheiden, wer uns sieht. Demnach ist eine Gardine nichts anderes als der Vorhang im Theater, wir entscheiden, wann das Stück beginnt oder endet und wen wir als Publikum einladen.

Das Fenster ist eine permeable Membran der Blicke, es entsteht ein ständiger Austausch an Informationen. Auch Licht ist eine Information, so wie es auch ein sich ständig herumgeschobenes Möbelstück sein kann, ohne dass unsere Behausungen eine andere Atmosphäre hätten. Oft hat man den Eindruck, dass unsere Häuser eigentlich um unsere Blicke herumgebaut worden sind.

Wir sehen es, ohne es zu sehen

In den letzten Wochen bekam Wohnen eine neue Wertigkeit, plötzlich war das, was außerhalb unserer Fenster passierte, so weit weg, so fremd, obwohl es uns so nahe und vertraut ist, alles wurde anders, bewusster, dass da draußen etwas ist, wir es aber nur durch die Kontextverschiebung unserer Gewohnheiten zu sehen in der Lage waren, wir sehen es, ohne es zu sehen, einfachste Dinge standen plötzlich ganz schief da, obwohl sie nach wie vor nicht umkippten, waren wir denn wirklich geschützt in unseren Wohnungen, oder waren wir nicht auch noch zusätzlich zu der nicht sichtbaren Bedrohung da draußen inzwischen auch eine Gefahr für uns selbst geworden, musste man uns vor uns schützen, aber wer sollte das tun?

Können wir der Isolation überhaupt vertrauen, oder ist das auch nur ein Wort der Beruhigung, Isola, die Insel, hier kann dir nichts passieren, warte nur noch ein wenig, noch ein bisschen, auch wenn alles zusammenbricht, kann dir trotzdem nichts passieren.

Und dann machen wir die Fenster auf, um zu lüften oder zu schauen, ob die Luft inzwischen rein ist, oder wehmütig und dankbar dem Müllauto hinterherzuschauen oder um die anderen Gefangenen in unserer Straße mit unserer schrecklichen Musik zu quälen, wie sie vielleicht auch uns quälen, und selbst das hat sich ja inzwischen erledigt, und das Fenster ist nur noch ein funktionsloser, schnöder Gegenstand, durch den man ratlos schaut, was war er einmal für uns?

Sollte man jetzt das Fenster putzen wie jedes Jahr im Frühling? Aber warum, wenn einen alles im Stich gelassen hat, die Geborgenheit nicht mehr die ist, auf die man sich bisher immer verlassen konnte, die Möglichkeit, jederzeit nicht nur mit Blicken andere Räume zu betreten. Und das Müllauto eine Art Hoffnungsbote ist.

Wenn wir kein Glas hätten

Der Mensch besteht zu etwa 75 Prozent aus Wasser, er ist ein Wasserwesen, eigentlich ist er flüssig. Wir kommen aus dem Wasser, und die Erde besteht zum größten Teil aus Wasser, alles ist flüssig, selbst Glas, das nur die Fähigkeit zu fließen verloren hat.

Nur ist der Phasenübergang beim Glas etwas vager als beispielsweise beim Wasser, das seinen Aggregatzustand ziemlich verlässlich ändert, das lässt sich vorhersagen und messen. Die Einteilung in diese klaren Kategorien der Aggregatzustände spielen bestimmte Stoffe eben nicht mit, wie Gelee, aber auch Glas.

Eine flüssige Schmelze von Sand wird immer tiefer abgekühlt bis unter ihren Schmelzpunkt, dann ist es eine unterkühlte Flüssigkeit, deren Zähigkeit immer weiter steigt, bis der Brei zu Glas erstarrt, die Moleküle sind dann zu einer Struktur eingefroren.

Wenn wir Glas für unsere Fenster nicht hätten, könnten wir uns mit Gelee oder Eisplatten behelfen oder auch Seifenblasen, nur wäre eine Benutzung nicht unbedingt dauerhaft und befriedigend gewährleistet.

Erstarrte Flüssigkeit

Wenn wir nun aus so viel Flüssigkeit bestehen und die Fenster erstarrte Flüssigkeit sind, dann kann man auch unsere Blicke als flüssig bezeichnen, wir empfangen nicht nur optische Signale, sondern uns fließen Bilder gleichsam entgegen, durch Fenster, durch den Glaskörper unserer Augen auf unsere Netzhaut, wo sie von Neuronen zur Verarbeitung in unser feuchtes Gehirn weitergeben werden.

Und sehen wir etwas Trauriges, schwappt es auch gleich wieder auf einer Welle der Empathie auf dem gleichen Weg aus uns raus. Tränen lügen nicht, wie Michael Holm einmal ganz richtig meinte, so wie Fenster nicht lügen, sie zeigen uns unkommentiert einen Ausschnitt dessen, was ist. Was wir damit machen, ist uns überlassen. Wenn wir einen Vorhang vor das Fenster ziehen, heißt das noch lange nicht, dass das, was draußen vor sich geht, nicht stattfindet.

Ein Fenster interpretiert nicht, es bildet ab und bietet uns etwas an, nämlich ein Stück von unserem Leben. Wen das zu sehr mitnimmt und wer weinen will und sich seiner Tränen schämt, kann sich ja eine Sonnenbrille aufsetzen. Oder das Lied von Michael Holm ausmachen. Aber bitte nicht dem Fenster die Schuld geben.

Das Fenster ist uns näher als die Wand

Ein Fenster ist eine Wand, die keine Wand ist, ein Fenster ist der kokette Beweis dafür, dass es geht, etwas Schweres leicht aussehen zu lassen und das Leichte so, dass es unmöglich zu schaffen ist.

Das ist eigentlich eine ganz gute Motivation, das Leben zu leben, das Wenigste ist das, was es scheint, das hat nichts mit Hochstapelei oder Selbstbetrug zu tun, sondern alles, Probleme, Aufgaben und dergleichen vorher realistisch einzuschätzen und sich mit einer kleinen Lüge im Konjunktiv zu motivieren und zu erden, ich könnte es schaffen, ich müsste diesen Weg gar nicht gehen, versuche es aber dennoch, das ließe sich leicht lösen, aber ich plane eine schwerere Alternative gleich mit ein, und wenn ich am Schweren oder am Leichten scheitere, hab ich das Scheitern bereits vorher in mein Vorhaben integriert, so wie das Fenster das Kaputtgehen sozusagen auf Abruf in seiner Fragilität integriert hat, ohne dass man sich dessen ständig bewusst wird, wir nehmen es hin, dass es stabil bleibt, eher kippt eine Vase um und zerspringt, als dass der Wind das Fenster eindrückt oder ein Vogel dagegen fliegt oder ein Fisch dagegen schwimmt, wenn man unter Wasser lebt, wo zusätzlich der Druck der Wassermassen einen variablen Risikofaktor darstellt. Irgendwann wird das Fenster zu einem Komplizen, einem Co-Piloten, dem man vertraut, wie man der Brille vertraut, man sieht sie nicht mehr, weil man durch sie sieht, aber nicht aus Ignoranz, sondern weil man einen symbiotischen Pakt mit ihr geschlossen hat, ich putze dich, und du garantierst mir, dass du nicht kaputtgehst und ich durch Splitter riskiere, blind zu werden.

Das Fenster ist uns näher als die Wand, paradoxerweise, weil wir das Fenster nicht sehen, die Wand aber schon. Und wir kommen drauf, dass man Nähe nicht durch Worte erzeugen kann, wenn sich Nähe noch nicht mal durch Nähe erzeugen lässt.

Gerahmte Bilder

Wenige Menschen schauen im Museum aus dem Fenster, vielleicht weil sie glauben, man hätte Eintritt bezahlt und die da draußen oder generell das Draußen eben nicht, jetzt müssen sie sich auf das konzentrieren, wofür ihnen am Eingang Geld abgenommen wurde, so viel Leistung und Angebote wie nur möglich sollen aufgesaugt und mitgenommen werden.

Museen haben ein kaum wahrnehmbares Grundsummen an auratischer Eindrucksaufnahme, so sehr, dass an Kontemplation gar nicht zu denken ist, wie es vielleicht ein Künstler, Kurator oder Sammler intendiert hat.

Nun kann man aber, wenn man aus dem Fenster eines Museums blickt, etwas Interessantes sehen, nicht nur die neue Perspektive dessen, was außerhalb des Museums so ist, sondern dass das auch noch gerahmt ist, gleichsam als Fortsetzung der hausüblichen Rahmungen wird ein Bild gezeigt, das einzig belebte, dreidimensionale Bild einer Ausstellung ist der Blick aus dem Fenster, die Kunst im Museum kann noch so aussagekräftig, so wild, so lebendig sein, lebendiger als das, was draußen ist, kann es nicht sein.

Und so kann im Kontext jeder Ausstellung auch das Bild nach draußen interpretiert werden, etwa das elegante Chaos Jackson Pollocks wird draußen fortgesetzt – geschrieben oder gekleckst –, ein zweidimensionales Naturbild schärft vielleicht den Blick nach draußen, das, was wir ständig übersehen, weil zu viele Eindrücke zusammenkommen, Gerüche und Geräusche zum Bild, oder die Kadrierungen bei Gilbert & George werden durch die Fensterkadrierung auf unsere Existenzen umgelegt, wodurch man sich selbst vielleicht besser versteht. Die Kadrierung als Festlegung eines scheinbar geschlossenen Systems, das alles umfasst, was im Bild vorhanden ist und was in dieses hineinragt.

Die Welt besser sehen

Irgendwann, hoffentlich bald, sind wir vielleicht in der Lage, die Welt neu zu ordnen, besser zu sehen, dass das Draußen draußen bleibt, aber wir es dennoch hineinlassen können und dürfen und wir uns drinnen wirklich geborgen fühlen, und dann schauen wir mit Erleichterung aus den Fenstern und denken uns, das da draußen, das ist das Museum der Möglichkeiten, einer Welt, in der wir und vor der wir keine Angst mehr haben müssen. Irgendwann, hoffentlich bald, kann man Nähe vielleicht wieder durch Worte erzeugen und, noch besser, Nähe durch Nähe. (Tex Rubinowitz, 25.4.2020)