Um das Corona-Virus effektiv einzudämmen, braucht es evidenzbasierte Empfehlungen.

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Die österreichische Bundesregierung lässt sich von Wissenschaftern unterschiedlicher Disziplinen beraten – von wem genau, wird nur teilweise bekanntgemacht.

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Evidenz statt Ignoranz" oder "Forschen statt Faken" stand auf den Plakaten zu lesen, mit denen Wissenschafter im April 2017 weltweit auf die Straße gingen. Angesichts von Fake-News und "alternativen Fakten" wähnten sich Forscher in einem postfaktischen Zeitalter, in dem ihre Erkenntnisse nicht schwerer zu wiegen schienen als die nächstbeste Verschwörungstheorie oder das wissenschaftsverachtende Geplänkel so mancher Populisten.

Drei Jahre später könnte die Rolle von Wissenschaft in der Öffentlichkeit nicht weiter davon entfernt sein. Statt Kundgebungen steht nun Corona-Beratung auf der Tagesordnung vieler Wissenschafter. Politische Entscheidungsträger rund um die Welt haben angesichts der Pandemie früher oder später auf evidenzbasierte Politik eingeschwenkt.

Wissenschaft ist also wieder wichtig geworden, wenn tagespolitische Entscheidungen getroffen werden. Doch wie gestaltet sich der Austausch von Wissenschaft und Politik in der Corona-Krise? Was ist darüber in Österreich und anderswo bekannt, und was liegt im Dunkeln?

Wer berät?

Im Gegensatz zu Ländern, wo es staatliche Chef-Epidemiologen (etwa Anthony Fauci in den USA oder Anders Tegnell in Schweden) oder eine oberste Infektionsbehörde (wie das Robert-Koch-Institut in Deutschland) gibt, findet die wissenschaftliche Beratung in Österreich stärker im Hintergrund statt. Kritische Stimmen orten dabei Intransparenz.

"Es ist jetzt wichtiger denn je, dass man auf eine Transparenz von Expertise drängt", sagt die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt von der Uni Wien. "Man muss transparenter machen, wer die Experten sind, die unser Leben in nachhaltiger Weise beeinflussen."

Vergangene Woche kündigten die Neos eine parlamentarische Anfrage an, um in Erfahrung zu bringen, auf welcher Basis die Regierung Experten zur Beratung auswählt. Die Öffentlichkeit habe ein "Recht darauf, zu erfahren, welche Daten, Fakten und Empfehlungen den weitreichenden Entscheidungen zugrunde liegen", sagte Neos-Gesundheitssprecher Gerald Loacker.

Die Taskforce

Tatsächlich ist es schwer zu überblicken, wer alles der Regierung mit wissenschaftlichem Rat zur Seite steht und auf welche Studien und Daten sich die Politik stützt. Das mag zum einen daran liegen, dass – wie alles in dieser beispiellosen Krise – auch die wissenschaftliche Beratung ein äußerst dynamischer Prozess ist. Zum anderen gibt es offenkundige Unterschiede innerhalb der Regierung, was den Umgang mit wissenschaftlichen Experten angeht.

Eine gewichtige Rolle spielt jedenfalls die Coronavirus-Taskforce, die Ende Februar im Gesundheitsministerium eingerichtet worden ist. Diese Taskforce besteht einerseits aus einem hausinternen Stab, der zehn Personen umfasst, darunter Gesundheitsminister Rudolf Anschober, der Abteilungsleiter für Seuchenbekämpfung im Gesundheitsministerium, Bernhard Benka, und die einstige Übergangsgesundheitsministerin Brigitte Zarfl.

Experten um Anschober

Andererseits gibt es einen externen Beraterstab, der aktuell aus 17 Mitgliedern besteht. Die Namen aller eingesetzten Experten sind auf der Homepage des Gesundheitsministeriums ausgewiesen. Etwa die Hälfte davon kommen aus der Wissenschaft, wie die Med-Uni-Wien-Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl, der TU-Wien-Simulationsexperte Niki Popper und die Leiterin der Bioethikkommission Christiane Druml. Sie ist der jüngste Neuzugang in der Taskforce und folgte auf den Public-Health-Experten Martin Sprenger, der sich vor zwei Wochen aus dem Beratungsgremium zurückgezogen hatte. Weiters umfasst die Taskforce auch Krankenhausmanager und Intensivmediziner und die Präsidenten der Ärzte- und Apothekerkammer.

Die Experten der Corona-Taskforce des Gesundheitsministeriums konferieren mehrmals wöchentlich. "Da werden die aktuellen Zahlen besprochen, und dann wird überlegt, welche Maßnahmen prinzipiell möglich wären", sagt der Infektiologe und Tropenmediziner Heinz Burgmann von der Med-Uni Wien, der ebenfalls in der Taskforce sitzt. "Es findet ein intensiver Diskurs statt, man schaut sich an: Was gibt es an Evidenz, wie sieht es in anderen Ländern aus, was lässt sich für uns daraus schließen?" Es gehe darum, nach intensiver Diskussion einen Konsens zu finden – "und dann ist es eine politische Entscheidung".

Auch Elisabeth Puchhammer-Stöckl, die einzige ausgewiesene Virologin in der Taskforce, hält fest, dass die Wissenschafter in diesem Gremium nur beratende Funktion haben und die Letztverantwortung bei der Politik liegt. "Die Wissenschafter sind dazu da, die richtigen Fragen zu stellen, die richtigen Antworten zu liefern und eine evidenzbasierte Grundlage für die Entscheidungen vorzulegen", betont auch Druml.

Kritik und Konstruktivität

Die Dauer und Häufigkeit der Besprechungen sind vertraulich. Auch die Inhalte und unterschiedlichen Standpunkte in der Taskforce sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Eine Ausnahme stellte Sprenger dar, der vor seinem Rückzug aus der Taskforce die dortigen Meinungsunterschiede öffentlich thematisierte.

Die Taskforce sei sehr medizinlastig, wie Sprenger kritisierte. Expertise aus Bereichen wie etwa den Sozialwissenschaften fehle fast völlig. Eine andere, spezifisch österreichische Lücke: Es gibt im internationalen Vergleich wenig epidemiologische Fachexpertise. Spätestens in der kürzlich begonnen Phase zwei (vorsichtiges Hochfahren des öffentlichen Lebens) sollten laut Sprenger vermehrt Experten aus Pädagogik, Psychologie, Soziologie und Wirtschaft hinzugezogen werden.

Die Mitglieder der Taskforce sind allerdings nicht die einzigen Wissenschafter, die den Gesundheitsminister beraten. So gibt es etwa das Covid-Prognose-Konsortium, das sich aus Teams rund um den Simulationsexperten Popper, den Komplexitätsforscher Stefan Thurner und Experten von Gesundheit Österreich zusammensetzt, die einen exklusiven Zugang zu österreichischen Gesundheitsdaten haben. Thurner berichtet, dass man zwar nicht immer einer Meinung sei, aber offen und äußerst konstruktiv miteinander diskutiere.

Bedecktes Bundeskanzleramt

Neben dem grün geführten Gesundheitsministerium wird auch das türkise Bundeskanzleramt aktuell von Wissenschaftern zu Corona beraten. Im Gegensatz zum Gesundheitsministerium hat das Bundeskanzleramt aber keinen offiziellen wissenschaftlichen Beraterstab und hält sich auch, was die Namen der Experten angeht, bedeckt. Eine Anfrage des STANDARD zu den Wissenschaftern, die Kanzler Sebastian Kurz beraten, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Symptomatisch für die Intransparenz der Beratung war jene Pressekonferenz, bei der Kurz am 30. März die Mund-Nasen-Schutz-Pflicht für Supermärkte ankündigte und erstmals vom Replikationsfaktor (epidemiologisch eigentlich "Basisreproduktionszahl") sprach, der auf unter 1 gesenkt werden müsse. Sinngemäß sagte Kurz, dass man sich bei den Maßnahmen eher an Prognosemodellen orientierte, die von höheren Opferzahlen ausgehen.

Diese wurden unmittelbar davor von Mathematikern geliefert und prognostizierte bei ungünstigster Entwicklung über 100.000 Covid-19-Tote für Österreich. Bei einem "optimistischen Replikationsfaktor" von 0,9 kam die Arbeit, die im Original nie veröffentlicht wurde und von der nur eine Kurzfassung im Netz kursiert, auf "nur" 6.000 Tote.

Zugang zu Daten

Neben Mathematikern der Universität Wien und dem Chef des Instituts für Höhere Studien, Martin Kocher, berät etwa auch der Komplexitätsforscher Thurner den Kanzler. Wie Thurner berichtet, lädt das Bundeskanzleramt Experten unterschiedlicher Disziplinen je nach Problemstellung und mitunter recht kurzfristig ein. Thurner sagt, dass er die zuletzt medial kolportierten Streitereien unter Wissenschaftern nicht erkennen kann. "Wir arbeiten schließlich alle am gleichen Ziel, das Coronavirus, so gut es geht, zurückzudrängen."

Seine Kritik fokussiert sich auf die Datenlage. "Berechnungen können nur so gut sein wie die Daten, die ihnen zugrunde liegen." Die Daten, mit denen gearbeitet werde, müsse man immer erst beschaffen, sie würden bei zahlreichen Institutionen liegen. Dabei gehe viel Zeit verloren. Der Zugriff müsse geregelt, aber dennoch unter Sicherheitsauflagen so einfach wie möglich sein, sagt er.

Von kurzfristigen Regierungsanfragen erzählt auch ein anderer wissenschaftlicher Berater des Kanzlers, der nicht namentlich genannt werden will. Laut ihm erfolgt die Beratung in Absprache mit seiner Hochschule. Und: Für die Tätigkeiten gebe es weder vom Bundeskanzleramt noch von anderer Stelle Bezahlung. Nach Aussagen anderer Experten fließt jedoch in einigen Fällen sehr wohl Geld für die Beratung der Bundesregierung. Eine einheitliche Regelung scheint es nicht zu geben.

Wie Wissenschaft funktioniert

Während in Österreich eindeutig Politiker die öffentliche Diskussion beherrschen und Experten nur in Ausnahmefällen in Pressekonferenzen beigezogen werden, ist dieses Verhältnis nicht überall so: In Staaten mit Chef-Epidemiologen wie Schweden dominiert eine wissenschaftliche Stimme den Diskurs.

Eine transparente wissenschaftliche Debatte ist in Deutschland zu beobachten: Der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, ist quasi zum fixen Bestandteil der deutschen Hauptabendnachrichten geworden. Offen werden Diskussionen – etwa zwischen dem Robert-Koch-Institut und der Leopoldina, der deutschen Akademie der Wissenschaften – ausgetragen. Auch prominente Virologen wie Christian Drosten oder Hendrik Streek schalten sich ein. "Daran sieht man, dass die Politik die Entscheidungen treffen muss, denn die Wissenschaft vertritt keine einheitliche Position", sagt Druml. "Ich finde es sehr wichtig, dass man solche unterschiedlichen Zugänge nun sehen kann."

Wenn sich die Wissenschaft, wie sie leibt und lebt, auf die Finger schauen lässt, ermöglicht das auch bemerkenswerte Beobachtungen: So sprach sich das Robert-Koch-Institut zunächst gegen die Nützlichkeit von Mund-Nasen-Schutz aus, revidierte diese Ansicht aber später. Für Beobachter mit einem Grundverständnis für Wissenschaft ist das ein ganz selbstverständlicher Vorgang: Wissenschaft erhebt ihrem Wesen nach nie einen Wahrheitsanspruch. Ihre Aussagen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern sie verändern sich, wenn sich die Datenlage verändert. Genau darin liegt die Stärke der Wissenschaft.

Abgleich mit der Wirklichkeit

Wie es gelingen kann, in der Öffentlichkeit ein Verständnis dafür zu vermitteln, hat für die Wissenschaftsforscherin Felt wiederum mit Transparenz zu tun: "Expertise ist nie einfach gegeben, sondern wird in einem Prozess hergestellt, bei dem verschiedene Vorstellungen aufeinanderprallen", sagt Felt. "Es wäre wichtig, dass die wissenschaftliche Beratung nicht hinter verschlossenen Türen stattfindet, sondern dass man transparent macht, wie die Expertengremien zusammengesetzt werden und worin die Beratung besteht."

Selbst für Wissenschafter, die Politikberatung gewöhnt sind, stellt die Corona-Krise eine besondere Herausforderung dar: Der Ruf nach evidenzbasierten Empfehlungen erfolgt zu einem Thema, bei dem es bisher an Evidenzen fehlt. "Es gibt zwar eine Flut an wissenschaftlichen Publikationen, doch viele davon wurden noch nicht ausreichend begutachtet", sagt Puchhammer-Stöckl.

Auch Infektiologe Burgmann sieht darin eine enorme Herausforderung: "Derzeit ist es oft wirklich schwierig, herauszufinden, was evidenzbasiert ist und was nicht." Es brauche daher sowohl einen wissenschaftlichen Diskurs wie auch einen Abgleich mit gesellschaftlichen Bedürfnissen: "Wir müssen uns auf ein Rendezvous mit der Wirklichkeit einlassen." (Tanja Traxler, David Rennert, Klaus Taschwer, Peter Illetschko, 25.4.2020)